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Der Vize-Weltmeister wird von seinem bewährten 4-3-3 abrücken und gegen Spanien auf eine Fünferkette setzen. Van Gaal beweist Einsicht - das bietet seltsame Ironie.

KOMMENTAR
Von Stefan Coerts

Denkt man an die niederländische Nationalmannschaft, denkt man automatisch an "Totaalvoetbal", den totalen Fußball. Seitdem sie 1974 mit Akteuren wie Johan Cruyff, Willem van Hanegem und Johan Neeskens das WM-Finale erreichte, wird die Elftal in einem Atemzug mit attraktivem, unterhaltsamem Offensivkick genannt. Abgesehen von der erfolgreichen Europameisterschaft 1988 brachte die attackierende Spielweise allerdings keine Titel. In schöner Regelmäßigkeit vielmehr Enttäuschungen.

Bert van Marwijk wählte als Bondscoach zwischen 2008 und 2012 daher einen deutlich pragmatischeren Ansatz. Lohn war die Teilnahme am Endspiel der Weltmeisterschaft in Südafrika 2010. In eben jenem Finale lief schließlich für die Oranje alles schief: Ihnen entglitt nicht nur zum dritten Mal kurz vor dem Ziel die Trophäe, sie spielten auch derart unattraktiv, dass viele Sympathien flöten gingen.

Statt Lob für das Erreichen des Finals gegen die Meinung alle Skeptiker, gab es in der Nachbetrachtung vor allem Kritik am aggressiven und destruktiven Stil während des gesamten Turniers - und speziell gegen Spanien. Selbst namhafte Ehemalige wie Johan Cruyff und Louis van Gaal stimmten damals in den Chor mit ein.

Letzterer, nun selbst Bondscoach, sagte im Anschluss an das 0:1 gegen Spanien in der Verlängerung: "Ich finde nicht, dass sie attraktiv gespielt haben. Sie haben auf eine hässliche Art und Weise verloren. Dabei haben sie einige phantastische Spieler: Robin van Persie, Wesley Sneijder und Arjen Robben. Spanien verfügt zum Beispiel nicht über solche Stürmer. So hätte man nicht spielen dürfen."

Erhebliche Schwächung durch Strootmans Ausfall

Konsequenterweise sollten wir nun erwarten, dass van Gaal wohl kaum vom seit den 1970er-Jahren praktizierten 4-3-3 abrückt. Doch überraschenderweise ist genau das passiert. Beweggrund war die schwere Knieverletzung von Romas Kevin Strootmann. Ohne den 24-Jährigen traut der frühere Bayern-Trainer seiner Mannschaft nicht zu, im Mittelfeld mit den besten Teams der Welt mitzuhalten. Deswegen hat er kurzerhand seine Prinzipien über Bord geworfen.

In der Vorbereitung auf das Match gegen Spanien am Freitag hat er sowohl mit einem 4-4-2, als auch mit einer 5-3-2-Formation experimentiert. Allgemein wird angenommen, dass er tatsächlich in Salvador auf eine Fünfer-Abwehr setzt, um den Titelverteidiger zu stoppen.

Man kann nicht bestreiten, dass Holland in den vergangenen Jahren defensiv anfällig war. Deswegen installierte van Marwijk seinerzeit auch zwei defensive Mittelfeldspieler vor seiner Viererkette. Dennoch hätte man gewiss erwartet, dass ein Trainer wie van Gaal sich, dem holländischen Dogma treu bleibt. Vor allem, nachdem er van Marwijk in der Vergangenheit kritisiert hatte. Selbst ein Sturkopf wie er hat jedoch eingesehen, dass man sich den Gegebenheiten anpassen muss, wenn man auf allerhöchstem Niveau erfolgreich sein will.

Es geht um Ergebnisse, nicht um Schönheitspreise

Youngster wie Stefan de Vrij, Bruno Martins Indi, Daryl Janmaat und Daley Blind verfügen über großes Potenzial. Aber keiner von ihnen hat Erfahrung bei einem großen Turnier. Und nur Blind war bisweilen in der Champions League aktiv. Da überrascht es wenig, wenn ein Kreativkopf zugunsten einer weiteren Absicherung geopfert wird.

Es gibt keine Garantie, dass sich van Gaals Poker gegen Vicente del Bosques Stars auszahlt. Aber zu glauben, Hollands junge Truppe wäre in der Lage gewesen, Spanien in einem 4-3-3 Paroli zu bieten, wäre naiv. Betrügt der künftige Feldherr Manchester Uniteds also die eigene Philosophie? Zweifelsohne. Ist das verkehrt? Mitnichten.

So sehr manche Leute es auch hassen, im Fußball geht es um Resultate und nicht um Schönspielerei. Van Gaal weiß das besser als jeder andere. Und dennoch bietet seine Abkehr vom "Totaalvoetbal" ob früherer Aussagen eine seltsame Ironie.

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