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Fußball in Brasilien: Vergebliches Warten auf den Boom

Ein britisch-brasilianischer "Missionar" hat die Brasilianer die Liebe zum Leder gelehrt. Die Gegenwart hat wenig von Fußball-Romantik.

Rio de Janeiro. "Missionar" Charles William Miller hatte seine "Bibel" bei der Hand, als er am 18. Februar 1894 im Hafen von Santos in Brasilien anlandete. Neben zwei Lederbällen, einer Luftpumpe, zwei Trikots und einem Paar Fußballschuhe hatte der 19-Jährige das Regelbuch der Hampshire Football Association im Gepäck, und die "heilige Schrift" infizierte die Heiden vor Ort rasend schnell mit der neuen Religion. Doch bis zur ersten echten nationalen Meisterschaft sollten noch über 77 Jahre vergehen.

Brasilien, das war und ist Fußballfreude pur. Doch erst 1971 ging die Campeonato Nacional de Clubes in ihre erste Saison - da war Brasilien bereits dreimal Weltmeister. In England war es 1888, in Italien 1929 und im ebenfalls verspäteten Deutschland immerhin schon 1963 losgegangen.

Korruption und Chaos

Heute, in ihrer 44. Runde, heißt die Meisterschaft nach diversen Umbenennungen Campeonato Brasileiro da Serie A. Hinter diesem Namen verbergen sich gentrifizierter Fußball, sportlich mäßiges Niveau, Korruption, eine Prise Chaos und jede Menge Ärger.

Dabei war Fußball in Brasilien von Beginn an ein Erfolgsmodell - zunächst dank Miller, einem in Brasilien geborenen Sohn eines schottischen Eisenbahningenieurs. Zurück von seiner Studienzeit in England gründete der Stürmer des St. Mary's Football Club das "São Paulo Railway Team", bei dem die Eisenbahner in den Teepausen neben Lokschuppen und Gleisen kickten. Am 14. April 1895 bestritten Miller und Co. gegen die Mannschaft eines örtlichen Gasunternehmens das erste dokumentierte Fußballspiel auf brasilianischem Boden.

Der britische Einfluss zeigt sich bis heute im Fußballjargon (Futebol/Football, Gol/Goal, Time/Team, Penalty), und auch Millers Taten wirken fort. Er war die treibende Kraft bei der Einführung der Staatsmeisterschaft von Sao Paulo, der ersten Spielklasse Brasiliens (seit 1902). Diese Regionalligen, vor allem jene in Metropolen wie Sao Paulo und Rio de Janeiro (seit 1906), bestimmen seit Jahrzehnten den Alltag brasilianischer Kicker von Arthur Friedenreich über "König" Pelé bis zu Neymar.

Die Bundesstaaten suchen noch immer bis April, Mai in zahlreichen, oft heiß umkämpften Derbys ihre Meister. Erst danach spielen die wenigen verbliebenen Stars bis Dezember um den nationalen Titel. In der aktuellen Saison sind neun Spieltage absolviert. Vor der WM-Pause (bis 16. Juli) liegt Meister Cruzeiro aus Belo Horizonte an der Spitze drei Zähler vor einem punktgleichen Quartett, das von "Absteiger" Fluminense angeführt wird.

Trotz Abstieg erstklassig

"Flu" war in der vergangenen Spielzeit als amtierender Meister sportlich abgestürzt, ein juristischer Winkelzug der biegsamen Sportgerichtsbarkeit verhinderte jedoch das historische Debakel - und offenbarte mal wieder eines der vielen eklatanten Probleme des Fußballs am Zuckerhut.

Neben korrupten Bossen verleiden überteuerte Tickets und der Mangel an Idolen vielen Brasilianern den geliebten Futebol. Nach dem Abgang von Superstar Neymar 2013 ist der frühere Weltfußballer Ronaldinho von Atlético Mineiro der größte Name der wenig schillernden 20er-Liga. Die Stürmer Fred (Fluminense) und Ronaldinhos Teamkollege Jô sind die einzigen Feldspieler im brasilianischen WM-Aufgebot aus der heimischen Liga.

Fortdauernde juristische Scharmützel drücken zusätzlich auf die Stimmung. Traditionsklub Vasco da Gama, inzwischen Zweitligist, forderte noch nach Saisonbeginn die Annullierung des gegen Flamengo verlorenen Final-Duells um Rios Staatsmeisterschaft.

Kein Wunder, dass die Fans wegbleiben. Der Zuschauerschnitt lag 2013 bei unter 15.000, in der WM-Saison ist er auf 12.565 gefallen. Es hilft auch nicht, dass Klubs wie Flamengo mit ihren Heimspielen auf Reisen gehen. Am 29. Mai gastierte das populärste Team des Landes in Sao Paulo. Das Spiel gegen Figueirense im Estádio do Morumbi, in dem 80.000 Fans Platz haben, wollten gerade einmal 4577 zahlende Zuschauer sehen. Dass sich durch die WM - wie nach 2006 in der Bundesliga - ein Boom einstellt, ist da mehr als fraglich.

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