Titel, Tränen, Temperamente: Der Fußball lebt von Emotionen und das ist auch gut so

Goooood moooooorning, Johannesburg! Es soll ja Menschen geben, die wegen Fußball weinen. Das sind bisweilen Typen wie Bären, denen dann dicke Tränen über die Backen kullern. In Extremsituationen geschieht das. Wenn der Club seines Herzens gerade abgestiegen ist. Oder die Lieblings-Mannschaft das dramatischen Elfmeterschießen im Endspiel für sich entschieden hat. Dann fallen alle Hemmungen. Zugegeben: Auch ich gehöre zu dieser Spezies.

Von Nils RESCHKE

Goal.com Chefredakteur Nils Reschke
Johannesburg. Die ersten Berührungen mit dem Fußball genoss ich bei der Weltmeisterschaft 1986. Doch als damals Elfjähriger hat man wenig zu melden, wenn einem die Zeitverschiebung nicht gerade in die Karten spielt und die desinteressierte Frau Mama am Bügelbrett mahnende Worte fallen lässt: „Ruhe hier, oder es geht ins Bett!“ Dabei hatte doch Rudi Völler gerade das 2:2 im WM-Finale erzielt. Der Frau am Bügelbrett war das egal, mir kurze Zeit später ebenso. Deutschland verlor 2:3, Tränen liefen über die Wange. Und ein Trost war es auch nicht, mich tags darauf belehren zu lassen, dass der Titel verdient nach Argentinien ging.

Im kleinen Grenzstädtchen

Vier Jahre später allerdings war alles anders. 1990, die Weltmeisterschaft in Italien. Als Jugendlicher genoss man nun mehr Freiheiten. Und als Bewohner einer Stadt, in der man quasi über die holländische Grenze spucken konnte, trat jene Extremsituation ein, bei der auch „Ruuuudiiii“ wieder eine der Hauptrollen spielen sollte. Der Stachel der Enttäuschung von 1988, dem verlorenen EM-Halbfinale gegen Oranje, saß noch tief. Die Schmach, noch einmal tausende Hollandfans jubelnd durch unser beschauliches Städtchen fahren zu sehen, das musste nun wirklich nicht sein. Wir brauchten eine Revanche. Die Rache für Hamburg.

Duell der Erzrivalen

Im Mailänder Guiseppe Meazza brannte an diesem Sonntagabend die Luft. Eine aufgeheizte und giftige Atmosphäre, schließlich bedeutete das Duell der beiden Erzrivalen Deutschland und Niederlande auch den Kampf zwischen Inter und AC. Hier die deutschen Inter-Akteure Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann, verstärkt durch das Roma-Duo Rudi Völler und Thomas Berthold. Auf der anderen Seite Milans Marco van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard. Das DFB-Team ging mit einem kleinen Vorsprung in dieses WM-Achtelfinale.

Das „Drama Lama“

Nach 19 Minuten ließ Rijkaard dann Völler über die Klinge springen – um ihn anschließend auch noch zu bespucken. Doch auch der DFB-Stürmer sah Gelb, als er sich darüber beschwerte. Jetzt war mehr als nur Pfeffer im Spiel, das dem argentinischen Schiedsrichter Juan Carlos Loustau völlig aus den Händen glitt. Drei Minuten später nämlich segelte ein Ball in den Strafraum der Niederlande. Rudi Völler versuchte noch auszuweichen, rasselte aber mit Keeper Hans van Breukelen zusammen. Frank Rijkaard war auch schon da, und gemeinsam nahmen sie „unseren Rudi“ in die Mangel. Und Loustau? Zückte für Rijkaard und Völler „Rot“! „Das ist ein Skandal“, wetterten Gerd Rubenbauer und Kalle Rummenigge in ihre Mikros. Mir schossen vor Wut Tränen in die Augen, als mein Held der Jugend, Rudi Völler, fassungslos das Spielfeld verließ. „Garniert“ mit weiterer Spucke des orangenen Lamas.

Mit Kämpferherz & Klinsmann

Doch was jetzt passierte, war schier unglaublich. Während ich mir noch die Tränen von den Backen wischte, ging durch die deutsche Elf ein Ruck. Eigentlich hätte man ja meinen sollen, den spielstärkeren Niederländern sollte der nun größere Freiraum entgegenkommen. Das Gegenteil war der Fall! Die Deutschen trugen nicht nur den Adler auf, sondern auch Kämpferherz in der Brust. Angeführt von Völlers Sturmpartner Jürgen Klinsmann, der sich dermaßen die Lunge aus dem Leib lief, als bekomme er später Kilometergeld ausgezahlt. „Klinsi“ machte das Spiel seines Lebens, Kumpel „Diego“ Buchwald legte ihm kurz nach der Pause das 1:0 auf. Der Jubel kannte in der ganzen Republik keine Grenzen mehr!

Holland ratlos

Deutschlands Mannschaft hatte beim 4:1-Auftakt gegen Jugoslawien spielerisch überzeugt. Hier und heute präsentierte sie in eindrucksvoller Manier, was mit Kampfkraft und eisernen Willen möglich ist. Die Holländer wussten gar nicht, wie ihnen geschah. Sie kamen eigentlich noch zu gut davon, denn die Beckenbauer-Elf traf auch noch zwei Mal den Pfosten, bis Andi Brehme mit seinem raffinierten Schlenzer für die Entscheidung sorgte.

Freudentränen

Wir lagen uns in den Armen! Den Elfmeter zum 1:2 durch van Basten, der gegen Jürgen Kohler ansonsten keinen Stich gesehen hatte, erlebten wir schon gar nicht mehr richtig mit. Nach diesem Fight waren wir uns sicher: So werden wir auch Weltmeister. Schnell waren die Tränen der Wut den Freudentränen gewichen. Keine Mutter am Bügelbrett, keine drohenden Sanktionen, nur meine Jungs, die deutschen Kämpferherzen und ich. Was für ein Spiel!

Eure Meinung: Bei welchem Fußballspiel kamen euch die Tränen?

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Die Umfrage läuft vom 07.06.2010 bis zum 18.06.2010
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