thumbnail Hallo,

Der frischgebackene Weltmeister-Kapitän beendet seine DFB-Karriere. Es war eine Dekade, die in Brasilien einen krönenden Abschluss fand. Löw war dabei ein ständiger Begleiter.

Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, sagt der Volksmund. Selten scheint diese Phrase so gut zu passen wie im Fall des Nationalelf-Rücktritts von Philipp Lahm, der sich am Freitag nach 113 Länderspielen und zehn Jahren aus dem DFB-Kader verabschiedete. Nur wenige Tage nach dem Gewinn des WM-Titels gab der Mann vom FC Bayern München seinen überraschenden Schritt bekannt.

Was wirkt, wie die Entscheidung eines Spielers, der sich mit dem größten Erfolg seiner Karriere von der ganz großen Bühne zurückziehen will, ist in Wahrheit von langer Hand geplant gewesen. Lahm wäre auch ohne Titel zurückgetreten, wie er deutlich machte: "Im Laufe der vergangenen Saison habe ich den Entschluss gefasst, nach der Weltmeisterschaft meine Länderspielkarriere zu beenden", heißt es in seiner Erklärung auf der Internetseite des DFB.

Bundestrainer Joachim Löw wurde darüber erst am Montag nach dem gewonnen WM-Finale informiert, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach einige Tage später. Die Zusammenarbeit zwischen Löw und Lahm ist somit, wahrscheinlich für immer, beendet. "Als ich im Juli 2004 als Assistenztrainer zur Nationalmannschaft kam, stand auch Philipp Lahm mit wenigen Länderspielen noch ganz am Anfang seiner Karriere in der Nationalmannschaft", blickte Löw auf die Anfänge der gemeinsamen Zeit beim DFB zurück.

Als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann saß der vierte deutsche Weltmeistertrainer im August 2004 erstmals auf der deutschen Bank, als der damals 20-jährige Lahm beim 3:1-Sieg gegen Österreich sein zehntes Länderspiel absolvierte und noch von den Bayern an den VfB Stuttgart ausgeliehen war. Sein Nationalmannschaftsdebüt hatte Lahm einige Monate zuvor unter Rudi Völler gegeben, dessen Zeit beim DFB nach der verkorksten EM in Portugal vorbei war.

In seinem ersten Länderspiel stand der gebürtige Münchener genauso in der Startelf wie in den folgenden 112, war stets Stammspieler, wenn er nicht verletzt ausfiel. Kein deutscher Spieler bestritt so viele Länderspiele, ohne jemals eingewechselt worden zu sein.

Gemeinsam mit Löw wuchs Lahm an seinen Aufgaben in der Nationalmannschaft. Zusammen sorgte man für das Sommermärchen bei der WM 2006 in Deutschland, in dessen Folge Klinsmann zurücktrat und sein bisheriger Assistent den Chefposten übernahm. Auch Lahms Rolle änderte sich. Bis dato als reiner Linksverteidiger eingesetzt, beorderte ihn Löw nun wiederholt auch auf die rechte Seite.

Der Abwehrmann musste in der Folge immer wieder die Positionen wechseln, bei der EM 2008 agierte er auf beiden Seiten, bei der WM 2010 ausschließlich rechts, zwei Jahre später in Polen und der Ukraine dauerhaft auf links. Der Wirkungsbereich auf dem Feld änderte sich, der Ertrag aber blieb gleich. Bei allen drei großen Turnieren, die Lahm bis zur WM 2014 mit Löw als Cheftrainer erlebte, stieß die deutsche Elf ins Halbfinale vor, der große Coup aber blieb verwehrt.

Jüngster WM-Kapitän der DFB-Geschichte

Auch vor vier Jahren in Südafrika, als Lahm nach der Verletzung von Michael Ballack zum jüngsten WM-Kapitän der deutschen Fußball-Geschichte ernannt wurde, am Ende aber Spanien eine Nummer zu groß war. Oder bei der EM 2012, als man gegen Angstgegner Italien ausschied. Aber weder Löw noch Lahm wollten sich mit einem Platz unter den letzten Vier zufriedengeben. Bei der folgenden WM schließlich wurde vollendet, was zehn Jahre zuvor mit der Zusammenarbeit zwischen dem heutigen Trainer und seinem nun scheidenden Mannschaftsführer begonnen hatte.

In Brasilien musste Lahm zunächst im defensiven Mittelfeld ran, ehe Löw ihn wieder als Rechtsverteidiger einsetzte. In Deutschland war die Position des Kapitäns ein heiß diskutiertes Thema, manch einer wünschte sich einen Klon des Bayern-Akteurs, damit dieser an zwei Stellen gleichzeitig sein kann. Es reichte am Ende eine Version von ihm.

Erneut drang die DFB-Auswahl bis ins Halbfinale vor, in dem Gastgeber Brasilien mit 7:1 gedemütigt wurde. Für Lahm war das nicht nur angenehm: "Das war beklemmend, ich war gar nicht euphorisch", verriet er dem Stern. "Niemand will, dass der Gegner Fehler macht, die auf diesem Niveau sonst nicht passieren." Es zeugt von großem Sportsgeist, wenn ein Spieler so empfindet.

Bayern profitiert

Im Endspiel gegen Argentinien folgte dann der finale Schritt, mit dem sich sowohl Löw als auch Lahm unsterblich machten. Der 30-Jährige spielte diese Partie mit dem Wissen, dass sie seine letzte im DFB-Dress sein würde. Die letzte Chance, auf den Thron zu steigen. Umso größer muss gerade bei ihm die Erleichterung gewesen sein, das Ziel endlich erreicht zu haben.

Über die Gründe seines Rücktritts kann nur spekuliert werden. Er hätte gut und gerne noch vier Jahre bis zur nächsten WM dranhängen können, auch der EM-Titel wäre drin gewesen. War ihm die Anzahl an Spielen zu viel geworden? Lahm steht bei den Bayern so gut wie immer in der Startelf, rausrotiert werden andere. Länderspiele, Bundesliga, DFB-Pokal, Champions League - es wäre ein verständlicher Wunsch, irgendwann das Pensum runterfahren zu wollen.

Fakt ist: Mit dem Sieg gegen Argentinien ist eine große Nationalmannschaftskarriere zu Ende gegangen, die einen krönenden Abschluss fand. Die Lücke nach Lahms Abgang zu schließen, dürfte für Löw ein äußerst schwieriges Unterfangen werden.

Nutznießer des Rücktritts könnten letztlich die Bayern sein, bei denen Lahm kürzlich bis 2018 verlängert hatte. Für die sei das aufgrund der nun geringeren Belastung ihres Kapitäns "sicherlich gut", erklärte Lothar Matthäus bei Sky Sport News HD. "Philipp versucht, sich jetzt ein bisschen rauszunehmen und vom Gaspedal zu treten, um eben bei den anderen wichtigen Aufgaben vollkommene Fitness zu erlangen." Für Bayerns Konkurrenz in Bundesliga und Champions League ist das keine gute Nachricht.

Dazugehörig