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Zum Streik aufrufende Spieler, vor Gerichten klagende Fans, finanziell klamme Vereine und randalierende Hooligans - im WM-Jahr herrscht in Brasilien gereizte Stimmung.

Rio de Janeiro. Ausgerechnet im WM-Jahr steht der Klubfußball im Gastgeberland Brasilien vor der Zerreißprobe. Weil auch zivile Gerichte, mit Klagen von Vereinen und Fans überhäuft, nun über Abstieg und Klassenverbleib entscheiden, und deshalb noch gar nicht feststeht, wer in der neuen Erstliga-Saison dabei ist. Zudem sorgt ausgerechnet das Fußballfest im eigenen Land für Geldsorgen. Und randalierende Fans zusätzlich für einen schwer reparablen Imageschaden.

Die in den Himmel gereckte dunkle Faust im Hintergrund erinnert an die Black-Power-Bürgerrechtsbewegung in den USA, in gelben Lettern prangt auf dem Schwarz-Weiß-Plakat der Appell: "Wir fordern alle zu einer Revolution auf." Nicht nur bei der Unterschriften-Petition der Fans schlägt die Spielervereinigung Bom Senso FC längst harte Töne gegen den brasilianischen Fußball-Verband CBF an.

Nicht von ungefähr haben sich nun schon weit über 1000 Profis zur Protestbewegung, die vom Namen her auf ein von Vernunft und gesundem Menschenverstand beruhendes Vorgehen setzt, vereint. 2002-Weltmeister wie Dida und Gilberto Silva oder auch ehemalige Bundesliga-Stars wie der einst in Leverkusen tätige Juan fragen provokativ auf der vor wenigen Tagen online geschalteten Internet-Homepage: "Ist Brasilien wirklich das Land des Fußballs?"

Fehlende Beschäftigung und finanzielle Mittel

Die absurd erscheinende Realität wird mit Zahlen, jedoch ohne Quellenangaben für diese, belegt. Von 684 Profiklubs seien 583 ohne durchgängige Meisterschaften über sechs Monate des Jahres inaktiv. Von 20.000 Profis würden rund 16.000 weniger als zwei Salario Minimo (gesetzlich festgeschriebener Mindestlohn) erhalten, umgerechnet also keine 440 Euro, und das auch nur in der Zeit mit Ligabetrieb.

In den letzten fünf Jahren sei zudem die Verschuldung der Klubs um 75 Prozent gestiegen. Alleine bei der Bundesregierung stünden die Vereine mit umgerechnet 760 Millionen Euro in der Kreide.

Der Bom Senso FC fordert deshalb auch per online geschalteter Unterschriften-Aktion: Einen neuen Spielkalender mit weniger Spielen für die großen Klubs und mehr für die kleinen. Ein Finanzielles Fair Play analog der Europäischen Fußball-Union (UEFA), also mehr Kontrolle und Disziplin bei Finanzgebaren der Klubs. Und für die Fans Sicherheit, Komfort in den Stadien, maßvolle Eintrittspreise, akzeptable Anstoßzeiten.

Spieler drohen dem Verband mit Streik

Doch der CBF, der die vier nationalen Profiligen verwaltet, stellt sich (noch) stur. "Die spielen mit dem Feuer. Wir Athleten sind an unsere Geduldsgrenze angekommen. Wenn es so weiter geht, wird es einen Streik geben", bekräftigte Paulo André, Verteidiger bei Topklub SC Corinthians und einer der Initiatoren der Bewegung, zu Jahresanfang.

Ungemach droht dem Verband auch wegen seines eigenen Sportgerichts. Der STJD hatte Portuguesa nach dem Saisonfinale wegen Einsatzes eines nicht spielberechtigten Akteurs zum Abzug von vier Punkten verurteilt. Damit rutschte der Erstligist aus Sao Paulo auf einen Abstiegsrang, was wiederum den sportlich abgestiegenen Fluminense FC aus Rio de Janeiro, als Titelverteidiger in die Saison gestartet, vor dem Gang in die Zweitklassigkeit bewahrte.

Fans beider Klubs liefern sich nun vor Zivilgerichten eine bizarre Justizschlacht. Bei fast täglich ausgesprochenen Einstweiligen Verfügungen für und gegen die STJD-Entscheidung weiß keiner mehr, wie es weitergeht, wer in der Liga bleibt, wer ins Fußball-Unterhaus muss. Knackpunkt ist, ob die zwei Tage vor dem Saisonfinale ausgesprochene Sperre auch ohne Veröffentlichung in einem Amtsblatt, wie es ein Bundesgesetz vorsieht, Gültigkeit hat.

Negatives Image und Eigeninteressen verhindern Besserung

So verliert der Fußball im Dunstkreis des Zuckerhuts weiter an Glaubwürdigkeit. Und das in einer Zeit, in dem die Sponsoren ihre Gelder in WM-Aktionen stecken und für den Klubfußball weniger übrig haben. "Unsere größte Sorge ist das Kürzen der Ausgaben. Es wird ein schwieriges Jahr", berichtet Fábio Koff, Präsident von Erstligist Grêmio aus Porto Alegre. Zumal der offiziell am 20. April beginnende Campeonato Brasileiro wohl erst nach der WM-Pause an Fahrt aufnehmen wird.

Bei Zweitliga-Absteiger Vasco da Gama war der Hauptsponsor (Nissan) jedoch aus einem anderen Grund abgesprungen. Der japanische Autohersteller wollte seine Marke nicht mit den weltweit für Entsetzen sorgenden Bildern der brutalen Ausschreitungen beim Erstligaspiel bei Atlético Paranaense in Verbindung bringen.

Imagepflege, die dem brasilianischen Klubfußball gerade im WM-Jahr gut zu Gesicht stünde. Dem Schulterschluss Spieler-Vereine-Verband-Fans stehen jedoch zu viele Eigeninteressen im Weg. Da hilft auch keine Forderung nach dem "Bom Senso" - dem gesunden Menschenverstand.

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