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Dortmunds Abwehrchef gehörte zu den Entdeckungen dieser EM – erinnerte in gewissen Momenten aber auch an die Champions-League-Saison der Borussia.

Warschau. Mats Hummels und Holger Badstuber saßen nach Abpfiff noch eine Weile zusammen und schienen zu analysieren, wie die DFB-Elf das Halbfinale gegen Italien in der ersten Halbzeit verloren hatte. Wahrscheinlich dachte Hummels an diesen einen Moment der Unachtsamkeit, den man gegen einen Stürmer von Antonio Cassanos Klasse besser nicht hat – und der das Spiel gegen die Squadra Azzurra ein Stück weit zum Spiegelbild von Hummels EM-Leistung machte: Über weite Strecken solide und souverän, mit diesem einen Augenblick, der an das schwache Abschneiden Borussia Dortmunds auf dem großen internationalen Parkett erinnerte. Gegen Italien hatte der Meister und Double-Sieger Hummels den Eindruck einer guten Partie mit einem Stellungsfehler getrübt, der diesmal schmerzlich bestraft wurde.

Dabei war die EM bis zum gestrigen Ausscheiden eine einzige Erfolggeschichte für den Mann aus Dortmund. Noch vor dem ersten Spiel rechneten alle mit einer Degradierung Hummels' und dem Einsatz von Per Mertesacker. Der in das spanische Kurzpassspiel verliebte Löw und der BVB-Abwehrchef, der das Spiel so gerne mit langen Bällen eröffnet, das geht nicht, waren sich die Medien im Vorfeld fast schon unisono einig. Löw gab seine Nibelungentreue gegenüber dem arrivierten, aber nicht fitten Mertesacker dann aber doch auf, zugunsten des „Rückenwinds aus Meisterschaft und Pokal“, den er bei Hummels wahrgenommen hatte. Gegen Portugal stand Hummels in der Startelf – es war eine der Personalentscheidungen, welcher der allgemeinen Ansicht vom glücklichen Händchen des Bundestrainers einen ungemeinen Schub verlieh.



Hummels spielte meisterlich auf, als hätte es die Diskussion um seine Person nie gegeben – defensiv wie offensiv. Acht Ballgewinne, 71 Pässe – davon sogar neun lange – und eine vorzeigbare Passquote (88,7 Prozent). Der starken Leistung gegen Portugal, womöglich Hummels' bester im Turnier, folgte ein gutes Spiel gegen die Niederlande, wobei die weiße Weste des Dortmunders einen kleinen Flecken bekam, als ihn Robin van Persie vor seinem sehenswerten Schuss zum 1:0 ähnlich düpierte, wie es drei Spiele später auch Cassano noch einmal machen sollte. Unweigerlich musste man daran denken, dass der Arsenal-Stürmer auch in der vergangenen Champions-League-Saison dreimal gegen den BVB zum Torerfolg kam.

Auch wenn der Anschlusstreffer von keinen Schaden mehr anrichtete, Hummels wurde wohl zum ersten Mal daran erinnert, wie schnell eine Nachlässigkeit gegen einen Top-Stürmer von internationaler Klasse Folgen haben kann. Gegen Dänemark war es Nicklas Bendtner, der Deutschland nochmal kurz zittern ließ, weil nach einer Ecke die Zuteilung nicht stimmte. Später nahm ihn Hummels bei Standards in Manndeckung, was sich sogleich negativ auf Bendtners Gefahrenpotential auswirkte.

Die Vorrunde beendete der Innenverteidiger als Shootingstar der DFB-Elf, der nun auch im Nationaldress zu seiner Dortmunder Sicherheit gefunden hatte. Dank seiner Zweikampfstärke und der Fähigkeit zur Antizipation mauserte sich der 23-Jährige zu einer der Entdeckungen der EM. Nach der Vorrunde verzeichnete die Statistik 20 Balleroberungen, eine Passquote von 91 Prozent und nur drei verlorene Zweikämpfe für den BVBler. Dazu kamen Vorstöße ins Mittelfeld, die Kommentatoren regelmäßig Beckenbauer-Vergleiche über die Lippen lockten und die deutsche Spieleröffnung bereicherten. Von Per Mertesacker sprach zu diesem Zeitpunkt niemand mehr.



Gegen Griechenland kaum gefordert, begann Hummels auch gegen Italien souverän, sicher - in BVB-Form mochte man sagen. In der Anfangsphase hätte er sich fast als Torschütze hervorgetan, danach hatte er Mario Balotelli gut im Griff. Hummels einziger gravierender Patzer erinnerte dann aan das andere Gesicht des Deutschen Meisters, das aus der Champions League. Hummels stellte Cassano gemeinsam mit Jerome Boateng auf dem rechten Flügel, öffnete dabei aber den Weg zum Tor, den der flinke Milan-Stürmer mit einer Körpertäuschung dann einschlug. Mit einer schnellen Drehung verschaffte Cassano sich Platz und Zeit für die Flanke auf den Kopf von Mario Balotelli, der gegen den überraschten Badstuber zum 1:0 einköpfen konnte.

„Ich habe den Ball zwischen den Füßen gesehen und wollte ihn vorbeispitzeln. Dann spielt Cassano mich aus. Das die Flanke zustande kommt, ist mein Fehler. Mich ärgert es umso mehr, dass ich großen Anteil daran hatte, dass es 0:1 steht“, analysierte Hummels nach dem Spiel selbstkritisch. Der Fehler brachte die DFB-Elf gegen eine clevere italienische Elf zwar in den Rückstand, die Gründe für das Ausscheiden Deutschlands dürften aber zahlreich sein. „Er wird nie, nie wieder - und da bin ich mir sicher - diesen Fehler machen“, war ARD-Experte Mehmet Scholl nach dem Spiel überzeugt. Sollte Scholl Recht behalten und Hummels das Lehrgeld in die Tasche stecken, könnte es auch in Zukunft wieder Beckenbauer-Vergleiche hageln. Der gewann seinen ersten Titel mit Deutschland, die Europameisterschaft 1972, übrigens mit 27. So alt ist Hummels dann in vier Jahren, zur EM in Frankreich.

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