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In seiner exklusiven Kolumne für Goal.com schreibt der frühere holländische Stürmer über die schwache Taktik der „Three Lions“ im Viertelfinale und seinen Geheimtip Portugal.

 Jimmy Floyd Hasselbaink
 Euro 2012 Kolumnist
   

England zuzusehen war wie eine Zeitreise

Ich war von England gegen Italien sehr enttäuscht. Sie waren so eindimensional. Ihnen beim Spielen zuzusehen war wie eine Zeitreise zehn Jahre zurück. In der ersten Hälfte hatte England noch Freude am Spiel, aber in der zweiten und in der Verlängerung wurde der Ball nur noch schnell zu Andy Carroll gekickt, der die Anweisung hatte, ihn zu halten, normalerweise dann verlor und das war dann das Ende des Spielzugs.

England muss an einem anderen Profil arbeiten, mit der Zeit gehen und das 4-4-2 hinter sich lassen. Sie müssen an einem internationaleren 4-3-3-System arbeiten, bei dem es schwieriger ist, dich durch die Mitte anzugreifen. Für Italien war es so einfach, durch das Zentrum zu kommen, dass es manchmal schon beschämend war. Ich denke nicht einmal, dass Italien gut gespielt hat. England hat seinerseits nicht hart genug daran gearbeitet, Andrea Pirlo aus dem Spiel zu nehmen. Mit drei Mittelfeldspielern hätte man ihn aus seinem Rhythmus bringen und ihm weniger Zeit am Ball lassen können.

Ashley Young verteidigte mehr, als dass er angriff. Ich hatte den Eindruck, es war mehr eine Partie für jemanden wie Alex Oxlade-Chamberlain, der den Ball auch mal halten kann und taktisch solider ist. England ist mit einer Menge Verletzungssorgen in das Turnier gegangen. Auf dem Papier war es nicht die beste Mannschaft.

Aber das Problem war neben den Spielern auch die Taktik. England hatte vom Beginn des Viertelfinals an keine Chance, weil sie zu sehr auf ein Viereck im Mittelfeld ausgerichtet waren. Es war sehr einfach, sich durch ihre Linien zu kombinieren und Italien hat ihnen konstant Probleme bereitet. England hätte gegen Italien mit nur einem Stürmer beginnen sollen. Ich hätte Rooney genommen. Das Problem waren aber nicht Carroll oder Danny Welback.
England hat das Spielgerät einfach zu Carroll gedroschen, der ihn behaupten sollte, während die Mitspieler meilenweit weg waren.

Wie England, hat auch Deutschland im Mario Gomez einen großen Stürmer. Aber die Deutschen setzen ihn anders ein: Sie lassen den Ball um ihn zirkulieren und spielen ihn nicht einfach von hinten an. Sie passen den Ball erst in der Nähe des gegnerischen Strafraums. England hat das Spielgerät einfach nur unverdrossen zu Carroll gebracht, der ihn behaupten sollte, während die Mitspieler meilenweit weg waren. Wenn man so spielt, kommt man nicht zu Chancen.

Es wird für die älteren Spieler wie Steven Gerrard, Frank Lampard und John Terry sehr schwierig, mit England weiter zu machen, weil die Zeit letzendlich jeden einholt. Vielmehr ist jetzt die Zeit gekommen dass Jack Wilshere, Kyle Walker, Danny Welbeck und einige andere nachrücken, mit denen man an einem modernerem System arbeitet.

Seid nicht zu streng mit Rooney

Wayne Rooney hat ein Solala-Turnier hinter sich. Aber wir sollten in unserer Analyse nicht zu streng mit ihm sein. Er braucht die richtigen Spieler hinter sich, die ihn in Szene setzen können. Ich hätte Rooney gerne weiter vorne gesehen, mit mehr Chancen, als so weit hinten wie er in seinen beiden Partien gespielt hat.

Hinsichtlich seiner Physis: Ich weiß aus Erfahrung, dass man ohne die nötige Anzahl von Spielen einfach nicht richtig fit wird. Man kommt nur durch Spiele richtige in Form, nicht durch Training, egal wie hart du trainierst.

Ich weiß, dass einige Leute sagen, dass die FA für ihn ein paar Spiele hätte organisieren können. Aber wer spielt dann mit Rooney? Seine Team-Kameraden eher nicht.  Und dann hängt das auch davon ab, gegen wen du spielst. Andere Nationalteams haben ihre eigenen Spiele oder sind im Urlaub. Man kann nicht einfach gegen Freizeitmannschaften kicken, die Verletzungsgefahr ist außerdem sehr groß. Es ist nicht einfach.

Gomez sticht heraus

Es war bisher kein gutes Turnier für Mittelstürmer und um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung, warum. Es ist sehr enttäuschend. Robin van Persie hatte seine Probleme, zum Teil, weil gewisse Spieler wie Wesley Sneijder nicht in guter Form waren. Und Fernando Torres war bisher nicht so im Geschehen, wie ich es erwartet hatte.

Aber die große Enttäuschung ist Karim Benzema. Ich glaube, er hatte kaum einen richtigen Torschuss für Frankreich, was wirklich eigenartig ist. Gomez war der Stürmer, der mich am meisten bei diesem Turnier beeindruckt hat. Nach einigen vergebenen Chancen im Champions League-Finale, die auch Kratzer an seinem Selbstbewusstsein hätten zurücklassen können, hat er sich eindrucksvoll zurückgemeldet.

Schleichendes Gefühl pro Portugal

Deutschland sah sehr solide aus, aber ich habe ein schleichendes Gefühl, dass Portugal Spanien ärgern und sogar das Turnier gewinnen kann. Das Spiel gegen Spanien kommt ihnen gelegen. Sie haben viele Spieler, die in Spanien spielen, und kommen gut damit zurecht, nicht in Ballbesitz zu sein.

Portugal sah sehr einheitlich aus, Defensive und Mittelfeld verrichten zudem einen guten Job. Cristiano Ronaldo hat mich etwas überrascht. Er hat für die Mannschaft gespielt, drei Tore erzielt – wobei er noch mehr hätte machen können – und wirkte sehr gefährlich.

Deutschland hat ein so gutes Team, aber das könnte auch zum Stolperstein werden. Joachim Löw weiß vielleicht nicht genau, wen er spielen lassen soll. Und sie haben ein Dilemma, was die Angreifer betrifft. Was machen mit Lukas Podolski? Was ist mit Gomez und Klose? Ich würde Gomez stürmen lassen, weil er ein ziemlicher Brocken und stark in der Luft ist. Im Strafraum sorgt er für mehr Schrecken.

EURE MEINUNG: Mit welchen Spielern muss England den Umbruch einleiten?

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