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Acht Spieler des FC Liverpool stehen in den Kadern von England, Spanien und Dänemark. Eine illustre Runde von Experten beleuchtet ihre Stärken, Schwächen und Chancen.

Kiew. An diesem Freitagabend wird Steven Gerrard, Ikone des FC Liverpool, die englische Nationalmannschaft als Kapitän auf das Feld führen. In der Startelf oder auf der Ersatzbank werden mit Glen Johnson, Martin Kelly, Jordan Henderson, Stewart Downing und Andy Carroll fünf weitere Spieler der „Reds“ das Spiel in Angriff nehmen. Auch Daniel Agger, Kapitän der dänischen Nationalelf, und Pepe Reina, zweiter Torwart der Spanier, sind aus Liverpool zur Europameisterschaft gereist.

Der Traditionsklub hatte die Saison mit großem Erfolg und attraktivem Offensivfußball begonnen, doch bereits Ende 2011 kam das Team ins Stottern. Letztendlich konnte man sich nur noch durch den Sieg des Carling Cups die Teilnahme an der Europa League sichern, die Legende Kenneth Dalglish wurde als Trainer abgesetzt, die Sport- und Kommunikationsdirektoren entlassen – traurige Bilanz einer mit Hoffnung erwarteten Saison.

ENGLAND
GRUPPE D
DIE LETZTEN FÜNF SPIELE
Ergebnis
 ENGLAND -  SCHWEDEN
1:0
 ENGLAND -  NIEDERLANDE  2:3
 NORWEGEN - ENGLAND 0:1
 ENGLAND - BELGIEN 1:0
 ENGLAND - FRANKREICH 1:1
Zusammen mit einer Schar Experten aus Sportjournalisten, Fußball-Bloggern und Netz-Prominenz bespricht Goal.com diese acht Auserwählten des FC Liverpool, die es trotz enttäuschender Ligaform zur EM geschafft haben, unter verschiedensten Vorzeichen. Ein Blick zurück in die Vergangenheit auf einen jungen Steven Gerrard, der sich gerade eben erst einen Namen macht. Wie ist es um das Selbstbewußtsein eines Jordan Henderson bestellt, der nach seiner ersten Saison noch nicht alle Erwartungen erfüllen konnte. Und dann wäre da noch Andy Carroll. So vielfältig die Standorte und Hintergründe unserer Experten sind, so vielseitig sind ihre Schlüsse.

Glen Johnson


Beim FC Liverpool seit: Juni 2009; Einsätze in der Nationalmannschaft: 39

Dennis Reinkens, Goal.com-Redakteur, Autor, In den Knick, Berlin.

„Als junger Mann bei Chelsea wurde er hoch gehandelt und galt als großes Talent, leistete sich aber regelmäßig unerklärliche Schnitzer. Vielleicht hat ihn schon damals jemand zur Seite genommen und zu mehr Ruhe geraten. Glen Johnson geht heute extrem wenig Risiko und ist zu einem Muster für Solidität geworden.

Das Spiel muss Glen Johnson schon unmittelbar betreffen, sonst nimmt er kaum daran Teil. In der vielbeinigen Abwehr der "Three Lions" verschwand er phasenweise förmlich. Der Raum ist bei ihm stets in Sicherheit, die Gegenspieler überlässt er gerne seinen Kollegen. So entsteht ein dahinplätschernder, unspektakulärer Stil des Stellungsspiels, der die Fans selten mit der Zunge schnalzen lässt, dem Trainer aber kaum Gründe gibt, einem anderen Akteur die Chance zu geben. Dennoch würde Johnson seinen Stammplatz in der Nationalelf wohl einbüßen, wenn es ernsthafte Konkurrenz gäbe. Denn seine mitunter doch recht sorglose Art wird bei der eigenen Spieleröffnung zur Gefahr. Inmitten der französischen Pressing-Versuche ließ er am Montag einige Male den Ball an der eigenen Eckfahne für den bemitleidenswerten James Milner liegen, um selbst einen etwas unmotivierten Weg nach vorne zu wählen. So viel Sorglosigkeit hat er sich aus der Jugend also noch bewahrt...“


Jordan Henderson


Beim FC Liverpool seit: Juni 2011; Einsätze in der Nationalmannschaft: 4

Karl Matchett, Chief Editor, The Liverpool Word, Liverpool.

„Jordan Henderson's späte Nachnominierung macht ihn zum dritten gelernten zentralen Mittelfeldspieler im England-Team, was auch bedeutet, dass er in jedem Fall Einsätze bekommen wird bei dieser Europameisterschaft. Hendersons Pässe, die sowohl über kurze Distanz auf den Fuß gespielt als auch mit dem Blick nach vorne zu den Offensiven durchgesteckt werden, werden der Elf gut zu Gesicht stehen, wenn man von der im Spiel gegen Frankreich gezeigten defensiven Herangehensweise ausgeht. Er wird sicherlich hart arbeiten, hat aber weder den nötigen taktischen Sinn noch das aggressive Tackling, um Parker oder Gerrard auf der Doppel-Sechs herausfordern zu können. Sein größtes Problem ist und bleibt sein mangelndes Selbstbewusstsein.“


Daniel Agger


Beim FC Liverpool seit: Januar 2006; Einsätze in der Nationalmannschaft: 48 (C)

Tobias Holtkamp, Journalist, Sport Bild, Hamburg.

„Die Dänen sind für mich die größte Überraschung der ersten EM-Woche. Daniel Agger ist aus der Defensive heraus der absolute Leader. Zweikampfstärke und Spieleröffnung, das war schon gegen Holland zu sehen, sind das eine. Das größte Agger-Plus für Dänemark ist aber vermutlich seine Ausstrahlung. Er verkörpert unbedingten Siegeswillen gepaart mit der Überzeugung, jeden Stürmer der Welt ausschalten zu können. Und: zu wollen. Die Erfahrung und das Selbstvertrauen aus mittlerweile sechs Jahren Liverpool stehen Daniel ins Gesicht geschrieben. Er lebt den Kollegen vor, wie man Erfolge holt: dran glauben. So haben es die Dänen 1992 bis zum Titel gebracht, sie haben nach dem Auftakt-0:0 gegen die großen Engländer einfach an ihre Stärken geglaubt. Agger hätte vermutlich riesige Lust, sich im Sensationsfall den EM-Pokal auf den Körper zu tätowieren. Einziges Problem: Er hätte kaum noch ein freies Plätzchen.“


Steven Gerrard


Beim FC Liverpool seit: 1989; Einsätze im Nationalteam: 93 (C)

Gerald Wenge,  Autor, Der Toedliche Pass, München.

„Man kennt ihn ja nicht. Man sieht ihn gelegentlich spielen, mal gut, mal weniger gut, ab und zu herausragend, und hofft, dass er noch lange spielen möge. Er verkörpert den Typ Captain, der auf dem Platz wirkt, nicht in der Kabine, den, der wahrscheinlich gar nicht Captain werden, geschweige denn sein wollte, sondern lieber Spin Doctor, Einflüsterer, Strippenzieher. Die Stimme leicht brüchig, der Blick etwas unstet – im Fernsehstudio. In der Kabine und auf dem Platz mag das ganz anders sein. Auf offener Straße würde man seine Profession kaum erahnen, so normal und so wenig breitbeinig kommt er daher: „Sie sind Fußballprofi? Dann bin ich Papst.“

Spielern wie ihm oder dem von Dietmar Hamann hoch geschätzten Jamie Carragher gönnt man jeden Titel doppelt und dreifach, wurde und wird er doch mit dem Verein errungen, dem von Kindesbeinchen an alle Sympathien galten (von "Liebe" zu sprechen verbietet das Sujet), und vermutlich war bereits der Schnuller rot, der dem weinenden Stevie in den ersten Lebensmonaten in den Mund gesteckt wurde.* Ein Ibrahimovic mag jedes Jahr Meister werden, ein Gerrard nie, und doch ist letzterer bereits jetzt „a living legend“, ersterer „a pain in the arse“.

Doch darum geht es aktuell bekanntlich nicht: Die leidige Frage, ob und wie Gerrard zusammen mit Lampard funktionieren kann, wird bei diesem Turnier sowieso nicht und bald von der Geschichte beantwortet. Bis dahin bleibt zu hoffen (wie meist wohl: vergeblich), dass Gerrard auch in der Nationalmannschaft das Feuer entfacht bekommt, das er beim Liverpool FC schon so oft entfacht bekam.

*Hört sich gut an, ist aber mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch: Vom Merchandising in heutiger Form waren die Vereine damals natürlich noch weit entfernt.“

Heinz Kamke, Premium-Blogger, angedacht, Stuttgart.

„Steven Gerrard. Noch dazu mit den drei Löwen. Woran soll man da denn sonst denken, wenn nicht an jenes 1:2 (das Endergebnis lassen wir tunlichst außen vor)? Eben. Geht nicht. Ohne länger darüber reden zu wollen: Es war ein großartiges Tor. Kurze Annahme mit der Brust, einmal springen lassen, satt und trocken abziehen – der leider nur gelegentliche Bewunderer nachfolgender Treffer ist geneigt, von einer Blaupause zu sprechen.

Die Fußballwelt war damals eine andere, die Kräfteverhältnisse nur zum Teil. Frankreich war Welt- und Europameister, England kaum mehr als ein Zaungast, Liverpool Europapokalsieger. Zidane war amtierender Weltfußballer, Beckham Fußballspieler, der eine Ronaldo in der Reha, der andere Jugendspieler bei Sporting, und Freistöße erforderten keine Choreographie, zumal aus dem Halbfeld. Es war nicht nötig, den Ball zentimetergenau auf dem Rasen zu drapieren, das Ventil im richtigen Winkel zu platzieren, den korrekten Abstand in Standardschritten abzuzählen; vielmehr reichte es, den Ball in beide Hände zu nehmen, ihn nahezu achtlos, mit ein wenig Rückwärtsdrall versehen, anderthalb Meter nach vorne zu schmeißen, kurz in die Mitte zu schauen und schnöde mit etwas Effet zu flanken. Unprätentiös, möchte man sagen. Damals, 2001. Oder eben damals, im Juni 2012, bei der EM, gegen Frankreich, vor dem 1:0. Steven Gerrard.

Ja, er ist schon ein Weilchen dabei. Nicht lange genug indes, um sich der Aussprache sicher zu sein. Thomas Wark zum Beispiel, der sich auch schon ein paar Tage mit Fußball befassen sollte, gelang es gegen die Franzosen kurz vor Schluss, innerhalb von zwanzig Sekunden von etwas, das ganz grob wie „Jarrett“ klang, zum „Gérard“ zu wechseln. Gerrard wird’s egal sein. Vermutlich denkt er nicht einmal im Geheimen, dass es ihn auch in dieser Hinsicht härter hätte treffen können. Und Thomas Wark denkt an Alexander Mark David Oxlade-Chamberlain.“


Martin Kelly


Beim FC Liverpool seit: 1997; Einsätze in der Nationalmannschaft: 1

Martha Anne Kartawik, Expertin für Sportrecht, freie Journalistin, London.

„Martin Kelly – seine Nachnominierung hatte den „Wow-Faktor“, weil selbst unter Berücksichtigung der vielen Verletzungen im Team niemand mit der Wahl des jungen und unerfahrenen Spielers gerechnet hat. Jeder dachte, dass der einzig mögliche Nachrücker Rio Ferdinand wäre, aber wie wir alle wissen, konnte er aus Gründen fernab des Sports nicht mitgenommen werden. Also traf Hodgson DIESE Wahl.

So sehen die Fakten aus: Ein 22-jähriger Verteidiger, der ganze zwei Minuten im Nationaltrikot gespielt hat und 22 Einsätze im ersten Team von Liverpool verbuchen kann. Unter Berücksichtigung dessen, dass er nur der Stellvertreter für Glen Johnson ist, der in guter Form ist, ist Kellys Nominierung nichts, womit er hausieren gehen kann. Für meine Begriffe kann es nur darum gehen, den Teamkollegen aus Liverpool zuzusehen und schon einmal Erfahrungen für die Weltmeisterschaft 2014 zu sammeln.

In aller Fairness muss man allerdings zugeben, dass Liverpool mit Kelly nur alle 138 Minuten ein Tor kassiert hat – damit genießt er die beste Statistik im gesamten Team. Erfahrung ist nicht immer alles, bedenkt man seine von vielen geschätzte absolute Hingabe und seinen starken Charakter. Dieses Turnier hat bereits jetzt gezeigt, dass es Karrieren wieder in Schwung bringen kann und selbige beenden kann. Warum soll Kelly nicht der „Hero from Zero“ werden?“

Karl Matchett, Chief Editor, The Liverpool Word, Liverpool.

„Martin Kelly wurde aus unerfindlichen Gründen von vielen für die Nichtnominierung von Rio Ferdinand verantwortlich gemacht. So oder so werden ihn diejenigen, die sich jetzt noch über seine Mitnahme zur Euro beschweren, in ein paar Jahren als Helden verehren – sei es als Rechtsverteidiger oder Innenverteidiger. Selbstverständlich ist er nur Glen Johnsons Back-Up, aber man hätte ihn genauso gegen Frankreich und Franck Ribery aufstellen können – so gut ist er! Sollte er keinen Einsatz bekommen, wird die Euro eine glänzende Erfahrung für ihn persönlich aber eine ernüchternde für ganz England. Martin Kelly ist eine tolle Ergänzung für das Team.“


Pepe Reina


Beim FC Liverpool seit: Juli 2005; Einsätze in der Nationalmannschaft: 25

Andreas Becker, Stellvertretender Chefredakteur, Goal.com, Berlin.

„Dass Pepe Reina ein guter Keeper ist, das dürfte hinlänglich bekannt sein. Besonders seine starken Reflexe und sein Stellungsspiel zeichnen ihn aus. Doch Reinas Karriere hat einen Haken: Iker Casillas. Während Reina seit nunmehr fast sieben Jahren Stammtorhüter beim FC Liverpool ist, bleibt ihm im Nationalteam nur der Platz als Nummer zwei. Auf 25 Länderspiele kommt der 29-Jährige bisher. Auch bei der EM in Polen und der Ukraine muss sich Elfmeterkiller Reina hinten anstellen und tut das, ohne in der Öffentlichkeit zu murren. Er hat sich damit abgefunden, dass, solange Casillas spielt, er wohl nur Ersatz bleibt. Dabei spielt Pepe Reina seit Jahren auf höchstem Niveau und gehört in der Premier League zu den besten Keepern. Einmal wurde er sogar auf Platz acht bei der Welttorhüter-Wahl gewählt – immerhin.“


Stewart Downing


Beim FC Liverpool seit: Juli 2011; Einsätze in der Nationalmannschaft: 34

Benny Berger, freier Journalist, Düsseldorf.

„Stewart Downing ist vielleicht Englands talentiertester und beschlagenster linker Mittelfeldspieler seit Jahren. Gleichzeitig ist er leider sehr schwankend in der Form und von seinem Selbstvertrauen abhängig. Ein typischer „confidence-player“, der in Liverpool noch überhaupt nicht Fuß gefasst hat, ist er im Nationalteam seit Jahren ein Kaderspieler.“

Archie Rhind-Tutt, Broadcaster, Radiomoderator, Autor, Ghone with the Rhind, London.

„Stewart Downing kreiert Möglichkeiten, es ist nur so, dass Liverpool sie nicht nutzt. Keine Tore oder Assists in der letzten Saison – das wird verständlicherweise gegen ihn verwendet. Dennoch passt er zum disziplinierten Spielstil, den Roy Hodgson zuletzt favorisiert hat. Sollte er in einem Spiel bei der Euro von Beginn an spielen, kann man davon ausgehen, dass die anderen Spieler verletzt oder gesperrt sind, obwohl er eigentlich eine gute Option für England wäre. Aktuell würde ich aber stark bezweifeln, dass er in einer Startelf stehen wird.“


Andy Carroll


Beim FC Liverpool seit: Januar 2011; Einsätze in der Nationalmannschaft: 4

Benny Berger, freier Journalist, Düsseldorf.

„Von der Statur her ist er ein klassischer englischer Mittelstürmer, sehr kopfballstark. Für Carroll spricht, dass er im Gegensatz zu vielen anderen Mittelstürmern über ein gutes Ballgefühl verfügt und somit auch außerhalb des Strafraums Aktionen starten kann. Schwächen weist er meist dann auf, wenn er mit dem Rücken zum Tor agiert und den Ball abschirmen sollte. Hier fehlt ihm oftmals noch die nötige Ruhe.“

Martha Anne Kartawik, Expertin für Sportrecht, freie Journalistin, London.

„Andy Carroll – er ist Englands Chance, ein wenig länger im Rennen zu bleiben als sonst. Im Gegensatz zu Welbeck, der gegen Frankreich extrem uneffektiv blieb, hat Carroll zuletzt bewiesen, dass er in absoluter Topform ist. Allein wegen seiner physischen Vorzüge wie Größe und Körperbau wäre er für die Position in der Spitze die beste Lösung. Gerade bei Standards fehlt England der Spieler, der - wenn nötig - wortwörtlich den „Kopf hinhält“. Führt man sich vor Augen, wie lange Carroll in Liverpool schon mit Gerrard arbeitet und trainiert, kann diese Partnerschaft sehr wirkungsvoll in der Nationalmannschaft werden. Das scheint alles leicht umsetzbar, doch Roy Hodgson bleibt vorerst bei seiner „Ein Unentschieden ist total okay“-Attitüde.

Carrolls Schicksal für die Europameisterschaft 2012 liegt in Hodgsons Händen. Falls er Einsätze bekommen wird, bin ich mir sicher, dass er alle Kritiker verstummen läßt. Vielleicht wird „Football's coming home“ dann nicht schon nach der Gruppenphase in die Tat umgesetzt.“


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