EM-Geschichte: Die Endrunde 1972

Die EM-Endrunde 1972 geriet zur ganz großen Show der deutschen Nationalelf, die mit Spielern wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Günter Netzer das Maß aller Dinge war.

GASTGEBER - BELGIEN

Die Endrunde der vierten UEFA-Europameisterschaft stieg in Belgien zwischen dem 14. und dem 18. Juni 1972. Wie bei ihren drei Vorgängern waren nach den Mühlen der Qualifikation nur noch vier Mannschaften übrig. Es blieben also noch die beiden Halbfinals, das Spiel um Platz drei und natürlich das Finale.

Die Gastgeber wurden nach der Qualifikationsrunde erst bekannt gegeben, dies bedeutete, dass auch sie sich noch qualifizieren mussten. Dem belgischen Verband wurde die Ehre der Ausrichtung zuteil und vier verschiedene Stadien erhielten den Zuschlag für die vier Partien: Im Antwerpener „Bosuil-Stadion“ und dem „Stade Emile Verse“ in Anderlecht (Brüssel) fanden die Halbfinal-Begegnungen statt. Das Spiel um Platz drei wurde im „Stade Maurice Dufrasne“ von Lüttich ausgetragen.

Austragungsort des Endspiels war das „Heysel-Stadion“ in Brüssel, das 13 Jahre später für negative Schlagzeilen sorgen sollte. 1972 war die Arena noch ein Aushängeschild Belgiens und eines der schönsten Stadien dieser Zeit.
 
QUALIFIKATION

SCHLAGZEILEN AUS DEM JAHR 1972...
* Das Apollo-Program läuft aus. Astronaut Eugene Cernan ist der letzte Mensch, der der einen Fuß auf dem Mond setzt.

* Francis Ford Coppolas Film „Der Pate“ kommt in die Kinos

* Der „Watergate-Skandal“ kommt ins Rollen, als fünf Offizielle des Weißen Hauses beim Einbruch in das Hauptquarter der Demokratischen Partei erwischt werden. Dennoch gewinnt Richard Nixon die US-Präsidentschaftswahlen haushoch

* Elf israelische Athleten werden im Olympischen Dorf der Spiele von München von der terroristischen Gruppe „Schwarzer September“ ermordet

* Der Belgier Eddy Merckx, als einer der besten Rennradfahrer anerkannt, stellt in Mexiko-Stadt einen neuen Stundenweltrekord auf
Die Gewinner von acht Vierer-Gruppen qualifizierten sich für das Viertelfinale, das jeweils in Hin- und Rückspielen ausgetragen wurde. Fünf Gruppensieger blieben unbesiegt, England fuhr mit fünf Siegen und einem Unentschieden die beste Bilanz ein.

Die weiteren ungeschlagenen Mannschaften waren Deutschland, Jugoslawien, Vize-Weltmeister Italien und die UdSSR, die sich auf Kosten der Spanier qualifizierte. Bei den Spaniern war übrigens beim 4:0 zum Auftakt gegen Nordirland ein gewisser Luis Aragones erfolgreich. Jener Mann also, der als Trainer die Iberer 2008 zum ersehnten Titel führen sollte.

Ungarn, die Rumänen (die dank der Tordifferenz die Tschechoslowakei eliminierten) und Belgien schafften ebenfalls den Sprung in die Runde der letzten acht Teams.

Im Viertelfinale musste zwischen Ungarn und Rumänien ein drittes Duell die Entscheidung bringen, Ungarn setzte sich in der Endabrechnung mit 5:4 durch. Italien kam gegen Belgien daheim nicht über ein 0:0 hinaus und verlor das Rückspiel mit 1:2. Die UdSSR rettete in Jugoslawien eine Nullnummer und gewann anschließend daheim souverän mit 3:0.

Als die Auslosung ergeben hatte, dass die Engländer es mit der DFB-Elf zu tun bekämen, sagte Englands Nationaltrainer Sir Alf Ramsey voraus, dass seine Mannschaft nicht nur den Erzrivalen besiegen, sondern auch die EM gewinnen werde. Er lag damit doppelt falsch. Deutschland hatte sich für die Endspiel-Niederlage bei der WM 1966 bereits mit dem 3:2 in der Hitze von Leon 1970 revanchiert, nun behielt die DFB-Elf erneut die Oberhand:

Schon im Hinspiel in Wembley machten die Deutschen nahezu alles klar. Sie dominierten die Partie und der 3:1-Auswärtssieg war für die Hausherren gar noch schmeichelfhaft. In Berlin reichte den Schützlingen von Bundestrainer Helmut Schön schließlich ein torloses Remis.
 
ENDRUNDE

TOP-TORSCHÜTZEN

Gerd Müller
Anatoliy Konkov
Lajos Ku
Raoul Lambert
Odilon Polleunis
Paul van Himst
Herbert Wimmer
Nation
Deutschland
UdSSR
Ungarn
Belgien
Belgien
Belgien
Deutschland
Tore
4
1
1
1
1
1
1
Dank eines Treffers von Anatoliy Konkov beendete die UdSSR Ungarns Träume im Halbfinale. Belgien zog in Antwerpen gegen Deutschland den Kürzeren und dies bedeutete, dass es diesmal keinen Triumph des Ausrichters geben sollte. Dies war bei den beiden vorangegangenen Endrunden jeweils der Fall gewesen.

Belgiens spätes Anschlusstor durch Odilon Polleunis bedeutete nur noch Ergebniskosmetik, nachdem Gerd Müller die Weichen für Deutschland mit einem Doppelpack auf Sieg gestellt hatte. Franz Beckenbauer bestimmte als Ausputzer das Tempo und Günter Netzer zog im Mittelfeld die Fäden.

Die Belgier, die von Raymond Goethals trainiert wurden, sicherten sich den dritten Platz, als sie im kleinen Finale gegen Ungarn mit 2:1 die Oberhand behielten. Raoul Lambert und Paul van Himst, der 2003 zum besten belgischen Spieler der letzten 50 Jahre gewählt wurde, erzielten in der ersten Hälfte die Treffer für Belgien. Lajos Ku verkürzte nach 53 Minuten vom Elfmeterpunkt.
 
DAS FINALE
UdSSR - Deutschland 0:3

Als Vorgeschmack auf das, was zwei Jahre später bei der WM passieren sollte, lieferte die deutsche Nationalmannschaft eine Leistung der Extraklasse ab. Die Elf, in der zahlreiche spätere Weltmeister standen, dominierte das Finale in Brüssel gegen die von Alexandr Ponomarjev trainierte UdSSR.

Die DFB-Elf zeigte eine geschlossene Leistung und brillierte mit stabiler Defensive und spielerischer Klasse. Zwischenzeitlich gelangen den Deutschen 30 erfolgreiche Pässe in Serie und das 3:0 war am Ende hochverdient.

Die drei Stars der deutschen Mannschaft waren allesamt maßgeblich am Führungstor beteiligt: Franz Beckenbauer, der „Kaiser“, spielte den Ball in typischer Manier zu Deutschlands Fußballer des Jahres, Günter Netzer. Dessen Volleyschuss klatschte an den Pfosten und „Bomber“ Gerd Müller staubte nach knapp einer halben Stunde ab.

Murtaz Khurtsilava sorgte mit seinem Aluminiumtreffer für die einzige Schrecksekunde aus deutscher Sicht, ehe Herbert Wimmer kurz nach Wiederanpfiff auf 2:0 stellte. Müllers zweites Tor zum 3:0 (58.) beseitigte alle Zweifel.

Bis heute halten viele Experten Helmut Schöns Siegermannschaft für die beste Elf, die je bei einer Europameisterschaft triumphierte.
 
SPIELER DES TURNIERS

Beckenbauer und Netzer prägten das deutsche Spiel mit ihrer eleganten Spielweise, die ab und zu an Arroganz grenzte. Doch es waren die Tore Gerd Müllers, welche die Spiele zu Gunsten Deutschlands entschieden. Sechs Mal schlug er während der Qualifikation zu, ehe er mit seinen vier Toren einen neuen Endrunden-Rekord aufstellte.

„Wir hatten vor dem Finale gegen die Russen keine Angst,“ erinnerte sich Müller später. „Alles lief prima. Die Mannschaft arbeitete, der Trainer arbeitete, es war toll. Wir hatten einen Lauf und wir gewannen. Im Finale zeigten wir unsere beste Leistung.“

Der langjährige Stürmer des FC Bayern erzielte phänomenale 68 Tore in 62 Länderspielen, 365 Treffer für seinen Verein in 427 Bundesligapartien und 66 Tore bei 74 Einsätzen im Europapokal – all das in einer Zeit, in denen immer mehr Wert auf die Defensive gelegt wurde.

Nach seinem Rücktritt vom aktiven Fußball geriet Müller in Alkoholprobleme, ehe er, von seinen Ex-Mannschaftskameraden ermutigt, einen Entzug machte. Anschließend fing er als Trainer im Stab der Bayern-Reserve an. Dort arbeitet er noch heute.
 
HIGHLIGHT DES TURNIERS

Die Fußballwelt lag Spielmacher Günter Netzer im Sommer 1972 zu Füßen. Seine außergwöhnlichen Pässe und Freistöße waren die gefährlichste Waffe im deutschen Angriffsspiel. Im Halbfinale gegen Belgien lieferte der Mittelfeldstar eine Kostprobe seines Könnens ab und leistete vor dem zweiten deutschen Tor eine atemberaubende Vorarbeit, die Müller innerhalb des Sechzehners vollstreckte.

Nachdem Real Madrid ihn 1973 von Borussia Mönchengladbach verpflichtet hatte (als Antwort auf den Transfer Johan Cruyffs zum FC Barcelona), verlor Netzer seine Form. Bei der WM 1974 war er in der Nationalelf bereits kein Stammspieler mehr.

SPIEL DES TURNIERS
Das Finale

Es mag einseitig gewesen sein, doch das Endspiel war eine Lektion in modernem Angriffsfußball. Deutschland führte die massierte Defensive der UdSSR teilweise vor und hätte durchaus höher gewinnen können. Angesichts der großen Überlegenheit übertrieben es die Deutschen teilweise. Am Ende ging das 3:0 absolut in Ordnung.


 

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