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EM-Geschichte: Die Endrunde 1968

EM-Geschichte: Die Endrunde 1968

Während mit Spanien bereits 1964 der Gastgeber die EM für sich entschied, taten es die Italiener den Iberern vier Jahre später gleich.

GASTGEBER - ITALIEN

Hieß das Turnier zu Anfang noch Europapokal der Fußball-Nationalmannschaften, wurde es vor der EM 1968 offiziell in Europameisterschaft umbenannt. Zwar wurde der Qualifikationsmodus geändert, grundsätzlich hielt man aber am zuvor etablierten System fest: Die Endrunde wurde unter den vier Halbfinalisten ausgespielt, wobei ein Vertreter aus diesem Quartett das Turnier ausrichten durfte.

Im Jahr 1968 wurde Italien diese Ehre zuteil. Die dritte Ausgabe der EM wurde vom Stiefelstaat ausgerichtet, auf dessen Boden der beiden Halbfinals, das Spiel um Platz Drei sowie des Endspiel ausgetragen wurden. Dafür wurden drei Stadien genutzt: Das Comunale in Florenz, das San Paolo in Neapel und Roms Olympiastadion.

QUALIFIKATION

DIE SCHLAGZEILEN AUS DEM JAHR 1968...
* Die Bewegung des ,Prager Frühlings‘ wird von durch die Sowjets angeführten Truppen des Warschauer Paktes gewaltsam niedergeschlagen

* Martin Luther King und Robert Kennedy werden in den USA hingerichtet

* Stanley Kubricks Film ,2001: Odyssey im Weltraum‘ feiert Premiere, und die Beatles veröffentlichen ihr legendäres ,White Album‘

* Bei den olympischen Spielen in Mexico City bejubelten die farbigen amerikanischen Athleten Tommie Smith und John Carlos ihren Triumph mit dem „Black-Power-Gruß“

* In Italien wird Paolo Maldini, Sohn von Cesare, geboren

Vom bisher angewandten K.o.-System mit Hin- und Rückspiel wurde Abstand genommen, die 31 Teilnehmer traten in der Qualifikationsrunde nun in einer Gruppenphase je zweimal gegeneinander an. Zwischen 1966 und 1968 wurde dabei in sieben Gruppen mit vier und einer Gruppe mit drei Teams gespielt. Die Gruppensieger trugen das Viertelfinale im April und im Mai 1968 mit Hin- und Rückspiel gegeneinander aus.

In einer der acht Gruppen trafen dabei die vier britischen Auswahlmannschaften aufeinander, wobei sich der damalige Weltmeister England durchsetzte - auf dem Weg dorthin aber im Wembley-Stadion eine schmerzhafte und beim Gegner vielumjubelte 2:3-Niederlage gegen Schottland hinnehmen musste.

Die BRD nahm erstmals an der EM teil und gewann das Auftaktmatch gegen Albanien mit 6:0, wobei der junge Gerd Müller vier Tore erzielte. Letztlich musste man sich hinter Jugoslawien aber mit dem zweiten Platz begnügen.

Weitere Gruppensieger waren Spanien, die UdSSR - in deren Gruppe das Spiel zwischen Österreich und Griechenland beim Stand von 1:1 abgebrochen und von der UEFA für ungültig erklärt wurde -, Ungarn, Frankreich und zwei ungeschlagene Teams - Bulgarien und Italien.

In Italiens Gruppe, zu der die Prügelknaben aus Zypern gehörten, fielen nicht weniger als 55 Treffer, was einen Schnitt von 4,6 Toren pro Spiel bedeutet.

Im Viertelfinale trafen die Italiener auf Bulgarien, die Azzurri setzten sich dabei nach Hin- und Rückspiel mit 4:3 durch. Jugoslawien schaltete Frankreich mit 6:2 aus, die UdSSR gewann gegen Ungarn (3:2) und England siegte gegen Spanien mit 1:0 und 2:1.

ENDRUNDE

TOP-TORJÄGER

Dragan Dzajic
Pietro Anastasi Bobby Charlton
Angelo Domenghini
Geoff Hurst
Luigi Riva
Nation
Jugoslawien
Italien
England
Italien
England
Italien
Italien
Tore
2
1
1
1
1
1
1
Während in der Qualifikationsrunde noch zahlreiche Tore fielen, waren Treffer bei der Endrunde Anfang Juni eher rar gesät. In fünf Partien (das Finale musste in einem Wiederholungsspiel entschieden werden) landete der Ball nur siebenmal im Netz.

Die Italiener waren vor dem Halbfinal-Duell gegen die UdSSR gewarnt - die Sowjets hatten die Azzurri sowohl bei der EM 1964 als auch bei der WM 1966 besiegt. Das Spiel in Neapel wurde von Verletzungen der Schlüsselspieler wie Gianni Rivera getrübt und war von zwei unnachgiebigen Defensivreihen geprägt. Unter anderem, weil Angelo Domenghini in der Schlussphase den Pfosten traf, endete die Partie torlos - und wurde so zur ersten und einzigen Begegnung eines internationalen Wettbewerbs, die durch einen Münzwurf entschieden werden musste. Italiens Kapitän Giacinto Facchetti traf dabei die richtige Wahl - der Gastgeber stand im Finale.

In Florenz setzte sich Jugoslawien unterdessen gegen England durch, das die Partie aufgrund einer Roten Karte mit zehn Mann beenden musste. Dragan Dzajic, jugoslawischer Ausnahme-Flügelspieler, sorgte vier Minuten vor Schluss für das Tor des Tages.

Der amtierende Weltmeister England konnte sich immerhin den dritten Platz sichern und gewann drei Tage später gegen die UdSSR mit 2:0, Bobby Charlton und Geoff Hurst erzielten die Treffer.

DAS FINALE
Italien - Jugoslawien 1:1 (n.V.)
Italien - Jugoslawien 2:0 (Wiederholungsspiel)

Zum ersten und einzigen Mal wurden 1968 zwei Endspiele ausgetragen. Da das Elfmeterschießen zu jener Zeit noch nicht eingeführt wurde und die erste Partie unentschieden endete, entschied man sich dazu, ein Wiederholungsspiel auszutragen - auf eine Entscheidung per Münzwurf wurde im Gegensatz zum Halbfinale zwischen Italien und der UdSSR verzichtet.

Beim ersten Aufeinandertreffen ging die junge jugoslawische Auswahl nach 39 Minuten in Führung, als Dobrivoje Trivic Mitspieler Dragan Dzajic bediente, der Dino Zoff überwinden konnte und zum 1:0 einnetzte. Jugoslawien drängte mit Vahidin Musemic und dem 19-jährigen Debütanten Jovan Acimovic auf den zweiten Treffer, Angelo Domenghini konnte in der 78. Minute aber ausgleichen.

Da auch in der Verlängerung kein Sieger gefunden werden konnte, traf man sich zwei Tage später erneut im Römer Olympiastadion. Italiens Trainer Ferruccio Valcareggi änderte sein Team auf fünf Positionen und brachte unter anderem Sandro Mazzola und Luigi Riva. Letzterer erzielte mit einem Flachschuss nach 12 Minuten das 1:0 für die Gastgeber, Pietro Anastasi - der im ersten Spiel noch ein wackliges Debüt gegeben hatte - sorgte nach 30 Minuten mit einem sehenswerten Volley-Schuss für den zweiten italienischen Treffer. Da Tarcisio Burgnich Gegenspieler Dzajic weitgehend aus dem Spiel nehmen konnte, brachte Italien die Führung relativ souverän über die Zeit - die Azzurri waren erstmals Europameister.

 
SPIELER DES TURNIERS

Luigi Riva lief nur im Wiederholungsspiel des Finales auf, sein Einsatz war aber entscheidend. Der Mann mit dem Spitznamen „Donnerschlag“ hatte sich gerade von dem ersten von zwei Beinbrüchen, die er in seiner Karriere erleiden musste, erholt und wurde für Italien sogleich zur entscheidenden Figur.

Der ehemalige Cagliari-Akteur brachte die jugoslawische Verteidigung immer wieder in Verlegenheit und hatte bereits drei gute Möglichkeiten, ehe er in der 12. Minute den Führungstreffer erzielte - eins von 35 Toren in 42 Länderspielen. Dieser Wert macht den besten italienischen Stürmer seiner Generation zum effektivsten Torschützen der Azzurri. Bei der WM 1970 traf Riva zehnmal, bei Cagliaris Scudetto in der Saison 1969/70 netzte er 21-mal ein. Seit 2005 wird die von Riva getragene Nummer 11 bei Cagliari nicht mehr vergeben.

Riva ist inzwischen 67 und Teil des Mitarbeiterstabes des italienischen Nationalteams - wie schon 2006 beim WM-Sieg der Azzurri. Im Jahr 2008 wurde Riva von der FIGC als zweitbester italienischer Fußballer aller Zeiten gekürt.

HIGHLIGHT DES TURNIES

Rote Karten sind in der heutigen Zeit keine Seltenheit, in den späten 60ern aber wurden Spieler noch relativ selten des Feldes verwiesen. Als Alan Mullery im Halbfinale gegen Jugoslawien vom Platz gestellt wurde, ging er als erster mit einer Roten Karte bestrafter englischer Nationalspieler in die Geschichtsbücher ein. Im Spiel der „Three Lions“ wurde er schmerzlich vermisst, die Partie ging für den damaligen Weltmeister letztlich mit 0:1 verloren.

Mullery wurde vor seinem Platzverweis zwar von Gegenspieler Dobrivoje Trivic gelegt, das anschließende Revanche-Foul ließ dem Schiedsrichter aber keinen großen Spielraum.

SPIEL DES TURNIERS
Italien - Jugoslawien 1:1 (n.V.)

Zugegebenermaßen war die EM-Endrunde 1968 nicht wirklich ein fußballerischer Leckerbissen, aber die Spannung, die beim ersten Aufeinandertreffen zwischen Italien und Jugoslawien aufkam, entschädigte für den Mangel an Ästhetik. Das Team von Rajko Mitic stellte die Italiener vor größte Probleme und sah lange Zeit wie der Sieger aus, ehe Domenghins Ausgleich in der Schlussphase die Zuschauer in Rom feiern ließ - auch wenn der Jubel zwei Tage später noch mal um Einiges größer war.