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Salzburg: Red Bull verleiht Flügel

Salzburg sorgt für Furore: Entfesselnder Power-Fußball bereitete schon den Triple-Bayern unlösbare Probleme. Das Kompetenzgerangel früherer Tage ist deutscher Expertise gewichen.

Salzburg. "I am going home", ließ er mit belegter Stimme wissen. Übermannt von den Gefühlen, von der Erhabenheit des Universums. An jenem Oktober-Sonntag lag Felix Baumgartner die Welt förmlich zu Füßen. Hunderte Millionen ergötzten sich am Mann im Raumanzug. An einem wahnwitzigen Überschall-Sprung aus 39 Kilometern Höhe. An Red Bull.

Fern des ganzen Trubels, in der Idylle seines 900-Quadratmeter-Landguts, erlebte Dietrich Mateschitz den freien Fall für die Ewigkeit. Rund neun Minuten, welche seinen Konzern prägen, dessen Markenwert potenzieren sollten. Mit Projekt Stratos glückte dem früheren Zahnpasta-Vertreter ein wahrer Werbe-Coup.

Nie zuvor wurde der geflügelte Claim wörtlicher genommen. Red Bull stand für das Unmögliche, für Erfolg. Ob im Nischensport oder der Formel 1. Neuerdings auch im Fußball: Eine kleine taktische Revolution lässt Salzburg in der Europa League vor dem Achtelfinal-Hinspiel gegen den FC Basel (ab 19 Uhr im LIVE-Ticker bei Goal) träumen. Für Mateschitz Genugtuung, war diese Spielwiese doch längst zum Sorgenfall verkommen.

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Hochtrabend formulierte das Unternehmen einst seine Visionen, wollte sogar mit den Branchenkönigen konkurrieren. Weit gefehlt! Rasenball Leipzig steckt noch in den Niederungen der 3. Liga fest. Hochglanzklub New York dümpelt trotz Thierry Henry, der seiner glorreichen Karriere ein lukratives Ende bereitet, in der amerikanischen Belanglosigkeit. Bleibt der österreichische Bundesligist.

Von Millionarios zu Euro-Fightern

Im Jahr 2005 drohte Austria Salzburg, eine rot-weiß-rote Institution, an der Schuldenlast zugrunde zu gehen. Der Getränkehersteller erbarmte sich und rettete den viermaligen Champion vor dem Exitus. Die Übernahme mutierte zur weitreichenden Zäsur: "Das ist ein neues Team. Es gibt keine Tradition, es gibt keine Geschichte, es gibt kein Archiv." Mateschitz, der Journalisten wortkarg begegnet, das Rampenlicht gerne meidet, lancierte eine krude Marketing-Strategie. Ohne Zugeständnisse.

Neuer Name. Neue Farben. Neue Identität. Der FC Red Bull Salzburg wurde auf dem Reißbrett konzipiert, vom Emblem bis zum Stadion durchkommerzialisiert. Jeglichen Widerstand terminierte die Führungsetage und verleidete treue Anhänger. Ein landesweites Feindbild war geboren. Vier Mal erobert der Retortenklub fortan die Meisterschaft. Im Konzert der Großen, der Königsklasse, vermochte er nicht zu reüssieren.

Unzählige Experten, von Giovanni Trapattoni, über Huub Stevens bis Dietmar Beiersdorfer, fielen blindem Aktionismus zum Opfer. Oder sie kapitulierten höchstselbst. Mal nach einem von oberster Stelle diktierten Paradigmenwechel, forciert durch teils fachfremde Einflüsterer hinter den Kulissen. Mal gerieten sie im verworrenen, interkontinentalen System zwischen die Fronten.

Manch zweifelhaftes Intermezzo bediente die bekannten Ressentiments in der Alpenrepublik. Erst in den vergangenen Monaten wussten sich die missliebigen Millionarios freizuschwimmen. Dank beeindruckender Vorstellungen fiebert nun eine ganze Nation mit ihnen. Stilbildend operiert ein deutsches Tandem.

Neuzeitlicher Fußball in Salzburg

"Eine der Hauptaufgaben", definierte Ralf Rangnick, "war es, in Salzburg und Leipzig in den ersten und den zweiten Mannschaften sowie im Nachwuchsbereich dafür zu sorgen, dass eine einheitliche Art zu sehen ist." Seine Inthronisierung als Sportdirektor bedeutete zugleich die Abkehr von taktischer Nostalgie. Hin zum neuzeitlichen Fußball. Die Prämisse: Aggressives Pressing, schnelles Umschalten, direkte Kombinationen  - damit erwarb Rangnick bereits zu Hoffenheimer Glanzzeiten den Ruf eines Trendsetters.

Wie bei der TSG bekam er die komplette Entscheidungshoheit, durfte ungehindert den Taktstock schwingen. Statt altgedienter Resteware verpflichtete er jugendliche Unbekümmertheit. Sadio Mane, Kevin Kampl oder Jonatan Soriano geben dem neuen, dynamischen Salzburg ein Gesicht. Anders als bei der Konkurrenz herrschen in der Mozartstadt überdies paradiesische Verhältnisse. So müssen Hoffnungsträger etwa nicht verkauft werden, bevor ihr Stern hell erstrahlt, um das monetäre Gleichgewicht zu wahren. Ein unschätzbarer Vorteil.

Auf die Trainerbank lockte er einen Bruder im Geiste: Roger Schmidt. Ihre Art Fußball zu lehren, ist nahezu deckungsgleich. Vom SC Paderborn gekommen, wurde der Nobody aber zunächst kritisch beäugt. Er ließ den Glamour-Faktor seiner Vorgänger vermissen. In Rangnick hatte er einen Fürsprecher. Selbst als sich die Bullen in der Champions-League-Qualifikation 2012 gegen Amateure aus dem luxemburgischen Düdelingen bis auf die Knochen blamierten, mit Hohn und Spott bedacht wurden, gewährte man Schmidt eine Orientierungsphase. Anstatt der vielerorts geforderten Demission nachzukommen.

"Es ist ein Prozess", rekapitulierte er nach einer titellosen Premieren-Saison: "Du musst eine Basis legen, aus jedem Spiel die Lehren ziehen und einfließen lassen. Es ist eine Detailarbeit. Der Kader muss gut zusammengesetzt sein, justiert werden." Der Fußballlehrer stand über den Dingen, feilte unbeirrt an seiner Ausrichtung. Zusehend wusste er sein Profil zu schärfen.

Guardiola staunt nicht schlecht

Er durchbrach die Wohlfühloase Red Bull, formte aus hoch veranlagten Individualisten ein zielorientiertes Gefüge. Durch seine empathische Menschenführung schuf er ein Wir-Gefühl, persönliche Eitelkeiten werden hintangestellt. Das ist auf dem Platz jede Sekunden spürbar. "Kaum eine Mannschaft spielt das Pressing so intensiv wie wir", sagte der 47-Jährige unlängst stolz. Gemeinsam mit Rangnick radikalisierte er die Ideologie. Ein aufregender Stil, der seinesgleichen sucht. Ein Alleinstellungsmerkmal in Europa.

Mitte Januar, als Triple-Sieger Bayern mit 3:0 demontiert wurde, ließen die roten Bullen erahnen, wozu sie fähig sind. Damals verblüfften sie mit überfallartiger Arbeit gegen den Ball. Wenngleich es nur ein Testspiel war, verriet die Reaktion von Pep Guardiola mehr: "Ich bin nie gegen eine Truppe angetreten, die mit so einer hohen Intensität gespielt hat", staunte der Spanier.

Einige Wochen danach wurde Ajax Amsterdam in der Europa League eine Lehrstunde erteilt. Eindrucksvoll, mit einem Gesamtscore von 6:1, qualifizierte sich Salzburg für das Achtelfinale. Die junge, bestens geschulte Garde des ehemaligen Champions-League-Siegers verzweifelte am rasanten Defensivverhalten. Zu selten konnte das hohe Pressing umschifft und die Kontrolle erlangt werden.

Ajax' Frank de Boer zollte Respekt: "Es verlangt viel Disziplin und Hingabe, um so aufzutreten." Die Akteure jagen dem Ball für gewöhnlich wie ungezähmte Raubtiere hinterher. Attackiert wird in einer Triangel, die schnellen Zugriff ermöglicht, allerdings ein enormes Laufpensum erfordert. Hier sind die Feingeister in der Pflicht.




"Wir spielen anders als die anderen."

- Roger Schmidt

In der extrem flexiblen 4-4-2-Formation traktieren Jonatan Soriano, der bis 2012 bei Barcelona B kickte, und Alan früh die gegnerischen Verteidiger. Beide sind flink auf den Beinen, stark im Kombinationsspiel und gnadenlose Vollstrecker. Mit 23 sowie 21 Treffern führen sie die Bundesliga-Torschützenliste überlegen an.

Fünf-Sekunden-Regel prägend

Unterstützung erhalten sie von Sadio Mane und dem Ex-Aalener Kevin Kampl. Die gewitzten Flügelspieler verleihen Salzburg das zündende Element. Im Kampf um das Leder erhalten sie stets von hinten Rückendeckung. Die Außenverteidiger rücken konsequent nach. Ein Wagnis. Sollte sich der Kontrahent aus der Umklammerung befreien, wird es brandgefährlich. Offenkundig gelingt das den wenigsten. Zahlreiche Angriffsversuche versiegen noch vor der Mittellinie. Entscheidend ist Rangnicks Fünf-Sekunden-Regel von Ballverlust bis zur Eroberung.

Im Training wird per Stoppuhr die Pressingmaschine geölt. Nicht umsonst stellt RB Salzburg, mit 25 Punkten Vorsprung überlegener Tabellenführer, neben der durchschlagskräftigen Offensive (88) die stabilste Abwehr (23). Interessant dabei der Aufbau: Häufig wählt die Abwehrzentrale das riskante, lange Zuspiel in die Spitze. Martin Hinteregger und der Brasilianer Andre Ramalho verfügen über die nötigen Qualitäten hierfür.

Durch diese Hau-Ruck-Mentalität überbrückt man das Mittelfeld, gelangt zügig in die Gefahrenzone. Selbst wenn der Pass beim Gegner landen sollte, gewährleiste das explosive Gegenpressing eine baldige Rückeroberung. Gleichwohl bieten die ballsicheren Akteure zusätzlich die Option, über lange, sehenswerte Stafetten vor den Kasten zu gelangen. Der technisch versierte Christoph Leitgeb bekleidet auf der Doppel-Sechs neben Abräumer Stefan Ilsanker eine zentrale Rolle.

Damit der Power-Fußball funktioniert, ist eine perfekte Symbiose zwischen Sturm und Drang vonnöten. Gemeinsam hat es das deutsche Duo geschafft, diese zu implementieren. Die einstudierten Automatismen greifen. Vorbei scheinen die Zeiten der Personalrochaden, der Dissonanzen: "Wir spielen anders als alle anderen", so Schmidt. Fußball Europa blickt dieser Tage auf Red Bull – Mateschitz wird das wohlwollend abnicken.

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