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Bayer Leverkusen: Spektakel im Balljagen

Bayer Leverkusen startete famos in die neue Saison, dabei war das Auftreten keine Überraschung, weiß man, wie Roger Schmidts Philosophie aussieht.

Karim Bellarabis Blitztor gegen Borussia Dortmund war nicht nur der Auftakt zu Bayer Leverkusens Sieg im ersten Top-Spiel der neuen Bundesliga-Saison, sondern auch der Aufgalopp zu einer beeindruckenden ersten Halbzeit im Stadion des Vizemeisters.

Schnell wurden schon Parallelen zu Jürgen Klopps Mannschaft gezogen, die in den vergangenen Jahren mit Aggressivität im Pressing und Gegenpressing von sich reden machte und gewissermaßen Markenbildung damit betrieb. Das diesjährige Leverkusener Team beeindruckt zunächst auch durch hohe Intensität.

Fehlende Rhythmuswechsel

Diese Facette bildet im Konzept von Roger Schmidt zugleich eine mannschaftstaktisch entscheidende Komponente. Leverkusen wirkt bereits sehr gut eingespielt. Das kann Schmidt dadurch steuern, dass keine Rhythmuswechsel erfolgen, sondern von Beginn an die Intensität auf dem obersten Level gehalten wird.  

Das erleichtert die Entscheidungsfindung, da in der Regel im Höchsttempo angelaufen und auch das Umschaltspiel betrieben wird. Allerdings zeigte sich bereits gegen den BVB die Kehrseite der Medaille. Bayer ging in den ersten Sekunden in Führung, was aber natürlich nicht zu einem Matchplan gehören kann. In der Folge wurde der Dortmunder Spielaufbau weiterhin intensiv gepresst, ein weiterer Treffer fiel aber nicht. Doch schon zur Halbzeit schienen die Leverkusener sehr ausgelaugt und Klopps Mannschaft dominierte nach der Pause.

Hochwertiger Kader

Roger Schmidt hat einen sehr klaren Plan, aber es stellt sich die Frage, inwieweit er auf Veränderungen und Unvorhergesehenes reagieren kann. Gegen Hertha BSC geriet Leverkusen während der Partie zweimal in Rückstand. Der schlussendliche Erfolg war mehr der individuellen Klasse als großen Anpassungen an Jos Luhukays unorthodoxes, aber recht effektives 5-4-1 geschuldet.

Mit Hakan Calhanoglu hat sich Bayer im offensiven Zentrum vielversprechend verstärkt. Ganz klar ist der türkische Nationalspieler noch nicht einzuordnen, aber er hat die technischen Voraussetzungen, um eine Partie von sich aus dominant zu gestalten. Nebenbei wurde Bellarabi nach einer Ausleihe von seinem Ex-Klub Eintracht Braunschweig zurückgeholt. Der 24-Jährige entwickelt eine unglaubliche Dynamik und fungiert als vollwertiger Ersatz von Abgang Sidney Sam, während sich auf der linken offensiven Seite Heung-Min Son und Edeljuwel Julian Brandt um einen Platz duellieren.

An sich hat Bayer aktuell nur zwei kleinere Schwachstellen. Zum einen erfüllt Sebastian Boenisch auf der linken Abwehrseite nicht die qualitativen Anforderungen. Der 27-Jährige wirkt für das bewegliche, ballorientierte System zu hüftsteif. Allerdings kann Neuzugang Wendell eine Option bilden. Zudem ist die Personalsituation auf der Doppelsechs etwas angespannt. Allrounder Gonzalo Castro brilliert weiterhin mit seiner Erfolgsstabilität. U19-Europameister Levin Öztunali genießt noch nicht das Vertrauen. Lars Bender durchläuft wie sein Zwillingsbruder Sven aktuell ein Tal, was von Verletzungen geprägt ist. Simon Rolfes fällt nun längere Zeit aus.

Ballorientierung in Extremform

Schlussendlich schmerzt der Verlust von Emre Can umso mehr. Denn der Neu-Liverpooler hätte im Zentrum gut in Roger Schmidts System gepasst. Was macht aber eigentlich dieses System abgesehen von der bereits erwähnten hohen Intensität aus?

Europaweit bekannt wurde Schmidt in der vergangenen Saison, als er mit Red Bull Salzburg teils grandiose Auftritte hinlegte. Dabei war ein horizontal kompaktes 4-2-2-2 zu erkennen, was nun auch in Leverkusen wieder praktiziert wird. Calhanoglu ist dabei eine Art Nebenmann von Stefan Kießling in der Arbeit gegen den Ball. Schmidt fordert von seinen Spielern, dass sie stets sehr dynamisch und konstant in Richtung Spielgerät verschieben.

Meist bewegt sich dazu auf der Seite der ballnahe Außenverteidiger nach vorn, während der ballnahe Flügelspieler in die vorderste Reihe aufrückt und ein situatives, asymmetrisches 3-3-1-3 entsteht. In der Regel sind die vorderen Außenspieler eher in den Halbräumen anzutreffen und lassen die vordere Breite aus. Dadurch verknappt Bayer noch einmal mehr das Spielfeld künstlich, was gerade nach Ballverlusten zu einem intensiven Gegenpressing führen kann, weil der Weg automatisch kürzer ist und dem gegnerischen Ballführenden sofort die Sicht eingeschränkt werden kann.

Eine andere Rolle für die Flügelspieler ergibt sich hin und wieder im Pressing, wenn sie im Bogen die spielaufbauenden Innenverteidiger anlaufen. Dieser Trend ist neuerdings bei einigen Mannschaften zu erkennen. Nur Leverkusen ist hierbei wiederum um einiges kompakter und die beiden Neuner decken den Sechserraum. Durch das bogenartige Anlaufen der Außenspieler wird zudem ein breiter Deckungsschatten auf die gegnerischen Außenverteidiger in dieser Bewegung geworfen. Diese Variante ist ansonsten vor allem bei Diego Simeones Atletico Madrid mustergültig zu beobachten.

Das Fazit

Roger Schmidts Herangehensweise beinhaltet viele schon dagewesene Facetten kombiniert mit der vollkommenen Überzeugung, dass seine Mannschaft in jeder Situation kohärent in Richtung Ball verschiebt. Fraglich bleibt, inwieweit man die Intensität über eine lange Saison mit drei Wettbewerben durchhalten und inwieweit man auf differierende gegnerische Anpassungen reagieren kann.

Nichtsdestotrotz bietet Leverkusen aktuell ein Spektakel, wie es auch gegen die Berliner Hertha zu erkennen war, wo teilweise vier Spieler in einer vertikalen Linie den Ballführenden am Flügel anliefen, der bereits durch einen weiteren Akteur von Bayer unter Druck stand. Bisher erfüllt Schmidt die Erwartungen und das Team scheint voll mitzuziehen. 

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