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Schalke plant in der kommenden Saison wieder voll anzugreifen. Mittelfeldspieler Höger verrät, warum das ohne hochkarätige Neuzugänge klappt.

INTERVIEW
Geführt von Hassan Talib-Haji

Der FC Schalke 04 spielte unter Jens Keller eine fabelhafte Rückrunde und qualifizierte sich erneut für die Champions League . Im Interview mit Goal erklärt Marco Höger das besondere Feeling in der Königsklasse, spricht über seine Erfahrung mit dem bitteren Rückschlag Kreuzbandriss und seinen besonderen Spitznamen.

Herr Höger, Sie haben Ihren schweren Kreuzbandriss überwunden. Allerdings erlitten Sie gegen Ende der Saison einen Muskelfaserriss. Wie geht es Ihnen?

Marco Höger: Mir geht es ganz gut. Ich war bis letzte Woche Dienstag noch in der Reha. Der Faserriss war eine Kleinigkeit, also nichts Schlimmes. Den habe ich durch einen Tritt im Spiel gegen Freiburg erlitten. Es ist so gut wie alles abgeheilt, Schmerzen habe ich keine mehr.

Das ist erfreulich. Sie haben die schwierigsten Monate Ihrer Karriere hinter sich. Wie hat es sich angefühlt, am vorletzten Spieltag gegen den SC Freiburg wieder auf dem Platz zu stehen?

Höger: Das war schon etwas Besonderes, weil ich nervös war, bevor ich eingewechselt wurde. Die Nervosität war aber eine andere als bei meinen ersten Profispielen, da ich vom Kopf her in erster Linie bei meinem Knie war. Ich habe mich gedanklich mehr damit befasst und nicht viel darüber nachgedacht, dass ich wieder auf dem Platz stehe.

Hatten Sie vielleicht auch etwas Angst?

Höger: Nein, das nicht. Ich konnte vor dem Spiel in Freiburg auch schon voll mittrainieren, das Knie wurde also belastet und hielt stand. Im Training habe ich gemerkt, dass wenn es nicht in Ordnung wäre, ich es nicht so belasten könnte. Deshalb hatte ich da keine Befürchtungen. Training ist allerdings etwas anderes als ein Spiel. Vor allem weil es in Freiburg für uns um viel ging, deshalb habe ich da zwischendurch auch an mein Knie gedacht. Aber es ist alles gut gegangen.

Gab es Momente während Ihrer Reha, wo Sie Zweifel hatten?

Höger: Zweifel waren das nicht, ich habe immer positiv gedacht. Es gab aber trotzdem schon den einen oder anderen Tiefpunkt. Ich denke im Speziellen an die Spiele gegen Real Madrid. Das war für mich ein harter Schlag, weil ich nicht mitspielen konnte. Das gehört für mich in die Kategorie: Muss ich nicht nochmal haben!

Wie war da Ihr Kontakt zur Mannschaft?

Höger: Das Medicos ist nur ein paar Schritte von unserer Trainingskabine entfernt, also war ich natürlich das eine oder andere Mal dort. Mit den modernen Kommunikationsmitteln hält man aber den Kontakt ganz einfach. Unmittelbar nach der Verletzung und der Operation haben sich alle bei mir gemeldet. Das freut einen natürlich, wenn man merkt, wie viele Leute an einen denken.

Sie hatten in Dennis Aogo, der sich ebenfalls das Kreuzband riss, einen Leidensgenossen. Die Reha haben Sie beide zusammen durchlaufen.

Höger: Ich glaube, das war für uns beide wichtig, dass wir da nicht alleine waren. Dadurch konnten wir uns immer untereinander austauschen. Mental war das eine ganz wichtige Sache, weil wir uns gegenseitig hochziehen und pushen konnten. Dennis war noch nicht lange bei uns, er ist erst letzten Sommer gewechselt. Wir haben uns in der Reha sehr gut kennengelernt, zwischen uns beiden hat es von Anfang an gepasst, wir verstehen uns also gut.



Welche Erfahrungen haben Sie aus Ihrer Leidenszeit für sich mitgenommen?

Höger: Man legt nach so einer Zeit auf andere Sachen mehr wert oder achtet anders darauf. Früher war es das Schlimmste für mich einen Faserriss oder eine Zerrung zu haben, wo ich zwei oder vier Wochen ausgefallen bin. Mit kleineren Verletzungen gehe ich nun gelassener um und mache mir nicht mehr so viele Gedanken, weil ich weiß, dass es schlimmere Sachen gibt.

Sie fangen schon früher mit der Vorbereitung auf die neue Saison an.

Höger: Da ich ja gegen Ende der Rückrunde wieder voll mitmachen konnte und einen guten Fitnessstand habe, brauche und soll ich nicht die komplette Sommerpause durchtrainieren. Ich fahre nach Mallorca in den Urlaub und komme Mitte Juni zurück. Ich fange sieben bis zehn Tage vor Trainingsstart an.

Schalke 04 ist Dritter geworden. Sie spielen also wieder Champions League.

Höger: Das ist enorm wichtig, wir haben es zum dritten Mal in Folge geschafft. Für den Verein und für uns Spieler ist es gut, dass wir Planungssicherheit haben. Für uns Spieler, ob jung oder alt, ist es das Schönste in der Champions League zu spielen und dienstags oder mittwochs die Hymne zu hören. Und gegen die besten Mannschaften in Europa anzutreten. Wir haben die Qualität für diesen Wettbewerb und dürfen auch sagen, dass wir da hingehören.

Die Verantwortlichen haben erklärt, dass kein neuer Rechtsverteidiger kommen wird. Sie können diese Position auch spielen. Wo sehen Sie sich lieber?

Höger: Das wurde ich schon öfter gefragt. Ich sage immer wieder, dass ich mich am stärksten im zentralen defensiven Mittelfeld sehe. Wenn es allerdings so ist, dass ich dem Team helfen soll, stelle ich mich natürlich in den Dienst der Mannschaft. Ich habe mittlerweile auch schon genug Spiele im Mittelfeld gemacht. Wenn ich meine Leistung bringe, habe ich den Anspruch regelmäßig in der Stammelf zu spielen.

Generell sollen keine neuen Stars kommen. Klaas-Jan Huntelaar hat sich das aber gewünscht, auch Julian Draxler und Benedikt Höwedes. Wie ist Ihre Meinung?

Höger: Es ist häufig wichtig, nach einer Saison der Mannschaft auch neue Impulse zu geben. Aber wir hatten so viele Verletzte und ich glaube, dass man den einen oder anderen quasi als Neuzugang betrachten kann, wie Jan Kirchhoff oder Dennis Aogo zum Beispiel. Wenn alle fit und an Bord sind, haben wir eine richtig gute Mannschaft und viel Potenzial im Kader. Ich glaube, dass ein Kracher-Transfer nicht zwingend notwendig ist, da wir ja schon Sidney Sam verpflichtet haben.

Sie gehen nun in Ihr viertes Jahr beim FC Schalke 04. Was war bisher das für Sie Emotionalste, was Sie hier erlebt haben?

Höger: Das ist ganz einfach zu beantworten: Das 2:1 in Dortmund 2012. Wir haben dort gewonnen und konnten auswärts mit unseren Fans feiern. Als ich am gleichen Abend vor meiner Haustür stand, entdeckte ich plötzlich Weinflaschen und daneben lagen Glückwunsch-Karten. Das war für mich schon ein ziemlich emotionaler Moment.

Weinflaschen vor der Tür – das war bestimmt auch überraschend.

Höger: Ich hab so was auch noch nie erlebt. Ich wusste auch nicht einmal, woher die Leute wussten, wo ich wohne (lacht).

Was war das Traurigste?

Höger: Neben meiner schweren Verletzung war das für mich das Ausscheiden in der Champions League gegen Galatasaray Istanbul letztes Jahr. Wir hatten uns im Hinspiel mit dem 1:1 ein gutes Ergebnis erarbeitet und im Rückspiel sind wir 1:0 in Führung gegangen, danach haben wir den Faden verloren. Das war unglücklich, eigentlich waren wir die überlegene Mannschaft. Das war bitter, weil wir einfache Tore kassiert und Fehler gemacht haben. (Schalke verlor zuhause 2:3 und schied im Achtelfinale aus, Anm. d. Red.)

Warum landen Sie und Ihre Mannschaftskameraden am Ende der neuen Saison vor Borussia Dortmund?

Höger: Wir wollen wieder unsere eigenen Ziele verfolgen und uns für die Champions League qualifizieren. In der letzten Saison lagen wir auch nur einen Platz hinter ihnen und hatten zudem sehr viele verletzte Spieler. Wie ich vorhin schon anmerkte: Bleiben alle oder die meisten gesund, dann haben wir viel Potenzial. Dann ist es auch unser Anspruch, wieder ganz oben mitzumischen.

Wie gefällt Ihnen eigentlich der Spitzname "Derby-Höger", den Ihnen die Fans verliehen haben?

Ich glaube, es gibt Schlimmeres, als bei den Fans als Derby-Höger in Erinnerung zu bleiben. Dass sie mich so nennen, freut mich natürlich. (lacht)

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