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Pep braucht Messi... und Messi braucht Pep

Das Debakel gegen Real Madrid und Barcas womöglich titellose Saison zeigen: Der Startrainer und sein Ex-Schützling sind ohne den anderen nicht dasselbe.

So hatte er sich das nicht vorgestellt. Die Arme hilfesuchend in den Himmel gestreckt musste Pep Guardiola am Dienstagabend mitansehen, wie sein FC Bayern von Real Madrid im eigenen Stadion mit 0:4 abgestraft wurde. Es war die höchste Niederlage in der Trainerlaufbahn des Katalanen. Sofort kamen die (kritischen) Fragen zu seiner ballbesitzorientieren Spielweise und ob diese für ein Match wie jenes in der Allianz Arena auch geeignet sei. Ohne einen Lionel Messi als Fixpunkt wirken Peps einst magische Kräfte geschwunden.

Den FC Barcelona kannte Pep in und auswendig, als er die erste Mannschaft übernahm. Und er bekam eine Mannschaft, die mit seinem Spielstil bereits vertraut war. Das Spielen mit einem Kontakt wird den Blaugrana-Youngstern bereits in der berühmten Jugendakademie La Masia eingetrichtert. Pep lebte und atmete diesen Fußball bereits als Spieler, genauso wie später Xavi, Andres Iniesta, Lionel Messi und andere. Er übernahm eine goldene Generation. Der Rohdiamant war da, er musste nur noch poliert werden.

Heynckes hatte bereits poliert

Mit dem Gewinn des Triples in der letzten Saison war der bayerische Diamant bereits von Jupp Heynckes poliert worden. Allerdings nicht ganz so, wie Pep es mag. Anstatt sich aber an seine neuen Spieler anzupassen, möchte er, dass sie sich an seine Methoden gewöhnen, die bei Barca zwischen 2008 und 2012 so brillant funktioniert haben. Aber es gibt da ein Problem: In München gibt es keinen Messi.

Bayerns spektakulärer Erfolg der letzten Saison war das Produkt tollen Teamworks und nicht individueller Klasse. Arjen Robben und Franck Ribery ragten heraus. Sie passten perfekt zum Fußball, den Heynckes spielen ließ, weil sie aus tieferen Positionen schnell in freie Räume vorstießen. Ribery war dabei derjenige, der einen Ticken mehr herausragte, doch alle waren sich einig: Ausschlaggebend war das Kollektiv. Ribery gewann zu Recht nicht den Ballon d'Or. Er war nicht der Beste und er ist nicht der Beste. Messi dagegen gewann unter Guardiola viermal den Ballon d'Or und er machte an Abenden wie Dienstag den Unterschied.

Magische Momente | Messi und Pep erklommen gemeinsam alle Gipfel

Pep weiß das. Nach dem Gewinn des Triples mit Barca 2008/09 und weiteren drei Titeln in der folgenden Spielzeit erklärte er: "Ohne Leo wären wir ein sehr gutes Team und wir wären sehr konkurrenzfähig. Aber ohne ihn hätten wir all das nicht erreichen können"

Barcelonas Stil hatte zum Ziel, die gegnerischen Spieler von ihren Positionen wegzulocken. Es waren komplexe Spielzüge mit vielen Positionswechseln und noch mehr Pässen. Damit sollten Räume geöffnet und Torchancen kreiert werden. Bei den Bayern war es gegen Madrid nicht nur so, dass sie enorme Probleme hatten, sich diese Räume zu erspielen. Wenn sie sie einmal hatten, dann fehlte ihnen ein Spieler, der sie auch nutzt - wie Messi. Je weiter Peps Amtszeit im Camp Nou voranschritt, umso mehr war sein System darauf ausgelegt, Räume für Messi zu schaffen. Die Katalanen wurden so von dem Argentinier abhängig, der auf der anderen Seite seine Torquote Jahr für Jahr nach oben schraubte.

Götze ist kein Messi

Hoffnungen, Neuzugang Mario Götze könnte diese Rolle beim FCB einnehmen, entpuppten sich als falsch. Deswegen hat Guardiola ein Problem: Seine Philosophie ist geblieben, doch ihm fehlt der Spieler mit dem "X-Factor".

Am Dienstagabend sagte er: "Der Grund dafür, dass wir heute verloren und nicht gut gespielt haben, war, dass wir nicht den Ball hatten. Wir haben nicht gepasst, wie wir es tun sollten. Ballbesitz ist für mich das Wichtigste im Fußball."

"Ich weiß, dass es Mannschaften gibt, die sich zurückziehen und auf Konter warten. Aber bei mir ist das anders", so der 43-Jährige. "Wir haben es oft bewiesen. Ich mag es, wenn wir den Ball haben. Natürlich habe ich nach dieser Niederlage nicht viele Argumente. Aber ich werde nicht ändern, wie ich fühle. Madrid war praktisch gezwungen zu kontern. Ich will aber Fußball, der mit dem Ball gespielt wird. Wir müssen uns nun Gedanken machen, ob dieses Team, diese Spieler, sich meinen Ideen anpassen können."

Das ist vermutlich der Schlüsselsatz: Können sich diese Spieler an Peps Methoden anpassen? Natürlich können sie das bis zu einem gewissen Grad. Der herausragende Erfolg in Bundesliga und Pokal bestätigt das. Gegen die Topteams in Europa dagegen waren die Ergebnisse nicht mehr so berauschend. Während Peps Barcelona in den Spitzenduellen gegen die Elite stets noch eine Schippe drauflegen konnte, haben die Bayern das eben nicht geschafft. Jedenfalls noch nicht.

Keine berauschende Bilanz gegen die Elite

Gegen Arsenal und Manchester United kam der FCB in der K.o.-Runde weiter. Beide zählen aber seit ein paar Jahren nicht mehr zum engsten Kreis der Titelanwärter in der Königsklasse. Gegen Chelsea im Uefa Super Cup setzten sich die Bayern im Elfmeterschießen durch und gegen Borussia Dortmund kassierten sie zwei Niederlagen in drei Partien (sieben Gegentore). Und dann die beiden Pleiten gegen Madrid in der vergangenen Woche.

IN ZAHLEN
Pep & Messi in Barcelona
4 Der Argentinier gewann in jeder seine vier Spielzeiten unter Guardiola den Ballon d'Or.
14 In ihrer gemeinsamen Zeit im Camp Nou holten sie 14 von möglichen 19 Titeln.
15 In jener Zeit stiegen 15 Clasicos. Barca verlor davon nur zwei. Seitdem gingen schon vier Spiele gegen den Erzrivalen Real verloren.
38 Die Anzahl der Messi-Tore 2008/09. Anschließend netzt er 47, 53 und 73 Mal ein.
211 Insgesamt markierte La Pulga in 219 Spielen unter Peps Regie 211 Tore.

Am Dienstag war auch die Defensive wieder ein Problem. Drei der vier Gegentreffer resultierten aus Standards, zweimal war Sergio Ramos per Kopf zur Stelle. "Wir haben schlecht gespielt", sagte Guardiola. "Und wenn Du schlecht spielst, verteidigst Du auch schlecht."

Das ist wahr. Guardiolas Barca stand in der Defensive auch oft schlecht. Einmal sagte er: "Wir wissen nicht, wie man verteidigt. Wir verteidigen, indem wir angreifen und den Ball haben." Und wenn die richtig kritischen Momente kamen, dann holte Messi die Kastanien aus dem Feuer. Vor allem in den Clasicos trumpfte er regelmäßig auf und erzielte viele wichtige Treffer. Messis Tore kaschierten die Unzulänglichkeiten und meist wurde über die Defensive kaum gesprochen, weil erneut ein spektakulärer Sieg eingefahren worden war.

In vier vollen Jahren unter Guardiola erzielte Messi 38, 47, 53 und 73 Tore. Er war nie verletzt, gewann in jedem Jahr den Ballon d'Or und lieferte fast immer in den wichtigen Matches Topleistungen ab. Das war kein Zufall. Unter Pep bekam Leo ein spezielles Fitness- und Ernährungsprogramm verordnet. Besuche bei seinem favorisierten argentinischen Restaurant in Barcelona waren tabu. Ebenso seine nächtelangen Fußballsitzungen, in denen er bis früh morgens Fußball aus seiner Heimat schaute. Außerdem impfte er dem kleinen Angreifer viel Selbstvertrauen ein. Für ihn setzte er zunächst Zlatan Ibrahimovic und später David Villa auf die Bank. Es funktionierte.

Messi fehlt Guardiolas Führung

Aber seit der Verpflichtung Neymars fühlt sich der 26-Jährige nicht mehr so wichtig, wie er es einmal tat. Seit Guardiola weg ist, nimmt er es auch mit seiner Diät nicht mehr so genau. Wenige Tage vor dem wichtigen Champions-League-Duell mit Atletico Madrid organisierte er eine Grillparty für die ganze Mannschaft. Das hätte es unter dem alten Trainer gewiss nicht gegeben. Es wirkt wie ein harmloses Detail, aber es waren diese Kleinigkeiten, die Messi zum besten Spieler der Welt machten. Im Moment hat diesen Titel Cristiano Ronaldo inne. Er gewann im Januar den Ballon d'Or und brach am Dienstag Messis Rekord für die meisten Tore in einer einzelnen Saison in der Königsklasse (16).

Messi mag in der kommenden Saison wieder den Ballon d'Or bekommen und Barcelona könnte schon bald wieder brillieren. Pep wird auch sicher bei den Bayern Erfolge einfahren und die Mannschaft nach seinen Vorstellungen umbauen. Doch es wirkt unwahrscheinlich, dass Pep und Leo nochmal in jene Sphären vorstoßen, die ihre Synthese zwischen 2008 und 2012 erreichte.

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