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Manchester United: Gefangen in der Vergangenheit

Die Spieler in die Jahre gekommen, der Schatten von früher überdimensional: United steckt in einer Sinnkrise. Die augenscheinlichen Defizite verleugnete bereits Sir Alex.

München. Da standen sie, lächelnd und ein wenig stolz, aufgereiht wie einst in den Fußballstadien dieser Welt: David Beckham, Paul Scholes, Ryan Giggs, die Brüder Gary und Phil Neville sowie Nicky Butt. Gemeinsam prägten sie ein Jahrzehnt. In England. In Europa. In Manchester Uniteds Historie. Auf der Kinoleinwand feierten sie vergangenen Dezember ein sensationelles Comeback.

Die Dokumentation "The Class of ’92" wurde zur Hommage an eine glorreiche Ära. Vier Meistertitel und unzählige Pokal-Triumphe errang diese Generation, bis sie sich 1999 mit dem Triple vergoldete, ihren Karrieren einen filmreifen Höhepunkt bereitete. Zur Premiere in London scharrten sich die erfolgreichen Weggefährten auf dem roten Teppich. Ihre Trikots haben sie, bis auf Giggs, abgelegt. Stattdessen posierten sie in adretten Maßanzügen.

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"Wir", formulierte es Beckham pathetisch, "spielten toll, hatten Spaß und liebten den Verein". Dem blieben sie verbunden. Der eine als Profi im x-ten Frühling. Die anderen als Trainer, Scholes und Butt verdingen sich im Nachwuchs, Phil Neville als Assistent von David Moyes. Und der Rest als Fan. Ihr Herz hängt an United.

Zuletzt kursierten Gerüchte, wonach das Sextett an einer spektakulären Transaktion basteln würde. Die Glazer-Familie habe demnach die Lust verloren. Schon ihre Übernahme im Jahr 2003 evozierte einen Sturm der Entrüstung. Gegen das amerikanische Milliarden-Imperium formierte sich eine stetig wachsende Front. Ob der sportlichen Talfahrt sei man nun verkaufsbereit, hieß es. Das Dementi folgte umgehend.

Der alternde Abwehrchef als Sinnbild

"Bestimmt könnte sich die Class of ’92 eine Übernahme leisten", so Goal-UK-Reporter Jamie Dunn. Zumal Beckham, seit seiner Zeit bei Paris Saint-Germain, über milliardenschwere Kontakte in die arabische Welt verfügt. "Allerdings rief er kürzlich eine Glamour-Franchise in Miami ins Leben. Und die verbleibenden Mitglieder haben Achtligist Salford City FC erworben." Die Krux liege ohnehin der Basis zugrunde.

United rangiert nach 32 Spieltagen auf dem siebten Rang. Die Champions League gerät zunehmend außer Reichweite, ebenso Stadtrivale Manchester City. Selbst die Europa League scheint bedroht. Im Viertelfinale der Königsklasse gegen Bayern München (Dienstag, 20.45 Uhr im LIVE-TICKER bei Goal) muss nun die letzte Titel-Hoffnung geschützt werden. Mittlerweile genügt das erfolgsverwöhnte Team eigenen Ansprüchen nicht mehr.

Sich dies einzugestehen, ist frustrierend, für manchen sogar erniedrigend. "Ich will nach Spielen nicht mehr rausgehen, habe aufgehört, fernzusehen", gestand Rio Ferdinand. "Wir möchten nicht mit ansehen, wie andere die Trophäen absahnen. Wir sind das gewohnt, wir wollen das schaffen." Er, der frühere Erfolgsgarant, gibt der Misere ein Gesicht.

Bis vor einigen Jahren mimte er den Chef, war unantastbar. Schlicht Weltklasse. Das Rad der Zeit wusste er nicht anzuhalten. Seine besten Tage liegen hinter ihm. Ein Schicksal, welches er etwa mit Nemanja Vidic, Patrice Evra oder dem 40-jährigen Giggs teilt.

Ferguson hat Zeichen nicht erkannt

"Der Kader braucht einen Umbruch", sagt Dunn. "Es fehlt schlichtweg das dynamische Element. Es benötigt einen Innenverteidiger, einen Neuen für die linke Abwehrseite, zumindest einen zentralen Spielgestalter und einen hochveranlagten Stürmer." Der Krösus aus Englands Nordwesten verpasste es, die exorbitante finanzielle Schlagkraft in verheißungsvolle Qualität zu investieren. Zu spät wurden Zeichen erkannt. Zu spät auf Problemzonen reagiert.

Im Vorjahr, als man die Premier League gewann, flackerte letztmals die alte Stärke auf. Es war ein schleichender Prozess. Zunächst ging international der Anschluss verloren. Danach in heimischen Gefilden. Sir Alex Ferguson, elementarer Bestandteil der 136-jährigen Geschichte und Entdecker der "Class of ‘92", ist von den Missständen keineswegs freizusprechen.

"Bei seinem Rücktritt beteuerte er, die Truppe in bester Verfassung zu übergeben, was definitiv nicht der Fall war", spricht Dunn Klartext. Ferguson handelte knauserig, verweigerte sich branchenüblicher Preistreiberei. Leistungsträger suchten das Ferne. Ersetzt wurden sie selten adäquat, teils gar nicht, zu oft mangelhaft. Sein Auserkorener Moyes manövrierte das Lebenswerk endgültig in ungewohnte Regionen.

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Der Fear-Faktor ist futsch

"Moyes trat das Erbe einer Legende an, hatte aber keine Erfahrung bei einem solch großen Verein. Das spiegelt sich auf dem Rasen wider." Fans trauen dem Power-Kick hinterher. Die selbstredende Dominanz, der "Fear-Factor" verflüchtigte sich. Vom Rekordmeister wurde United zum Mitläufer. Auch auf dem Transfermarkt.

Fergusons Nachfolger, einer eher blassen Erscheinung, sollte mit Superstars mehr Glanz verliehen werden. So der Masterplan. Die Führungsetage scheiterte an der, zugegeben sehr ambitionierten, Rückholaktion von Cristiano Ronaldo. Cesc Fabregas erteilte dem tölpelhaften Werben eine Absage. Bei Thiago wurde sie von Bayern gnadenlos ausgestochen.

Panik machte sich breit, man sah sich gezwungen, zu handeln. "Sie präsentierten Marouane Fellaini als Last-Minute-Deal, blätterten für ihn 27,5 Millionen Pfund hin. Dabei", verrät Dunn, "konnte sie ihn bis 31. Juli für 23,5 Millionen aus seinem Vertrag bei Everton kaufen." Eine bezeichnende Posse.

Den versprochenen Hochkaräter bekam Moyes im Winter serviert. Unter Jose Mourinho in Ungnade gefallen, wurde Juan Mata vom FC Chelsea losgeeist. Für eine Rekordablöse. Für knapp 45 Millionen Euro. Obwohl auf seiner Lieblingsposition hinter der Spitze mehrere Kandidaten parat standen. Etwa Shinji Kagawa, der für 16 Millionen nach Manchester übersiedelte. Oder Wayne Rooney, dem United dank exorbitantem Jahressalär die Verlängerung schmackhaft machen konnte.

Kurioser Protest mit Flugzeug

Für die Yellow Press ist dieser blinde Aktionismus ein gefundenes Fressen. So wurden die Mannschaft und Moyes nach einer blutleeren Vorstellung im Champions-League-Achtelfinale gegen Olympiakos Piräus zerrissen. Mit Mühe konnte sie die totale Blamage im Rückspiel abwenden. Geglückt ist indes die Generalprobe für Dienstag mit einem überzeugenden 4:1-Erfolg über Aston Villa.

Schlagzeilen beanspruchte jedoch ein kurioser Protest: Vor Anpfiff flog eine Propellermaschine mit dem Banner "Wrong One – Moyes Out" über das Old Trafford. Das Klima wird rauer. "Man hat das Gefühl, als könnte sich die Situation mit jedem Ergebnis verändern", erklärt Dunn. Ob Moyes die für Sommer anberaumte Transferoffensive, Medienberichten zufolge werde das Team für 200 Millionen Pfund umgebaut, mitgestalten darf, hängt mitunter am Abschneiden gegen Bayern.

Der Titelverteidiger reist jedenfalls mit Respekt auf die Insel. "Das ist kein Freilos", wies Philipp Lahm zurück. Scholes pflichtete ihm bei: "In zwei Spielen kann United jeden schlagen." Die Warnung mag wie eine Durchhalteparole klingen, hätte sich im Theater der Träume nicht so manch magische Europapokal-Nacht ereignet. Zumindest als die "Class of ‘92" noch auf dem Rasen stand.

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