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Der frühere WM-Schiedsrichter Urs Meier über kulturelle Unterschiede im Nationaltrikot, die heutige Bedeutung der Schiris und anerzogene Unsportlichkeiten im Profifußball.

Oberrohrdorf. Urs Meier ist den meisten spätestens seit dem WM-Sommer 2006 ein Begriff. Damals überzeugte der Schweizer als TV-Experte für das ZDF an der Seite von Jürgen Klopp am Mikorofon. In den Jahren zuvor bekamen die meisten Zuschauer ihn noch mit einer Pfeife in der Hand zu Gesicht: Seit 1977 war Meier Schiedsrichter. 1998 pfiff er zum ersten Mal bei einer WM, 2002 leitete er sogar das Finale der Champions League und später auch das Halbfinale zwischen Südkorea und Deutschland, wo er seinerzeit Michael Ballack vom Platz stellen musste. Im Juni 2011 beendete er seine Karriere.

Du hast als Schiedsrichter zahlreiche große Spiele bei WM, EM und in der Champions-League gepfiffen – gibt es einen Unterschied zwischen Nationalmannschaften und Vereinsmannschaften? Verhalten sich die Spieler anders, wenn sie im Nationaltrikot auflaufen?


Urs Meier: Ja, in der Nationalmannschaft herrscht ein eigener Charakter! Da es auch nicht so multikulturell zugeht wie in den Spitzenclubs, bleiben mehr eigene Mentalitäten, es geht irgendwie noch mehr um die Ehre, „das eigene Land“ – es geht um „mehr“.

Über was unterhält man sich denn eigentlich auf dem Platz mit den Spielern? Von Schiri-Urgestein Walter Eschweiler wurden ja die lustigsten Anekdoten überliefert. Ist das im heutigen Medienzeitalter eher locker oder eher angespannt?

Urs Meier: Heute ist es im Vergleich eher angespannter. Ich pfiff seit 1977. Früher gab es mehr Sprüche von beiden Seiten, es war daher etwas lockerer. Das geht heute nicht mehr, was auch mit der explodierenden Medienberichterstattung zu tun hat. Und auch die Tonalität hat sich verändert. Wichtig bleibt der beidseitige Respekt auf und neben dem Platz!

Vor ziemlich genau zehn Jahren hast Du im EM-Viertelfinale ein Tor der Engländer in der 89. Minute annulliert, weil ein Foul von John Terry vorangegangen war. Die englischen Medien und Fans veranstalteten eine regelrechte Treibjagd auf Dich, was auch in Morddrohungen endete. Sind die Schiedsrichter heutzutage durch die FIFA / UEFA besser auf solche Situationen vorbereitet bzw. geschützt?

Urs Meier: Ich habe kürzlich nochmal eine Situation der letzten WM meines Schweizer Kollegen Massimo Busacca gesehen und hatte nicht das Gefühl, dass er inzwischen besseren Schutz genießt. Ich vergleiche die Position des Schiedsrichters gerne mit Schach. Heutzutage ist der Schiri der Bauer. Eine Position der wichtigeren Figuren der hinteren Reihe wäre wichtig. Nicht König oder Dame, aber Turm, Läufer, Springer – das wäre wichtig. Gerade in wichtigen Turnieren fehlt mir der Schutz. Am Beispiel der Tore bei Deutschland-England oder England-Ukraine, die der Schiedsrichter nicht sehen konnte, hätte ich mir mehr Rückendeckung für den Schiedsrichter gewünscht – doch man ließ ihn mit Schimpf und Schande allein.

Du bist grundsätzlich für die Einführung technischer Hilfsmittel. Die Systeme sind vielseitig von Goal Control bis zum Chip im Ball. Was wäre Dein Favorit?

Urs Meier: Früher war es der Chip, aber jetzt ist mir die Technik eigentlich egal. Ich war 2005 in der Kommission bei den Tests, da man es eigentlich zur WM 06 unbedingt einführen wollte, doch es war damals ein falscher Ansatz mit zu vielen Fehlerquellen. Wichtig ist für mich einzig, dass ich innerhalb 1 Sekunde das richtige Ergebnis bekomme!

Das Thema Spielmanipulationen ist allgegenwärtig. Bei einem Freundschaftsspiel von zwei Drittligisten auf den ersten Einwurf zu wetten scheint einfach beeinflussbar. Doch bei großen Turnieren, wo alle Spieler ohnehin ausgesorgt haben und die Welt zuschaut, können dort Manipulationen eigentlich ausgeschlossen werden?

Urs Meier: Ich denke, bei den großen Turnieren ist es schon ganz, ganz schwer zu manipulieren.

Mit welchen Spielern hattest Du auf dem Platz die meisten Schwierigkeiten?

Urs Meier: Das waren eigentlich die „intellektuellen Typen“, die alles ausdiskutieren wollten. Sie können schleichend die Autorität nehmen. Anfangs häufig sehr anständig, dann ändert sich die Tonalität, denn sie wollen alles besprechen. Fängst du damit an besteht die Gefahr, dass man nicht merkt, wenn die Autorität untergraben wird. Da muss man sehr aufpassen.

In England steht der Spieler sofort wieder auf nach einem Foul, in Italien bleibt er lange liegen und Deutschland liegt irgendwo in der Mitte. Glaubt man den Fans, bevorzugen alle das englische System. Wie kann man Spieler dazu bewegen schneller aufzustehen?

Urs Meier: In Italien gehört die Theatralik irgendwie dazu. Es ärgert meist nur, wenn man selbst im Rückstand ist. Grundsätzlich habe ich nie gefragt, ob der Spieler einen Doktor braucht, sondern nur „willst du raus? Wenn nicht, dann steh auf“. Wichtig ist hier mit Fingerspitzengefühl zu agieren und sich das Spiel nicht kaputt machen zu lassen.



Viele Fans nervt auch die Unart, dass alle Spieler bei jedem Einwurf bzw. Ecke immer die Arme heben um zu signalisieren, dass dieser für das eigene Team ist. Eigentlich in vielen glasklaren Szenen doch eine Unsportlichkeit wie das Fordern einer gelben Karte, oder?

Urs Meier: Viele Spieler werden schon in jungen Jahren im Fußball zur Unsportlichkeit erzogen, während sie im Rugby oder Handball zur Fairness erzogen werden. Diese Grundhaltung bringt man später leider kaum mehr raus, sondern das hält sich dann bis ganz nach oben.

Du bist nach der Karriere seit 8 Jahren moderierender Experte für das ZDF, zeitweise auch  Schiedsrichterbeobachter der UEFA (nicht mehr), bist gut gebuchter Vortragsredner, hast ein eigenes Buch veröffentlicht und warst ehemals sogar Inhaber einer Küchenfirma. Was kommt nach der WM in Brasilien?


Urs Meier: Neben meinen Vorträgen habe ich bereits mit zwei neuen Projekten begonnen. Es ist im Moment jedoch noch etwas zu früh Konkreteres zu vermelden.

Die Initiative Deutscher Fußball Botschafter (fußballbotschafter.de) würdigt das positive Auftreten deutscher Trainer und Spieler im Ausland. Du lebst inzwischen in Andalusien und bist so selbst ein (Schweizer) Botschafter. Wie empfindest Du diese Verantwortung?

Urs Meier: Ich war mir eigentlich immer bewusst im Ausland stets auch eine Botschafterrolle für mein Land zu haben. Ich lebe nach dem Motto „leben und leben lassen“ und versuche einfach authentisch und fair zu handeln, sowie stets Respekt für mein Gegenüber zu zeigen und keine Dinge zu tun, die ihm schaden könnten. Das ist doch schon mal eine gute Botschaft eines Schweizers. J

In exklusiver Zusammenarbeit mit presented by (hier geht's zum kompletten Interview mit Urs Meier).

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