thumbnail Hallo,

AC Milan: Seedorfs schweres Erbe

Der AC Milan findet sich nach frustrierenden Monaten im Niemandsland der Serie A wieder. Vor Neu-Trainer Clarence Seedorf liegen viele Herausforderungen.

ANALYSE
Von Constantin Eckner

Massimiliano Allegri musste beim AC Milan seinen Hut nehmen. Nach einer absolut enttäuschenden Hinrunde zog die Vereinsführung die Reißleine. Nun soll der langjährige Mittelfeldstratege Clarence Seedorf als neuer Cheftrainer die erhoffte Wende bringen. Allegri stand in letzter Zeit für sein Coaching stark in der Kritik. Doch auch sein Nachfolger wird es bei den Mailändern nicht einfach haben. Die spielerische Weiterentwicklung blieb lange Zeit aus.

Clarence Seedorf übernimmt das Ruder

Der mittlerweile 46-Jährige Allegri konnte in seiner ersten Saison 2010/11 bei den Mailändern noch den Scudetto erringen und in den darauffolgenden Spielzeiten – trotz namhafter Abgänge wie Zlatan Ibrahimovic und Thiago Silva – die Qualifikation für die Champions League erreichen. Allerdings überzeugte Milan schon seit längerem nicht mehr vollends, was sich aktuell in den Ergebnissen auch deutlich niederschlägt.

Seedorf soll nun das Ruder herumreißen. Der 37-Jährige spielte bis vor kurzem noch bei Botafago FR in Rio de Janeiro, und der Trainerjob im San Siro ist die erste Aufgabe an der Seitenlinie für den früheren Mittelfeldspieler. Unter anderem werden auch Ex-Profis wie Jaap Stam oder Patrick Kluivert für die Posten der Co-Trainer umworben. Beide spielten während ihrer Karriere für die Rossoneri.

"Ich habe den Klub im Mai 2012 am Ende einer Ära verlassen. Meine Arbeit ist jetzt, eine neue Ära zu beginnen. Ich kann nicht sagen, dass ich in Mailand zurückgekehrt bin, weil ich im Grund nie wirklich weg war. Wir haben viel zu tun, um Milan wieder an die Spitze zu führen", sagte Seedorf bei seiner Ankunft in der lombardischen Hauptstadt.

Viel Ballbesitz und wenig Effizienz

Die Mailänder dominieren, den Ballbesitz betrachtet, die große Mehrheit ihrer Parteien. Statistisch gesehen hat die Mannschaft sogar durchschnittlich die höchste Ballbesitzquote aller Teams in der Serie A. Doch aus dieser vermeintlichen Überlegenheit entwickeln sich zu wenig zwingende Aktionen. 16,6 Torschüsse geben die Spieler von Milan pro Partie ab. Nur der überlegene Tabellenführer Juventus hat mehr aufzuweisen.

Dass daraus lediglich 31 Treffer resultierten, ist eine Folge der häufig nicht konsequenten Angriffsszenen, die in vielen Fällen in ungefährlichen und auch zuweilen zu früh erfolgten Abschlüssen enden. Gerade im letzten Drittel entwickelt Milan viel zu selten eine kombinative Struktur, um die gegnerische Defensive auszuhebeln.

AC MILAN IN DER HINRUNDE DER SERIE A
Tabellenplatz
Torverhältnis
Durchschnittlicher Ballbesitz
Durchschnittliche Passquote
Schüsse pro Spiel
Zugelassene Schüsse pro Spiel
Tacklings pro Spiel
Fouls pro Spiel

*Daten von Whoscored.com
11
31:30
59,6%
84,5%
16,6
11,3
19,8
14,1



Der verlorene Sohn

Im Sommer gaben die Lombarden Kevin-Prince Boateng an Schalke 04 ab und holten im Gegenzug Kaka von Real Madrid zurück. Der Brasilianer wechselte 2009 für rund 65 Millionen Euro zu den "Königlichen", konnte dort aber nie über einen längeren Zeitraum hinweg überzeugen. Von seiner Topform einstiger Tage ist er auch aktuell im roten-schwarzen Trikot noch entfernt. In aller Regel spielt der 31-Jährige hinter Mario Balotelli und hat noch einen Nebenmann an seiner Seite. Steht Milan tiefer in der gegnerischen Hälfte, versucht Kaka häufig die Initiative zu übernehmen, weicht aus und holt in tieferen Räumen die Bälle. Allerdings passte zuletzt die Abstimmung mit seinen Mitspielern nicht immer.

Im Offensivbereich ergeben sich für Seedorf weitere Baustellen, da einerseits Hoffnungsträger Stephan El Shaarawy durch seine Fußverletzung sowie eine weitere Operation in dieser Saison bisher nur ganz selten zum Einsatz kam. Andererseits ist Balotelli weiterhin eine Mischung aus Genie und Wahnsinn. Er erzielt geniale Treffer, ist in manchen Begegnungen stetige Anspielstation für vertikale Pässe, behauptet den Ball auf der Außenbahn oder zum Nachrücken der eigenen Mitspieler. Allerdings macht der 23-Jährige auch in unregelmäßigen Abständen durch lustlose Auftritte auf sich aufmerksam, wo er sich relativ disziplinlos nicht ins Pressing einschaltet oder ineffektive Dribblings forciert. Trotzdem ist der italienische Nationalspieler nicht gleichwertig zu ersetzen, da Giampaolo Pazzini keine qualitative Alternative darstellt und der 11-Millionen-Euro-Neuzugang Alessandro Matri bereits wieder nach Florenz ausgeliehen wurde.

Flaches Mittelfeld oder der Tannenbaum

Hinter dem nominellen Angriff konzentrieren sich allerdings noch vielmehr Probleme. Die einstige Milan-Erfolgsmannschaft mit Größen wie Andrea Pirlo, Gennaro Gattuso oder Seedorf wurde berühmt durch viele Triumphe in einer Tannenbaum- oder Rautenformation. Schaut man aktuell die formationstechnischen Ansätze an, scheinen sich Parallelen wiederzufinden, wenngleich vieles heute anders beziehungsweise schlechter ausgeführt wird. Im Normalfall agiert mit Nigel de Jong ein charakteristischer Defensivsechser vor der Abwehr. Auf den Halbpositionen vor respektive neben ihm finden sich Spieler wie Sulley Muntari oder Andrea Poli wieder.

Interessant wird es in puncto Raumaufteilung. Denn diese passt nicht immer. Oft ist das Mittelfeld zu flach, sodass der Platz in die Vertikale zu groß wird und die Anbindungen nicht optimal funktionieren. Insgesamt wirkt das Spiel Milans noch nicht ausgereift. Allegri versuchte während der Partien immer wieder mit Anpassungen zu reagieren.

Die Achter verhalten sich im Zusammenspiel mit den Außenverteidigern unterschiedlich und Milan neigt zudem dazu, über die volle Länge einer Begegnung hinweg nicht konstant genug kompakt zu stehen. Es gibt Phasen, wo hohes Pressing in der Defensive und stringentes Angriffsspiel in der Offensive funktionieren. An der Konstanz muss allerdings gearbeitet werden. Gerade etwaige fehlende Kompaktheiten haben in dieser Saison bereits einige unnötige Gegentreffer verursacht und Punkte gekostet.

Die letzte Reihe der Mailänder gerät in regelmäßigen Abständen in nummerisch ungünstige Situationen, wodurch nicht mehr alle Lücken gut geschlossen werden können. Zudem leisten sich die Abwehrspieler um Cristian Zapata und Daniele Bonera häufig Stellungsfehler. Erst am vergangenen Wochenende erzielte der 19-jährige Domenico Berardi vier Tore für US Sassuolo gegen Milan und nutzte dabei beispielsweise diese Schwächen in seinen Bewegungen im Strafraum.

Änderungen im System

Im Winter durften sich alle Anhänger der Rossoneri über zwei Neuzugänge freuen. Adil Rami kam per Leihgeschäft aus Valencia und kann eine Alternative für die Innenverteidigung, die nicht immer überzeugen konnte, bilden. Keisuke Honda wechselte ablösefrei von ZSKA Moskau ins San Siro. Sicherlich ist der Transfer des Japaners aus finanzieller Sicht sehr vernünftig. Milan bekommt relativ günstig einen international erfahrenen und zugleich in der Offensive variabel einsetzbaren Spieler. Allerdings erscheint noch nicht unbedingt klar, inwieweit Honda eingebunden werden kann. Er ist eher ein Akteur für den Schattenraum hinter Balotelli, wo sich schon Kaka, Ricardo Saponara, Robinho, zum Teil Valter Birsa oder auch längerfristig wieder El Shaarawy herumtreiben. Trotzdem kann Honda das Niveau mit seinem Spielstil anheben.

Nachholbedarf besteht hingegen noch im zentralen Mittelfeld. Nigel de Jong ist ein brauchbarer Defensivspieler vor der letzten Reihe, kann durch seine Aggressivität gegnerische Angriffe zerstören. Der Niederländer kann Räume blocken und zuweilen eine Absicherung darstellen. Aber abkippend im Spielaufbau ist er nicht der geeignetste Akteur. Die Innenverteidiger lassen zudem häufiger einen geordneten Spielaufbau vermissen und Bälle werden des Öfteren relativ planlos herausgeschlagen, denen im Gegenpressing auch nicht konstant nachgegangen wird.

Für Seedorf muss sich die Frage stellen, inwieweit er die Mannschaft umstrukturiert, konsequent zum Beispiel in einer 4-2-3-1-Grundformation spielen lässt und de Jong einen Sechser an die Seite stellt. Mit Riccardo Montolivo hat der neue Trainer noch einen Spieler im Kader, der in Partien kreative Elemente einbringt und strategisch nicht zu unterschätzen ist. Hinzu kommt die Ballbesitzausrichtung der Mailänder. Sie entwickelten in den vergangenen Monaten vornehmlich über Umschaltaktionen infolge von im Angriffs- oder Mittelfeldpressing eroberten Bällen und raschen vertikalen Anspielen die größte beziehungsweise effektivste Torgefahr. Insofern ist es eine Überlegung wert, den Gegner strategisch zu locken und über Pressingfallen neue Möglichkeiten über Konter zu entwickeln.

Große Herausforderung für Seedorf

"Ich empfinde viel Freude und Pflichtbewusstsein. Ich werde alles geben, um der Mannschaft Enthusiasmus und Sicherheit zu verleihen. Ich werde den AC Milan wieder an die Spitze des Fußballs bringen", sagte Seedorf vor einigen Tagen im Interview mit dem vereinseigenen Milan-Channel.

Es gibt kein Patentrezept für den neuen Trainer, aber gewiss genügend Anhaltspunkte, woran es in den letzten Monaten krankte. Dazu kommen noch psychologische Aspekte einer angeschlagenen Mannschaft. Der Niederländer war einst eine Ikone und ein Anführer bei Milan. Der 37-Jährige, der sechs Sprachen spricht, muss als Kommunikator, Motivator und intelligenter Taktiker auftreten. Es ist eine Mammutaufgabe für einen Trainer-Novizen. 

EURE MEINUNG: Wird Clarence Seedorf die Wende schaffen?

Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal auf
oder werde Fan von Goal auf !

Dazugehörig