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Anspannung? Fehlanzeige! Nervosität? Fehlanzeige! Die Protagonisten gaben sich beim finalen Pressegespräch vor dem Endspiel betont entspannt. Alles easy, so der Eindruck.

ANALYSE
Von Tim Röhn in London

Um erkennen zu können, ob Thomas Müller eher entspannt oder unruhig ist, hätte Bayerns Offensivspieler auf der Pressekonferenz nicht einmal sprechen müssen. Ein britischer Journalist schrieb schon zu Beginn der Einlassungen Müllers bei Twitter, der Spieler könne nicht einmal auf einer Strandliege mit einem Cocktail in der Hand entspannter aussehen als auf dem Podium. Nicht einmal die 25-minütige Verspätung der Pressekonferenz wegen des Londoner Verkehrschaos' konnte ihn aus der Ruhe bringen.

Die Performance des 23-Jährigen stand sinnbildlich für den Auftritt des FC Bayern am Tag vor dem Champions-League-Finale. Vor dem Duell mit Borussia Dortmund strahlt der Rekordmeister angesichts der Bedeutung der Begegnung eine große Lockerheit und Souveränität aus. Man kann auch sagen: Die Münchner präsentieren sich unheimlich siegessicher.

„Nach den letzten zwei Finals bin ich nicht mehr ganz so nervös. Natürlich wird das Kribbeln morgen da sein, uns ist schon bewusst, was auf dem Spiel steht. Aber es bringt ja nichts, sich verrückt zu machen“, sagte Müller. Und weiter: „Ich denke, dass das letztjährige Finale keine negativen Seiten für das Spiel morgen hat. Wenn, dann ist es Motivation. Wir werden noch aufmerksamer agieren, weil wir schon einmal ein Finale durch eine Standardsituation aus der Hand gegeben haben.“

Wir werden noch aufmerksamer agieren, weil wir schon einmal ein Finale durch eine Standardsituation aus der Hand gegeben haben.

Falls es zum Elfmeterschießen kommen sollte,  so stellte der Nationalspieler klar, werde sich mit Sicherheit „niemand in die Hose scheißen.“ Es sind nicht nur lockere, sondern auch selbstbewusste Ansagen, die die Bayern kurz vor dem Ende einer phänomenalen Saison tätigen. Auch dass eine Niederlage gegen Dortmund die Saison kaputt machen könnte und dadurch ein gewaltiger Druck herrscht, belastet die Mannschaft angeblich nicht. „Beim FC Bayern herrscht immer Druck“, machte Kapitän Philipp Lahm klar.

Cheftrainer Jupp Heynckes, der personell aus dem Vollen schöpfen kann, versucht die Begegnung, wegen der Fußball-Deutschland seit Wochen hyperventiliert, ebenfalls so nüchtern wie nötig zu betrachten. „Ich gehe davon aus, dass ich gut schlafen werde“, sagte der scheidende Coach: „Natürlich ist es ein ganz besonderes Spiel. Es spielen Elf gegen Elf, und zufällig sind es zwei deutsche Mannschaften – und mit diesen Gedanken gehe ich ins Bett.“



Trotz aller Lockerheit wissen sie auch in München, wie wichtig ein Sieg gegen den BVB wäre. Nach zwei Spielzeiten, in denen die Bayern hinter dem Erzrivalen landeten, würde nur ein Triumph im Endspiel zum Selbstverständnis des Klubs passen. Nicht nur national, sondern auch international ist es aus Sicht der Bayern-Granden an der Zeit, den Dortmundern die Grenzen aufzuzeigen. Heynckes sagte, er hoffe, dass Wembley ein besseres Pflaster ist als die heimische Allianz-Arena, in der die Bayern im Vorjahr das Finale im Elfmeterschießen gegen Chelsea London verloren hatten: „Vielleicht ist der Fußballgott morgen mit uns.“

Während die Bayern endlich wieder die Vormachtstellung in Deutschland zurückgewinnen wollen, aber nicht verkrampft wirken, versuchten auch die Gegner bei ihrer Pressekonferenz Gelassenheit zu demonstrieren. „Die Druckfrage, die stellt sich einfach nicht. Ich denke nicht über irgendwelche Verlustszenarien nach“, sagte Innenverteidiger Mats Hummels, der rechtzeitig zum Spiel fit geworden ist. Und weiter: „Für uns ist das die größte Chance unseres Lebens. Uns geht es gar nicht um die Frage, ob wir jemandem etwas wegnehmen können oder den Bayern die Saison verderben könnten.“

Für uns ist das die größte Chance unseres Lebens. Uns geht es gar nicht um die Frage, ob wir jemandem etwas wegnehmen können oder den Bayern die Saison verderben könnten.

Angesichts der Rivalität, die in den vergangenen Monaten zwischen den beiden Vereinen immer weiter gewachsen ist, dürfte diese Aussage nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Außerdem sind die Bilder noch in guter Erinnerung, als Hummels Gegenspieler Arjen Robben nach einem vergebenen Strafstoß in der Vorsaison verspottete. Es darf bezweifelt werden, dass der Abwehrspieler in einer ähnlichen Situation auch den Spieler eines anderen Teams derart angehen würde.

Jedenfalls haben sie in dieser Saison auch in Dortmund erkannt, dass spielerisch derzeit niemand mit dem FC Bayern mithalten kann. Kein Problem, erklärte Klopp, und verriet seinen Schlachtplan für Samstagabend: „Wir können nicht die gleiche Philosophie wie Bayern München haben. Es ist nicht unser Ziel, auf einem Niveau mit Bayern München zu sein – nur im jeweiligen Spiel. Dazu müssen wir uns sehr strecken. Aber es ist so, dass unsere taktischen Möglichkeiten beinhalten, dass wir Bayern München auf unser Niveau herunterziehen können.“

So soll es klappen mit einer triumphalen Nacht von Wembley.

 

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