thumbnail Hallo,

Bei Real Madrid wurde Manuel Pellegrini 2010 unliebsam vor die Tür gesetzt. Heute kratzt der stille Chilene am Thron Europas - und lenkt die Augen der großen Klubs auf sich.

KOMMENTAR
Von Rupert Fryer

Manuel Pellegrini trug den Kopf immer oben. Als gut situierter und besonnener Mann war der stille Chilene nie jemand, dem die Herzen von Spielern und Fans reihenweise zuflogen, dafür aber immer ihr Respekt. Das war auch 2010 so, als er nach nur einem Jahr Amtszeit das Santiago Bernabeu für immer verließ.

Er war weißgott nicht der erste und einzige, der diesen Gang antreten musste. Real Madrid ist in dieser Hinsicht ein unbarmherziger Klub. Jupp Heynckes, der die Königlichen 1998 zum ersten Champions League Titel seit 30 Jahren geführt hatte und dann entlassen wurde, weiß davon ein Lied zu singen. Oder Fabio Capello, weggeschickt, nach dem er nur elf Tage zuvor die erste Meisterschaft in vier Jahren geholt hatte. Oder Vicente del Bosque, als früherer Spieler selbst eine Legende und jemand, der sich in diesem Verein schon auf allen Ebenen verdient gemacht hat. Beiseite geschoben wie ein unliebsames Überbleibsel aus alten Zeiten - obwohl er dem Verein zweimal die europäische Krone geschenkt hatte.

Pellegrini erging es nicht anders. Er erhielt seine Arbeitspapiere nachdem er in der Saison 2009/10 nur Zweiter hinter dem FC Barcelona von Pep Guardiola geworden war. Ein großer Schock war die Kündigung nicht - trotzt des Punkterekords von 96 Zählern. Aber an einer der wohl besten Mannschaften aller Zeiten gab es auch mit einem millionenschwer aufgestockten Kader kein Vorbeikommen.

Weil das CL-Finale 2010 in Madrid statt fand, war das Erreichen Pflicht und Pellegrinis Ende nach dem Achtelfinal-Aus gegen Lyon so gut wie beschlossen. Vor allem die Marca machte Stimmung und forderte den Kopf des Trainer spätestens im Sommer. Allerdings: Sorgen um Pellegrinis berufliche Zukunft musste man sich schon damals keine machen. Zu jenem Zeitpunkt hatte er bereits einige Titel in Argentinien gewonnen bevor er das kleine Villareal in der erfolgreichsten Phase der Vereinsgeschichte (2004-09) in La Liga auf Platz zwei und fast bis ins Finale der Königsklasse führte. Nur Jens Lehmann, damals Keeper des FC Arsenal, verhinderte im Sommer 2006 den Triumph.

Meriten und Erfolge hatte Pellegrini also zur Genüge gesammelt und konnte sich nun in Ruhe auf seine nächste Rolle konzentieren. Trotz einer Anfrage vom mexikanischen Fussballverband suchte sich El Ingeniero (Pellegrini besitzt ein Diplom als Bauingeneur von der Katholischen Uni Chile) eine größere Herausforderung. Er wollte etwas erschaffen.

PELLEGRINIS  TRAINERKARRIERE
Universidad de Chile
Palestino
Chile Under-20
Palestino
O'Higgins
Universidad Catolica
Palestino
LDU Quito
San Lorenzo
River Plate
Villarreal
Real Madrid
Malaga
1988-89
1990
1991
1991-92
1992-93
1994-96
1998
1999-00
2001-02
2002-03
2004-09
2009-10
2010-
Der ausschlaggebende Grund für Malaga, so sagte er 2011 World Soccer, „war die Absicht und der glaubwürdige Plan der Verantwortlichen, in Malaga etwas Großes aufzubauen.“

Ein Jahr und gut 50 Millionen Euro später war man auf einem guten Weg, die CL-Qualifikation erreicht - dafür stand nun die Glaubwürdigkeit des Plans auf der Kippe. Gerüchte um unbezahlte Gehälter und ausstehende - oder ignorierte -  Zahlungen an andere Vereine machten die Runde

Die qatarischen Wohltäter hatten offensichtlich ihr Interesse oder das Geld verloren - oder eben beides. Weil man nicht in der Lage war, die mitunter exorbitanten Löhne zu zahlen, trennte man sich vom Tafelsilber. Der beste Spieler, Santi Cazorla, ging zu Arsenal und Star-Stürmer Salomon Rondon schloss sich Rubin Kazan an. Die Konsolidierung hatte begonnen.

Damit hatten sich auch die Voraussetzungen im Süden Spaniens grundlegend verändert. Statt mit einem der größten Budgets ligaweit musste sich Pellegrini mit einer Nullrunde zufrieden geben. Also kamen Javier Saviola und Manuel Iturra für umsonst, Roque Santa Cruz, Diego Lugano und Vitorio Antunes wurden billig ausgeliehen.

Man kann daran sehen, dass Pellegrini mit Geld umzugehen weiß. Cuprum, Chiles größter Rentenversicherungs-Fond, sieht das ähnlich: Seit langem schon ist Pellegrini das Gesicht von dessen Kampagne. Eine Rolle, die ihn von der chilenischen Fußball-Familie allem Anschein nach entfremdet hat. Sie hat ihm nicht nur Respekt eingebracht, sondern der arbeitenden Bevölkerung auch den schleichenden Eindruck vermittelt, dass er über ihr steht.

Aber vielleicht liegt genau hierin seine wahre Stärke. Was Malaga brauchte, war ein ruhiger Kopf und Kapitän, der das Schiff in stürmischen Zeiten sicher durch die Klippen steuert. Und solange ein begründeter Respekt seine Autorität untermauert, sollte Pellegrini weiter den Kurs ausgeben. Denn die See ist nach wie vor unruhig: Noch ist beispielsweise unsicher, ob Malaga nächste Saison an der Königsklasse teilnehmen darf, wenn man in La Liga Real Sociedad und Valencia im Rennen um Platz vier schlägt.

„Malaga ist die Überraschung der Saison in La Liga und Pellegrini hat sein enormes Talent als Trainer und Menschenführer gezeigt“, sagt Adrian Boullosa von Goal.com Spanien. „Er ist ein Vorgesetzter, der es nicht nötig hat zu schreien. Die Spieler respektieren ihn und schätzen seine Arbeit.“

Angesichts all der Unruhen im Umfeld des Vereins sprechen Platz fünf in der BBVA neun Spieltage vor Schluss und das Erreichen des CL-Viertelfinals in der Debütsaison Bände über die Arbeit, die der 59-Jährige geleistet hat. Und er erklärt auch, warum Vereine wie Manchester City und Chelsea ein Auge auf ihn geworfen haben. Vor allem bei City gibt es so einige, die in ihm den Mann sehen, der die Citizens in Europa endlich weiter voran bringt.

„Niemand hat am Anfang auf uns gesetzt“, sagte Pellegrini am Dienstag vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund. „Aber was wir erreicht haben, haben wir auf dem Platz erreicht.“ Nicht nur: Auch die Trainerbank hat ihren Anteil.

Folgt Rupert Fryer auf

Dazugehörig