thumbnail Hallo,

Bastian Schweinsteiger: Der streitbare Boss des FC Bayern München

Zu altmodisch, zu unbeweglich, zu langsam – Schweini wurde angezweifelt, kehrte allerdings erstarkt zurück. Gegen die Königlichen soll er Bayern den Rhythmus einhauchen.

München. In entspanntem Ambiente, fern des Kabinen-Alltags beim Italiener, fachsimpelten sie. Zwanglos bei einem Gläschen Wein. Rund zwei Stunden währte das von lokalen Medien zum "Geheimtreffen" stilisierte Kennenlernen in München Schwabing. Es schien Bastian Schweinsteiger zu gefallen, was er hörte.

Sein Gegenüber, Pep Guardiola, witzelte, erklärte sich leidenschaftlich. Er pflegt gemeinhin ein intimes Verhältnis zu seinen Führungsfiguren. Auf Vier-Augen-Gespräche legt der bekennende Liebhaber edler Tropfen höchsten Wert. Sie schaffen eine vertrauliche Ebene. Ob nach Trainings, um Feinheiten zu implementieren. Oder etwas privater, um Strömungen früher zu erkennen, die Stars vom eigenen Dogma zu überzeugen.

Real mit Ronaldo und Bale - Bayern mit Neuer

Tags zuvor tütete Bayern München den Coup um Thiago Alcantara ein. Mancherorts spekulierte man bedeutungsschwanger über eine Wachablöse in der Zentrale. Thiago sei die Inkarnation des Tiki-Taka, der moderne neue Taktgeber. An jenem lauen Juli-Abend setzte Guardiola, ob bewusst oder nicht, ein grundlegendes wie nachhaltiges Zeichen: Schweinsteiger ist der Chef. Und das bleibt er. Auch im Halbfinale der Champions League bei Real Madrid (ab 20.45 Uhr im LIVE-TICKER bei Goal). Trotz des störrischen Körpers.

"Einer der besten Mittelfeldspieler der Welt"

"Für mich ist er ein großer Stratege. So wie ein Regisseur sein Drehbuch hat, verfügt er über einen Matchplan", lobhudelte Jupp Heynckes einst. "Bastian ist der beste Mittelfeldspieler der Welt." Gemeinsam dirigierten sie den Rekordmeister zum historischen Triple. Im wörtlichsten aller Sinne. Mal wieder, ausgerechnet im Wembley, beim prestigeträchtigsten Finale im Klub-Fußball, bereitete Dortmund den bayrischen Kreativköpfen mächtig Schädelbrummen.

Nach dem schmerzhaften "Trauma dahoam" drohte erneut der Henkelpott zu entgleiten. Bis Schweinsteiger das taktische Gefüge adaptierte - ohne jegliche Anweisung von außen. Fortan mimte er, um das überfallartige Pressing abzufedern, den Libero und stabilisierte den Aufbau erfolgreich. Für Matthias Sammer ein bespielloser Schachzug mit Symbolcharakter. "Wenn das Spiel", mutmaßte er, "verloren gegangen wäre, hätten alle gespottet. Er hat sich aufgeopfert, um unsere Innenverteidiger zu schützen."

Man triumphierte. Die Auftritte des 29-Jährigen wurden anerkannt, überschwänglich gewürdigt abermals andere. Zumindest außerhalb des Bayern-Kosmos‘. Seit jeher fällt das mediale Echo um ihn reserviert bis überspitzt aus. Der Fußballgott, wie er in der Allianz Arena von den Fans angebetet wird, polarisiert. Früher echauffierte er sich im jugendlichen Leichtsinn lautstark über Noten, debattierte trotzig mit der Pressemeute. Ein gefundenes Fressen.

Mit der Zeit kam die Einsicht. Schweini ist gereift und gelassener, steht über den Dingen. Selbst verbale Attacken Ehemaliger beirren ihn nicht. Er macht sich rar und lässt vieles unkommentiert. Die öffentliche Rechtfertigung übernehmen andere für ihn.

Sammer verteidigt den "Unverzichtbaren"

Als Schweinsteiger von November bis Februar verletzungsbedingt ausfiel, die rote Walze schier unaufhaltsam von Erfolg zu Erfolg rollte, wurde er schnell für verzichtbar erklärt. Ohne ihn agiere Bayern schneller sowie unberechenbarer, hieß es. Sammer schmetterte diese populistische Debatte als "respektlos und niederträchtig" ab.

Mini-Krise: Die bayrische Spurensuche

"Es gibt das Klischee, dass es Bastian in Zukunft schwer haben wird", bekräftige der Berufskritiker unlängst gegenüber Sport Bild sein Bekenntnis: "Aber er wird – von außen, nie intern – von einigen infrage gestellt. Das wird ihm überhaupt nicht gerecht." Schweinsteiger sei essenziell. Als Mensch. Als Persönlichkeit. Als Spieler. Der unnahbar wirkende Vize-Kapitän genießt in Mannschaftskreisen übergeordnete Wertschätzung.

ARJEN ROBBEN ÜBER CRISTIANO RONALDO
Get Adobe Flash player

Mit Philipp Lahm hält er den Laden zusammen, ist Motivator und Spaßvogel zugleich. Vor der Partie werden die Kollegen eingeschworen. Währenddessen findet er Lösungen, etwa beim Viertelfinal-Hinspiel gegen Manchester United (1:1), als Schweinsteiger selbst den Bann brach, stutzt die Feingeister zurecht, sofern defensiv die Ernsthaftigkeit flöten geht. Nach getaner Arbeit äfft er schon mal Toni Kroos beim Handschuh-Wurf nach.

"So wie Stefan Effenberg zu meiner Zeit"

"Er ist beim FC Bayern in diese Rolle gewachsen“, so Giovane Elber, dazumal Torjäger vom Dienst, exklusiv gegenüber Goal. "Er ist sehr wichtig, auf und neben dem Platz. So wie Stefan Effenberg zu meiner Zeit. Er will immer das Beste aus jedem und aus sich holen, ist ein Siegertyp." Egal wann. Egal wo.

Zunächst war im Sommer für Schweinsteiger ein offensiverer Part vorgesehen. Auf der Sechs, seiner Wunschposition, sollte Thiago als Alleinunterhalter installiert werden, in der Viererreihe hinter der Spitze er fungieren. Der Wohlfühlfaktor hielt sich jedoch in Grenzen. In der Winterpause reagierte Guardiola und wandelte sein Konzept ab. Nur für den Routinier. Für sein Herzstück im Mittelfeld. Plötzlich funktioniert es.

Arjen Robben: "Wir sind kein Favorit mehr"

Das altbewährte, unter Heynckes praktizierte System mit Doppel-Sechs verinnerlicht, blüht er auf. Er beschleunigt oder entschleunigt das Geschehen, verleiht den Angriffsbemühungen nötige Strukturen. Zweifel, er hätte den Zenit überschritten, hegt Elber daher keineswegs: "Du musst immer auf ihn setzen. Wenn er fit ist, ist er da. Ich bin überzeugt davon, dass er weitere Jahre eine ganz wichtige Rolle für Bayern und Deutschland spielen wird."

Thiagos Ausfall rückte Schweinsteiger zunehmend in den Fokus. Gegen Real ist seine Ballsicherheit, seine Robustheit und Ruhe gefordert. Denn Bayern sucht den Rhythmus – und der Chef auf dem Platz soll ihn zurückbringen, das Spiel prägen. Dabei genießt er Guardiolas uneingeschränkte Rückendeckung. Das zeigte nicht zuletzt ein Gläschen Wein beim Italiener.

Dazugehörig