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Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

man weiß nicht, ob man sich freuen kann oder enttäuscht sein muss. Der HSV hat nur 1:3 bei einer der besten Vereinsmannschaften der Welt verloren. Nach dem Anschlusstreffer lebte sogar die Hoffnung auf, dass mehr für die Rothosen drin ist. Doch die Bayern sind und waren in allen Belangen überlegen. Das mag im Stadion und vor dem Fernseher nicht immer so gewirkt haben – die Analyse spricht eine andere, sehr eindeutige Sprache. Dennoch ist der Frust der Verantwortlichen absolut nachvollziehbar, wenngleich die Art und Weise des Auftretens wieder in eine positive Richtung zeigt.

Viel wichtiger ist es, die Punkte gegen Teams auf Augenhöhe einzufahren. Die nächste und letzte Gelegenheit in diesem Jahr gibt es vor heimischer Kulisse gegen Mainz 05. Doch unabhängig vom Ausgang des Spiels, hinkt der HSV seinen eigenen Ansprüchen wieder hinterher. Diese Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Anspruch hat bei vielen Anhängern eine Gleichgültigkeit ausgelöst. Das womöglich Ernüchterndste an dieser Feststellung aus Sicht des Fans in mir, den es trotz meines Berufes als Journalist noch immer gibt: Ich kenne es nicht anders. Den größten Erfolg habe ich 2003 beim Gewinn des Ligapokals gegen Borussia Dortmund feiern dürfen. Die ganz großen Zeiten des HSV habe ich überhaupt nicht miterlebt. Insofern sehe ich ihn auch mit anderen Augen.

Der HSV war und ist seit ich denken kann ein durchschnittlicher Bundesligaverein. Glanzlos und stets von seiner Vergangenheit lebend. Erst mit dem Umbau des Volksparkstadions entwickelte sich der Verein in eine vielversprechende Richtung. Er wurde zur Marke, nahm viel Geld in die Hand für namhafte Spieler wie Rafael van der Vaart, Nigel de Jong, Vincent Kompany, Joris Mathijsen oder Marcell Jansen. Zwischenzeitlich war er, trotz immer wiederkehrender Rückschläge, kurz vor einem Erfolg. Er spielte um die deutsche Meisterschaft, stand im Halbfinale des DFB-Pokals und der Europa League – doch er scheiterte. Der damalige Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann bemängelte den fehlenden Ehrgeiz und die zweifelhafte Mentalität der Spieler, die sich im Gehaltsranking mittlerweile weit nach oben gearbeitet hatten.

Dieser „Fast-Erfolg“ in den Jahren 2009 und 2010 hatte einen hohen Preis. Mit dem Ausscheiden des Sportchefs Dietmar Beiersdorfer begab sich der HSV in eine Abwärtsspirale, in der auf allen Ebenen viele Fehler gemacht worden sind. Sowohl im Vorstand als auch in den unterschiedlichen Konstellationen des Aufsichtsrates fehlten Kompetenz und Zusammenhalt. An Zusammenhalt und Vertrauen mangelt es im Verein noch heute. Doch im Unterschied zu damals fehlt jetzt zudem das Geld. Die noch nicht veröffentlichte Bilanz des vergangenen Geschäftsjahres wird erneut ein deutliches Minus aufweisen, das den Verein langsam aber sicher in Gefahr bringt. Die Verbindlichkeiten bewegen sich eher auf einen dreistelligen Millionenbetrag zu, als dass sich der HSV aus der Last vergangener Tage befreien kann. Und noch heute lebt er über seinen Verhältnissen.

Ich spreche mich deshalb klar für Veränderungen aus. Der HSV braucht ein neues Gesicht, eine neue Philosophie und ein besseres Image. Am dringendsten benötigt er allerdings frisches Geld. Die Möglichkeiten in der Rechtsform des eingetragenen Vereins sind zur Beschaffung von neuem Kapital nicht nur begrenzt – sie sind mittlerweile beinahe vollständig ausgeschöpft. Die Fan-Anleihe war der letzte große Trumpf, den der Vorstand zur Sicherung der Liquidität ausspielen konnte. Jetzt bleiben letztlich nur Spielerverkäufe. Natürlich zulasten der sportlichen Qualität. Ob das die optimale Lösung sein kann? Ich bezweifle es stark. Aus der Finanzproblematik ergeben sich zudem zwei weitere, in der Mitgliedschaft viel diskutierte Themen: Eine mögliche Rechtsformverfehlung und der drohende Entzug der Gemeinnützigkeit.

Darüber unterhielt ich mich mit Thomas Krüger, einem Spezialisten für Steuer- und Vereinsrecht. Als Unterstützer der Initiative HSVPLUS mag er aus Sicht einiger zwar kein unparteiischer Gesprächspartner sein, die von ihm getätigten Aussagen sind jedoch keine bloßen Vermutungen, sondern faktisch und juristisch beleg- und nachvollziehbar. Beim Thema Rechtsformverfehlung drohen den 17 der 36 Klubs im deutschen Lizenzfußball (1. und 2. Bundesliga), die als Verein organisiert sind, zumindest in naher Zukunft keine ernsthaften Konsequenzen. Kurz gefasst geht es darum, dass Vereine laut geltendem Recht nicht wirtschaftlich tätig sein dürfen. In Anbetracht der stetig steigenden Umsätze im Profisport stellt sich die berechtigte Frage, ob die, juristisch formuliert, dem Nebenzweckprivileg zugeordneten Einnahmen ein Ausmaß erreicht haben, dass von einer Rechtsformverfehlung die Rede sein muss.

Grundsätzlich verfolgen eingetragene Vereine ideelle Zwecke. Darüber hinaus dürfen sie Einnahmen erzielen, die dem Hauptzweck dienen. Doch was ist bei den Profifußballvereinen Haupt- und was Nebenzweck? Die zuständigen Vereinsregister sind mit der Begründung, der Profifußball sei nur Neben- und nicht Hauptzweck, bislang noch nicht tätig geworden. In absehbarer Zeit ist eine Bewegung in dieser Sache nicht zu erwarten. Falls doch, müssten sich viele Vereine, darunter auch der DFB, mit einer Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft auseinandersetzen. Mit der Rechtsform des Vereins geht auch die Gemeinnützigkeit einher, aus der sich steuerliche Vorteile im ideellen Bereich ableiten. Und hier ist die Bedrohung akuter, denn der HSV erzielt bereits im dritten Jahr in Folge Verluste.

Ein gemeinnütziger Träger darf in seinen wirtschaftlichen, nicht steuerbegünstigten Bereichen, zum Beispiel dem Profifußball, nicht dauerhaft Verluste erzielen. Dies liegt daran, dass Vereine Spenden entgegennehmen, die wiederum vom Spender steuerlich geltend gemacht werden können. Spenden müssen allerdings dem ideellen Zweck zugeführt und nicht zur Lösung von Liquiditätsproblemen verwendet werden. Insofern geht es also um den Ausgleich der Verluste, die von den Finanzbehörden prinzipiell nicht akzeptiert, aber einmalig beziehungsweise kurzfristig der Duldung unterliegen. Diese können zwar mit Überschüssen der letzten sechs Geschäftsjahre verrechnet werden, im Falle des HSV wird dies allerdings schwierig. Der dadurch drohende Entzug der Gemeinnützigkeit würde für den Verein eine zusätzliche, wenngleich überschaubare finanzielle Belastung bedeuten.

Die Themen Rechtsformverfehlung und Gemeinnützigkeit sind durchaus spannend und relevant, in der Strukturdebatte allerdings nicht maßgeblich. Vielmehr geht um Veränderungen in den aufgeblähten Gremien und einflussreichen Abteilungen sowie der Lösung des Schuldenproblems. Sollen dafür Spieler wie Tah, Calhanoglu oder Adler im Falle akuter Liquiditätsschwierigkeiten verkauft werden? Falls ja, wie kann sich dann eine Mannschaft kontinuierlich weiterentwickeln? Fragen, mit denen sich alle stimmberechtigten Mitglieder bis zur kommenden Versammlung auseinandergesetzt haben sollten. Es gibt kein Beispiel, auch der HSV ist keines dafür, dass es in der Rechtsform als Verein in der heutigen Zeit nachhaltigen Erfolg geben kann. Den wird und kann auch niemand nach einer Ausgliederung einer Abteilung, nicht des gesamten Vereins (!), garantieren können. Die Wahrscheinlichkeit, dass man mit neuen finanziellen Optionen und der durch die Neugestaltung der Struktur zunehmenden Professionalisierung auf einen besseren Pfad gelangt, ist allerdings höher, als den aktuellen Weg weiterzuverfolgen.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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