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Besiktas-Fans sind ja daran gewöhnt, dass sie mit Hiobsbotschaften konfrontiert werden. Aber das jüngste Interview von Präsident Fikret Orman fordert die Leidensfähigkeit enorm.

EIN KOMMENTAR
von Christian Ehrhardt

Die abgelaufene Saison in der türkischen Süper Lig verlief alles andere als zufriedenstellend für Besiktas Istanbulund die Anhänger des Traditionsklubs aus der Türkei. Ja, es war eine überaus turbulente Saison, die ich kurz mit den wesentlichen Punkten rekapitulieren möchte.

Besiktas war in den Manipulationsskandal verwickelt und der etatmäßige Trainer Tayfur Havutcu wurde inhaftiert. Präsident und Besiktas-Zahlmeister Yildirim Demirören räumte während der laufenden Saison seinen Stuhl, um Präsident des türkischen Fußballverbandes TFF zu werden. In diesem Zug wurde das gesamte Präsidium ausgetauscht. In der Europa League war im Achtelfinale gegen den späteren Cup-Sieger Atletico Madrid Endstation.

Unter der Saison verabschiedete man sich von (Interims-)Trainer Carlos Carvalhal. Die Meisterschaft mit dem abschließenden Süper Final beendete man als Tabellenvierter und erreichte die Qualifikationsrunde zur Europa League. Die Uefa ermittelte gegen Besiktas wegen nicht gezahlter Transfergelder und Spielergehälter. Zuerst wurde wegen dieser Vergehen eine Sperre für europäische Wettbewerbe zur Bewährung ausgesprochen. Im Juni wurde bekannt: Besiktas wird für ein Jahr vom europäischen Wettbewerb ausgeschlossen.

Die Vorbereitung auf die neue Saison startete mit der Trainersuche, denn Trainer Havutcu wurde von seinem Amt entbunden. Es fielen viele – auch renommierte – Namen (Rangnick, Denizli, Eriksson), doch letztlich wurde Samet Aybaba Coach der Schwarzen Adler. Der Samet Aybaba, der seit 1990 insgesamt 15 – in Worten: FÜNFZEHN – Trainerstationen durchlaufen hat. Davon waren zwölf Stellen nach einem Jahr wieder hinfällig, und in zwei Trainerpositionen überstand er weniger als ein Jahr. Im Zuge der Gehaltskürzungsverhandlungen mit den Spielern, die mit einem bestehenden Vertrag an Besiktas gebunden waren, kam es während der Euro 2012 zu einer Abwanderungswelle: Ekrem Dag, Fabian Ernst und voraussichtlich auch Tomas Sivok stehen laut türkischer Presse als Abgänge fest. Den Abschied von Nationalverteidiger Egemen Korkmaz, den man meinte eben noch so verhindern zu können, wurde am 02. Juli auch amtlich. Zusätzlich ist Co-Trainer Roland Koch ebenso Geschichte und wird den Klub wegen fehlender Gehälter verklagen.

Zu allem Überfluss kommt hinzu, dass die Sportstätten-Situation des Klubs unklar ist. Galatasaray möchte nicht, dass Besiktas in der Türk Telekom Arena spielt und Besiktas will nicht auf dem Ausweichgelände von Kasimpasa antreten, während das eigene Stadion umgebaut wird. Selbst dem Edikt von Ministerpräsident Recep Tayyip Ergogan, der aussagte, der türkische Staat gebe vor, ob Besiktas mit Galatasaray gemeinsam in einem Stadion spielen würde, da die Türk Telekom Arena dem türkischen Staat gehöre, wurde von den Löwen heftig widersprochen, da sie Hauptmieter seien und ein Mitspracherecht hinsichtlich der Untermieter hätten.

Soweit das Saison-Resümee 2011/2012 mit seinen Vorkommnissen und das Update zu den Fakten der Saison-Vorbereitung. Es ist also reichlich Stoff für Feuer im Adlerhorst. Doch statt diese Brände zu löschen und Ruhe in die Vorbereitung zu bringen, poltert nun Präsident Fikret Orman in einem Interview mit der Hürriyet los und demontiert exakt die Spieler, die man gerne gewinnbringend verkaufen möchte: Ricardo Quaresma, Hugo Almeida, Manuel Fernandes und Simao Sabrosa. Möchte man sie verkaufen? Nein, eigentlich muss man sie sogar verkaufen, denn Besiktas ist finanziell extrem angeschlagen – was noch untertrieben ist. Wie sonst wäre die Bettelreise zu erklären, bei der man die Spieler ersucht, Gehaltskürzungen entgegen der vertraglich fixierten Rahmenbedingungen hinzunehmen?

Eben jener Fikret Orman zeigt sich nun als wirklicher Marketingriese. Also als Top-Verkaufsstratege. „Die Tatsache, dass unsere portugiesischen Spieler nicht erwartungsgemäß mit der Finanzsituation des Klubs umgehen, bringt für uns das Fass zum Überlaufen. Die Spieler von Besiktas, die kein angemessenes Verhalten gegenüber dem Traditionsklub an den Tag legen und nicht an die finanzielle Zukunft des Vereins denken, haben im neuen Besiktas nichts, aber auch gar nichts mehr zu suchen. BJK ist nicht mehr der Gutshof von Einzelspielern, die sich als Stars sehen. Gerade was diese bestimmten Spieler angeht, kann man doch sehen und darüber streiten, was sie dem Verein Besiktas in ihrer Zeit gegeben haben. Bei uns haben Spieler keinen Platz mehr, die sich nicht völlig in ihre Arbeit knieen und den Verein, für den sie spielen, nicht gemäß unserer Vorstellung respektieren“, so Orman in einem Interview mit der Hürriyet.

„Samet Aybaba und das Präsidium sind auf einer Wellenlänge. Wir haben identische Stoß- und Zielrichtungen. Unsere Meinungen differieren hinsichtlich der Spieler in keiner Weise. Gerade aus dem Grund ist es mehr als unwahrscheinlich, dass die Portugiesen von Besiktas Teil der Mannschaft bleiben werden. Sie haben die Möglichkeit, sich voll für den Verein einzubringen oder einen Verein zu präsentieren, der die von uns geforderten Ablösesummen zahlen will. Den vergangenen und aktuellen Zustand jedenfalls werde ich so nicht weiter akzeptieren“, fuhr Orman in seiner Brandrede fort. „Aus diesem Grund wollen und werden wir uns wohl von den vier Spieler trennen. Wir haben ein „portugiesisches Modell“ versucht und wir können sagen, es hat nicht geklappt. All unsere Spieler haben mit Herz und ihrer Seele für BJK auf dem Platz zu stehen. Das ist bisher nicht so gewesen, denn in der abgelaufenen Saison haben wir Spiele gegen schwache Gegner verloren, obwohl wir doch angeblich echte Stars aus Portugal auf dem Platz hatten.“

Man stelle sich einfach mal vor, ein Autoverkäufer würde wie Fikret Orman seine Portugiesen ein Fahrzeug anpreisen. Das würde sich dann wohl ungefähr so lesen: „Gut, ich habe das Auto zwar gekauft, aber es ist ein Schrotthaufen. TÜV hat die Karre nicht, die Bremsen sind hinüber, die Heizungskomponenten liegen im Kofferraum und anspringen tut er auch nicht. Immer dann, wenn ich auf den Wagen angewiesen war, blieb er stehen. So habe ich wichtige Termine verpasst. Bevor ich es vergesse, alle vier Reifen sind ebenso platt und die Frontscheibe ist zerstört. Und nun hätte ich gerne für diesen einzigartigen Wagen 500.000 Euro, denn er ist ein echter Star!“ Ja, Fikret Orman, das ist eine sehr innovative Verkaufsstrategie für Spieler, die man gerne gewinnbringend veräußern möchte, weil sie einem auf der Payroll liegen. Hut ab! Das nenne ich außergewöhnlich professionell.

Man kann ja über die Amtszeit von Yildirim Demirören sagen was man will, aber er hat mit dem Geld, welches in den Verein gepumpt wurde, dafür gesorgt, dass sich der Klub nach außen präsentieren konnte. Auch da war sicher nicht immer alles auf Bundesliga-Niveau angesiedelt, was die Professionalität angeht, aber man hat sich und den Verein nicht in der Art selbst demontiert. Besiktas sollte auch internationale Klasse verliehen werden und die Schwarzen Adler sollten keine spielerischen Ableger der Bank Asya 1. Lig darstellen.

 

Doch exakt das ist es, was man derzeit verpflichtet - Bank Asya 1. Lig Material. Während sich der Wettbewerb – also Galatasaray und Fenerbahce – mit Erfolg um Namen wie Hamit Altintop, Dirk Kuyt, Diarra, Yilmaz, Topal, Costa, Melo, Tevez und Co bemüht, mit Klubs wie Real Madrid, Manchester United oder Juventus Turin spricht, schaut Besiktas nach Sakaryaspor, Eskisehir, Bucaspor, Gencler oder Kaiserslautern, um dort aktiv zu werden. Nein, wenn der Ad(l)erlass so weiter an Fahrt bei BJK aufnimmt, dann muss man aufpassen, am Ende der Saison überhaupt die Süper Lig zu halten. Und man sollte rückblickend froh sein, dass die Uefa den Klub für die Europa League sperrte, denn mit der Spielerdecke würden sogar maltekische Klubs im europäischen Wettbewerb eine echte Herausforderung darstellen.

Um es deutlich zu sagen: Ich bin kein Freund davon, dass sich Vereine bis über beide Ohren verschulden. Aber ich bin auch der Meinung, gerade ein Traditionsverein wie Besiktas ist seinen Fans Spieler schuldig, die auf der internationalen Bühne bestehen können. Mit denen man auch international ein Fass aufmachen kann. Und man muss Fikret Orman entgegen halten: Wären Spieler wie Egemen, Sivok, Simao, Quaresma, Fernandes, Almeida und Ernst nicht gewesen, man hätte sich die letzte Saison völlig von der Backe streichen können. Denn die Spieler waren es, die - wenn überhaupt - für die Erfolge sorgten. Nun kann man einfach einmal überlegen, wie die kommende Saison ohne die genannten Profis aussehen wird. Ich sehe so jedenfalls rabenschwarz für Besiktas.

Für Türkei-Updates folge Christian Ehrhardt auch auf 

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