Türkei: Gehört das komplette Verbandssystem auf den Prüfstand?

Dass die Tage von Guus Hiddink gezählt sind, dürfte Fakt sein. Doch was kommt nach Hiddink? Ja, was und nicht wer. Muss sich der Verband und das System grundlegend erneuern?

Von Christian Ehrhardt

Euro 2012 Qualifiers: Guus Hiddink (Turkey)
Getty
Istanbul. Selbst eingefleischte Fans glauben nicht an ein „Wunder von Zagreb“. Für sie steht es fest, dass die Türkei im Rückspiel gegen Kroatien die bittere Hinspielschlappe nicht mehr umbiegen können wird. Darum konzentriert man sich aktuell auf die Diskussion: wie geht es in der Zeit nach Guus Hiddink mit dem türkischen Fußball weiter? Was kann und was muss geschehen? Lässt man sich nochmals auf ein angeblich kostspieliges Auslandsabenteuer wie die Verpflichtung von Hiddink ein? Dessen vorzeitiger Abgang soll den Verband Berichten zufolge rund 25 Millionen Euro kosten – der TFF dementiert dies jedoch. Oder bleibt man trainertechnisch im eigenen Lande und verbessert dafür das ganze System?

War Hiddink wirklich das Problem?

Reicht es aus, einfach einen international renommierten Trainer für 4 bis 5 Millionen Euro im Jahr zu verpflichten, der dann alles richtet? Nein, denn mit dem Weg hat man am Ende nur einen teuren Sündenbock, dem man das Versagen unterschieben kann.
Kritische Stimmen aus der türkischen Fußballwelt hinterfragen angesichts des wohl unabwendbaren Aus‘ in Sachen EM-Qualifikation auch und gerade den Verband, die TFF.

Schlechte Jugendarbeit?

Wie gelingt es etwa Deutschland, dass aus einem Pool von rund 4 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln ganze drei Spieler aktuell beim weltweit besten Klub, Real Madrid, unter Vertrag stehen, aber in der Türkei schafft man es nicht, aus über 70 Millionen Menschen auch nur einen einzigen Spieler in der Weltelite des Klub-Fußballs zu etablieren? Da muss zwangsläufig die Frage danach gestellt werden: Werden die zur Verfügung stehenden Gelder sinnvoll eingesetzt? Für die fußballerische Fachwelt auch in der Türkei scheint jedenfalls gesichert zu sein, Hiddink und sein Betreuerstab sind nur das schwächste Glied der Kette. Die Verfehlungen und Nachlässigkeiten findet man auf ganz anderen Positionen. Gerade darum wird der Ruf danach laut, das Jugendsystem in der Türkei an deutschen Maßstäben auszurichten.

Abdullah Avcı, Senol Günes, Ertugrul Saglam oder doch Berti Vogts?

Sollte der Trainer einer erfolgreichen Nationalelf – und der kommende Coach der Türkei - aus dem eigenen Land kommen? Beckenbauer 1990, Vogts 1996, Parreira 1994, Jacquet 1998, Scolari 2002, Lippi 2006, del Bosque 2010 – die Liste ließe sich beliebig und endlos fortführen. Fatih Terim, Senol Günes und Mustafa Denizli haben bewiesen: Es muss kein ausländischer Nationaltrainer sein, um die Türkei zu internationalen Wettbewerben zu führen. Es waren türkische Trainer, die sich für Halbfinalteilnahmen bei der EM 2008, dem 3. Platz bei der WM 2002 und dem 3. Rang beim Confederations Cup 2003 (mit-)verantwortlich zeichneten.
Oder wäre die Türkei gut beraten – wenn sich wirklich ein Wandel nach deutschem Vorbild vollziehen soll – auf Berti Vogts zuzugehen, der immerhin von 1979 bis 1990 hervorragende Nachwuchs- und Jugendarbeit beim DFB geleistet hat?

Ist die Türkei für Vogts das richtige Pflaster?

Wer sich an seine Zeit in Schottland und den Abgang wegen der Fanschmähungen sowie der Durchgriffe bis in sein Privatleben erinnert, der wird annehmen müssen, dass der der rauhe Wind in der türkischen Medien- und Fanlandschaft ganz sicher nichts ist, mit dem Berti Vogts umgehen können würde. Vom Fußballgott zum Prügelknaben der Fußballnation ist es in der Türkei oftmals nur ein kurzer Weg und eine Sache von wenigen Stunden.

Eure Meinung: Soll die Türkei auf einen türkischen Trainer zurückgreifen und das System ändern oder soll man wieder einen ausländischen Trainer verpflichten?

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