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Boateng war einst der böse Bube des Fußballs. Inzwischen genießt der einstige Berliner im Kampf gegen Rassismus in den Stadien viel Respekt, Lob und Anerkennung.

Genf/Köln. Hellgrauer Maßanzug mit feinen Nadelstreifen, dazu eine schlichte schmale Krawatte. Lediglich das riesige Tattoo, das sich über dem schneeweißen Hemdkragen andeutete, ließ vermuten, dass sich Kevin-Prince Boateng auf ungewohntem Terrain bewegte. Als sich der Pulk von Fotografen aufgelöst hatte, sandte der Profi des italienischen Renommierklubs AC Mailand im Sitz der Vereinten Nationen (UNO) in
Genf seine Botschaft im Kampf gegen Rassismus in den Fußball-Stadien der Welt - in englischer Sprache.

„Rassismus muss bekämpft werden“

„Es war ein sehr spannendes Erlebnis. Auf dem Podium war ich konzentriert und viel gespannter als bei einem Spiel in der Champions League vor 80.000 Zuschauern im San-Siro-Stadion in Mailand. Doch dann hat mir die UN-Kommissarin für Menschenrechte, Navy Pillay, auf die Schulter geklopft und ich habe meine Rede begonnen“, berichtete der gebürtige Berliner.

„Rassismus muss aktiv bekämpft werden, er verschwindet nicht von selbst. Als ich in der Nationalmannschaft Ghanas spielte, habe ich gelernt, Malaria zu bekämpfen. Impfungen genügen nicht. Man muss die Teiche trocken legen, in denen die Malaria-Mücken gedeihen. Ich denke, dass Malaria und Rassismus vieles gemeinsam haben“, sagte der 26-Jährige, der mit zunehmender Redezeit sein Lampenfieber ablegte.

Pillay habe ihm später sogar angeboten, UNO-Botschafter gegen Rassismus zu werden. „Jetzt bin ich als Fußballer sehr beschäftigt, aber in zehn Jahren ganz bestimmt“, wurde Boateng am Freitag in der italienischen Sporttageszeitung Corriere dello Sport zitiert.

Eine Zeichen gesetzt

Er sei kein Vorbild, er habe instinktiv sein Trikot ausgezogen, als er beim Freundschaftsspiel gegen den Viertligisten Pro Patria mit Schmährufen beleidigt worden sei. „In diesem Moment habe ich instinktiv gehandelt, weil ich spürte, dass dies das Richtige war. Ich hätte das aber auch in einem Endspiel getan. Jetzt spüre ich, dass sich auch die FIFA gegen Rassismus verstärkt engagieren wird“, sagte Boateng, der am Freitag in Genf den FIFA-Präsidenten Joseph S. Blatter traf. „Ich will ihm sagen, dass man gegen Rassismus handeln und nicht nur reagieren muss“, erklärte Boateng.



Ausgerechnet der allmächtige Blatter, der das Verlassen des Spielfeldes von Boateng und dessen Mitspielern zunächst kritisiert hatte. „Wenn ein Spieler vom Feld läuft, weil er rassistisch beleidigt wurde, ist das ein starkes Signal, das sagt: Das war zu viel“, sagte Blatter: „Aber das kann nicht die langfristige Lösung sein. Wir müssen andere Lösungen finden, um dieses Problems Herr zu werden.“

Doch Blatter sah sich im Gegenwind - und er änderte zwangsläufig seine Meinung, weil er mit Verzögerung merkte, dass er sich Boatengs medienträchtige Aktion zunutze machen könnte. Denn am Freitag stand unter anderem eine Sitzung der Anti-Rassismus-Task-Force anlässlich der FIFA-Exekutive auf dem Programm.

Boatengs Imagewandel

Inzwischen steht Boateng, der einstige Buhmann, Rüpel und Treter, der unter anderem Michael Ballack um die Teilnahme an der WM 2010 brachte und in seiner Jugendzeit im Berliner Stadtteil Wedding angeblich nachts Autospiegel abgetreten haben soll, als Symbolfigur in der Kampagne gegen Diskriminierung.

Seine Mutter Deutsche, der Vater Ghanaer - Boateng wurde mit Fremdenhass groß. Sich selbst bezeichnete er einst als „The Ghetto Kid“. Der Fußball bot ihm eine Chance, die er zunächst nur zögerlich nutzte, weil er auf dem Feld nur allzu oft den Bogen überspannte, sich bei allem Talent mit teilweise brutalen Attacken auf dem Weg nach ganz oben selbst behinderte.

Als sein Ruf ramponiert war, hießen die Stationen Tottenham Hotspur, Borussia Dortmund, FC Portsmouth. Nunmehr ist es der AC Mailand. Boatengs Vita ist um ein bedeutendes wie prägendes Kapitel reicher. Inzwischen ist Kevin-Prince Boateng ein Vorbild - ob er will oder nicht.

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