thumbnail Hallo,

So oder so, er war immer für Schlagzeilen gut: Die Premier League wird Luis Suarez vermissen!

KOMMENTAR
Von Richard Jolly

Adios, Luis. Englands Premier League verliert ihren unwiderstehlichsten Charakter. Während der vergangenen dreieinhalb Jahre hat kein Spieler auf der Insel für mehr Kontroversen gesorgt und mehr spektakuläre Treffer erzielt als Luis Suarez. Es steht auch nicht zu erwarten, dass es jemanden gibt, der in den kommenden dreieinhalb Jahren auf ein ähnliches Pensum kommt. Ob man ihn mag oder nicht, einen wie Suarez gibt es nicht noch einmal.

Deswegen schmerzt der Abgang auch so. Er schmerzt aber nicht nur Liverpool, er schmerzt auch die Premier League. Der Vizemeister bekommt rund 80 Millionen Euro Entschädigung. Die Liga muss jemanden finden, auf den sich die Aufmerksamkeit fokussiert.

Viel mehr als nur ein Torjäger

Der Einfluss, den Suarez hatte, kann schon mit einem Blickt auf die nackten Zahlen abgeschätzt werden. Ihm gelangen in der vergangenen Saison 31 Tore. Darunter war kein einziger Strafstoß und die ersten fünf der 38 Spieltage hatte er wegen einer langen Sperre verpasst. Während seiner Zeit in England hat Suarez weniger Partien für Liverpool absolviert als Fernando Torres, aber trotzdem mehr Treffer erzielt als der spanische Starstürmer seinerzeit.

Aber Suarez ist deutlich mehr als nur Statistiken, sein Einfluss war weitaus größer. Sein Wille, immer involviert zu sein, machte aus ihm mehr als einen reinen Stürmer. Toptorjäger, Schlüsselspieler, schwarzes Schaf – Suarez war all das und noch vielmehr.

Er war unkontrollierbar. Weder von den gegnerischen Abwehrreihen, noch von den eigenen Mitspielern. Aber seine Vorzüge waren zu verlockend. Diejenigen, die ihn treu verteidigt haben, sahen ihm auch die rassistische Beleidigung Patrice Evras und den Biss gegen Branislav Ivanovic nach.

(Zu) Viele Menschen haben das Märchen vom geläuterten Charakter geglaubt. Auch Brendan Rodgers, der gewissenhafte Lehrer. Auch er hat den fußballerischen Glanz mit der wiedergefundenen moralischen Rechtschaffenheit verwechselt. Die bemerkenswerte Rede, die er im Mai bei der Wahl Suarez' zum Fußballer des Jahres hielt, wird nach dem dritten Biss gegen einen Kontrahenten und dem erneuten Wechselwunsch irgendwie fehl am Platze.

Stellenweise wie im Rausch

Damals sagte er: „Egal wie lange ich noch Trainer in Liverpool bin, wenn ich mich hier verabschiede, dann weiß ich, dass ich dank Luis Suarez ein besserer Trainer und ein besser Mensch geworden bin. Und dafür danke ich ihm sehr. Er hat mich jeden Tag herausgefordert und er hat alles getan, was ein Spieler auf absolutem Topniveau tun muss.“

Dennoch darf nicht in Frage gestellt werden, dass Suarez Liverpool auf ein neues Level gehievt hat. Rodgers' intelligentes Management, Steven Gerrards Vorweggehen als Kapitän, Daniel Sturridges eiskalte Abschlüsse und Raheem Sterlings Leistungssprung: All das wäre so ohne Suarez nicht möglich gewesen. Er war die treibende Kraft für das Offensivspiel und derjenige, der mit seiner Dribbelstärke Spiele allein entschied.

Stellenweise wirkte er in der Vorsaison wie im Rausch und man konnte den Eindruck gewinnen, er führe einen Wettbewerb gegen sich selbst um das schönste Tor des Jahres. Zwei davon gelangen ihm allein im Spiel gegen seinen Lieblingsgegner Norwich City: ein Knaller aus mehr als 35 Metern und ein Wahnsinnssolo. Sein Kopfballtor vom Strafraumeck im Duell mit West Bromwich Albion war kaum minder beeindruckend, wird aber häufig vergessen. Es gab einfach zu viele atemberaubende Treffer.

Jetzt sind andere an der Reihe
 
Die Tore fielen nach Belieben und Liverpool stellte mit 101 Treffern einen neuen Vereinsrekord auf. Nun fällt die Verantwortung des Sturmführer Daniel Sturridge zu. Hinter ihm stehen die Neuzugänge Adam Lallana, Rickie Lambert und Emre Can in den Startlöchern, Lazar Markovic und Divock Origi sollen noch folgen. Doch keiner von ihnen ist der neue Suarez. Aber wer könnte das auch sein? Diese Mischung aus Magie und Wahnsinn, Technik und Schlampigkeit, Brillanz und Aussetzern formte einen außergewöhnlichen Spieler, wie es ihn nur selten gibt.

Er war nur verhältnismäßig kurz an der Anfield Road und mag daher nicht in einem Atemzug mit Klublegenden wie Ian Rush, Roger Hunt, Gerrard und Kenny Dalglish genannt werden. Aber seine Zeit bei Liverpool hat für enorm viele Erinnerungen wirklich jeglicher Art gesorgt. Einen wie ihn gab es in der Premier League noch nicht.

Dazugehörig