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Sergio Ramos, der raubeinige Matador

Nach schwachen Saisonstart ist Reals Abwehrchef zum Saison-Finale in Topform - und könnte sich nach fast einer Dekade seinen Wunsch von La Decima erfüllen.

Madrid. In Valencia gab es ihn im April wieder zu sehen, den Matador: Begleitet vom Raunen und den Ole-Gesängen seiner Mitspieler und der Fans schwang Sergio Ramos mit gekonnter Körperhaltung das rote Tuch des Stieskämpfers. Knapp ein Jahr nach dem verlorenen Pokalfinale gegen den Stadtrivalen Atletico hatte Real Madrid im Endspiel der Copa del Rey den FC Barcelona mit 2:1 besiegt. Nicht wenige Real-Fans werden hoffen, den Matador auch am kommenden Samstag wiederzusehen, wenn Real das Champions-League-Finale gegen Atletico bestreitet.

Ramos könnte seine fast zehn Jahre in Madrid dann mit dem wichtigsten Titel auf Vereinsebene krönen. Dabei ließ sein schwacher Saisonstart so manche Beobachter noch zweifeln, ob der Heißsporn die charakterlichen Qualitäten besitzt, um die Königlichen zu La Decima zu führen. Einige Monate später sind alle Kritiker verstummt: In den wichtigsten Wochen der Saison ist Ramos als Abwehrchef der entscheidende Spieler neben Superstar Cristiano Ronaldo.

Kein Kind von Traurigkeit

Kein Wunder, dass die katalanische Sport-Satire Crackovia aus Barcelona den gebürtigen Sevillaner mit seinem starken südspanischen Akzent besonders gerne aufs Korn nimmt. In derbem Andalusisch witzelt sich Ramos als tumber Thor neben einem narzistischen Ronaldo und dem chronisch miesgelaunten Messi durch die Sendung und besticht durch Einfältig- aber auch durch gesunde Schlagfertigkeit, die keineswegs aus der Luft gegriffen ist.

Als Bayern-Keeper Manuel Neuer nach Ramos' verschossenem Elfmeter im Halbfinale der Königsklasse 2012 twitterte: "Ich wusste nicht, dass Ramos Elfmeter gerne übers Tor schießt", folgte die Antwort nicht viel später: "Ich wusste nicht, dass Neuer gerne Finals verliert. Am Ende gewinnt immer die Demut", konterte Ramos nachdem die Bayern das Finale dahoam gegen Chelsea verloren hatten. Nicht mal gegen die eigene Klubführung oder Präsident Perez nimmt sich Ramos immer verbal zurück.  

Heißblütig, technisch beschlagen, aber auch impulsiv

Weil Jose Mourinhos Degradierung von Iker Casillas auch nach dem Weggang des Portugiesen andauert, führte Ramos die Königlichen in dieser Saison als Kapitän auf den Platz - und ist dabei zum spielerischen und emotionalen Leader herangereift. Heißblütig, technisch beschlagen, aber mitunter auch unüberlegt impulsiv: Es sind diese Attribute, die ihn zu einem passenden Exponenten Real Madrids werden lassen; zu einer Figur, welche das Iberische des Vereins in all seinen Facetten glaubwürdig verkörpert.

DER BLICK AUS SPANIEN

Von Alberto Pinero, Goal Spanien

Seit 2014 sehen wir erneut den besten Sergio Ramos. Körperlich erholt, kann er nun wieder mit Varane und Pepe rotieren und zeigt sein bekanntes Niveau. Zudem war er zuletzt unglaublich torgefährlich, mit fünf Toren in den letzten sechs Spielen, dazu in wichtigen Momenten.

Nach einer ersten Saisonhälfte, in der er seine Verantwortung vergessen zu haben schien, ist er nun wieder der Abwehrchef und Kapitän, der Real zu La Decima führen kann.

Vor fast einer Dekade, im August 2005, kam Ramos für 19 Millionen vom FC Sevilla nach Madrid. Seitdem ist aus dem einstmals langhaarigen Abwehrtalent ein Verteidiger von Weltklasse-Format geworden, der sowohl auf der Außen- als auch der Innenverteidigerposition zu den Besten seines Fachs gehört. Ramos gehört außerdem zu jener Handvoll Spielern, die bei den drei Titeltriumphen Spaniens in den letzten fünf Jahren jedes Mal in der Startelf standen.

Dabei macht ihm sein eigenes Temperament oft genug einen Strich durch die Rechnung. Erstaunlicherweise nicht im Nationaldress, umso mehr dafür im Trikot Reals. Wenn der rabiate Zweikämpfer eine Achillesferse hat, so sind es seine Roten Karten und Undiszipliniertheiten - der große Makel der letzten Jahre. Ramos hat mehr Platzverweise bekommen als jeder andere Spieler aus der 112-jährigen Geschichte Real Madrids.

Mehr Rot als jeder andere in Reals Geschichte

Auch 2013/14 hatte Ramos sich nicht immer im Griff: Erst im letzten Oktober flog er gegen Osasuna vom Platz, in der Vorrunde der Champions League gegen Galatasaray schon nach 26 Minuten. Gegen Barca sah Ramos im April diesen Jahres seine 19. Rote im Real-Dress. Dazu kam ein schwer übersehbares Formtief zu Saisonbeginn, das in Spanien schon Anlass zu Spekulationen über gesundheitliche oder persönliche Probleme gab.

"Sergio Ramos erlebt sowas wie eine schizophrene Saison: In der Hinrunde war er meilenweit von seiner Bestform weg, langsam, mit schlechtem Stellungsspiel und ohne Spannung", erinnert sich Goals Real-Korrespondent Alberto Pinero an das Tief, das wohl auch der Tatsache geschuldet war, dass mit Raphael Varane ein gleichwertiger Ersatz in der Innenverteidigung ausfiel. Nur ein halbes Jahr später ist Ramos wieder der unangefochtene Abwehrchef im Spiel der Königlichen.

Ramos und Real: Kehrtwende 2014

Wie die gesamte Mannschaft zeigte er ab Januar 2014 ein anderes Gesicht, spielt mit Antizipation, Speed und Führungsqualitäten. Welche Bedeutung er für Reals Spiel hat, beweisen unter anderem die 1978 gespielten Pässe in La Liga diese Saison – die meisten neben Denker und Lenker Luka Modric (1987, Quelle: Opta). Von hinten kurbelt der Innenverteidiger das Spiel an und erstickt gegnerische Angriffe meist schon im Keim, schaltet sich aber immer wieder auch gefährlich nach vorne ein.

Seine Torjäger-Qualitäten kamen im Saisonendspurt zum richtigen Zeitpunkt: Fünf Treffer erzielte Ramos in den letzten sechs Spielen, zwei davon nach einstudiertem Standard im wichtigen Halbfinal-Rückspiel in München. Zwei wuchtige Kopfbälle in das bayerische Herz, das in jenen Momenten stehen zu bleiben schien.

"In der Luft räumt er alles ab, ist technisch komplett und kann lange Bälle spielen, die sich vor denen von Xabi Alonso nicht verstecken müssen", meinte Manuel Sanchis nach dem Finaleinzug in der Tageszeitung El Pais. Sanchis, bei Real und in der Seleccion selbst jahrelang eine Defensiv-Institution, sieht Ramos auf seiner Position an der Weltspitze und für Real als ebenso wichtig wie CR7: "Wenn zwei Anführer wie Ramos und Cristiano in einem Team sind, kann es alles erreichen."

Ramos selbst, der Anfang Mai erst Vater wurde, hätte bestimmt nur wenig dagegen. Mit dem Gewinn des Henkelpotts würde er sich zu Reals Abwehr-Legenden Hierro und Sanchis gesellen und eine Ära prägen. "Nach fast zehn Jahren hier ist das mein erstes Champions-League-Finale. Ich habe viele wichtige Titel gewonnen, aber dieseTrophäe fehlt meinem Lebenslauf noch", sagte er vor dem Finale am Samstag. Sollten Ramos und Real Madrid sich ihren Wunsch erfüllen, dürfen sich deren Anhänger mit Sicherheit wieder auf den Matador freuen. Diesmal in Lissabon.

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