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Neymars Ankunft war für Barcelona der Anfang vom Ende

Die sportlichen Leistungen des Brasilianers sind nicht unbedingt der Grund für Barcelonas titellose Saison. Doch er steht stellvertretend für einen Klub, der sich selbst neu ent...

KOMMENTAR
Von Paul Macdonald

Im modernen Fußball ist es extrem schwierig, die beste Mannschaft der Welt zu planen, zusammenzustellen, und zu einer Einheit zu formen. Und es ist fast noch schwieriger, diese Leistung binnen zwölf Monaten zu zerstören. Doch der FC Barcelona hat es hingekriegt und der Niedergang der Blaugrana nahm so richtig Fahrt auf, als Neymar verpflichtet wurde.

Dem Brasilianer kann man nicht die Schuld am Desaster in die Schuhe schieben. Er hat große Anstrengungen unternommen, sein Spiel umzustellen und an Barcelonas Stil anzupassen. Wäre er nicht mehrfach verletzungsbedingt ausgefallen, wären seine Leistungsdaten vermutlich zufriedenstellend gewesen. Doch Neymar ist auch die Personifizierung des FC Barcelona als Klub wie jeder andere. Der stolze Klub ist längst nicht mehr das, was er vorgibt zu sein und was er gerne darstellen möchte.

Nicht länger "Mes que un club", sondern jetzt ein ganz normaler Verein

Lange bevor die finanziellen Unregelmäßigkeiten und merkwürdigen Umstände des Neymar-Transfers ans Tageslicht kamen war es bereits eine Verpflichtung, die nicht unbedingt dazu diente, die Mannschaft zu verbessern, sondern Wünsche von Sponsoren zu erfüllen und das Ego einiger Offizieller zu befriedigen. Ohne dass er dazu beigetragen hatte, war Neymar plötzlich in einen narzisstischen Machtkampf involviert. Zum ersten Mal seit zehn Jahren, so schien es, standen auch bei Barca hohe Umsätze über allem anderen.

Geld regiert die Welt, natürlich ist das so. Aber Barca hatte doch immer einen eleganten Weg dorthin gefunden, oder? Jedenfalls soll ihr Slogan das aussagen. Diesmal war es aber anders.

Ein Warnsignal war bereits die umstrittene Partnerschaft mit Katar, die darin mündete, dass erstmals auf dem Dress der Blaugrana bezahlte Trikotwerbung zu sehen ist. Barcelonas Bosse fielen immer mehr durch selbstherrliche Rhetorik auf und der Klub, der einst für Integrität stand, wird von vielen Kritikern mittlerweile als heuchlerisch bezeichnet.

Neymars Verpflichtung bedeutete, dass kein Innenverteidiger geholt werden konnte. Der Schwachpunkt der Mannschaft war also entweder nicht erkannt, oder ignoriert orden. Neymar ist an erster Stelle ein Marketingsuperstar und an zweiter Stelle erst ein Fußballstar. Da lag es für den Verein nahe, die Verbindung zu Nike zu stärken. Einen Spieler, der Zweikämpfe gewinnt, Kopfballduelle für sich entscheidet und Schüsse abblockt kam dagegen nicht.

Es war eine von mehreren Entscheidungen, die zumindest fragwürdig waren. Vor dem tragischen Tod Tito Vilanovas wurde Kritik am Klub für den Umgang mit dessen Krankheit laut. Co-Trainer Jordi Roura wurde in die Rolle des Interimstrainers gesteckt, obwohl dieser dazu keine Lust hatte und daraus auch keinen Hehl machte. Er sagt damals offen: "Ich bin nur hier um meinen Job zu erledigen." Dass Eric Abidal sich einen neuen Klubs suchen musste, war das Resultat einer krassen Fehleinschätzung. In Barcas Defensive stimmte es nicht und der Franzose spielte eine tolle Saison in Monaco. Victor Valdes, ein Spieler der Barcelona lebt und atmet, wird sich in diesem Sommer ebenfalls verabschieden.

Das Camp Nou wird umgebaut. Nach den Plänen der Führungsetage sollen 600 Millionen Euro investiert werden, um zum Beispiel die Kapazität und die Anzahl der Logen zu erhöhen. Und das in einer Zeit, in der das Stadion bis zum Duell mit Atletico Madrid am Sonntag nicht einmal zur Hälfte ausgelastet war. Es wirkt, wie auch Neymars Transfer, wie das Prestigeprojekt einiger Entscheidungsträger, die sich ein Denkmal setzen wollen.

Überhaupt passt Neymar so gar nicht zu Barcelonas Philosophie. Die Talentschmiede La Masia steht dafür, begabte Kicker schon in jungen Jahren zu schulen und einen bestimmten Spielstil einzutrichtern. Dies schließt den Kauf von Toptalenten natürlich nicht aus. Doch einen Spieler zu verpflichten, der für seine Individualität bekannt ist, hat nicht dazu geführt, Kontinuität sicherzustellen.

Der amtierende Präsident Josep Maria Bartomeu hat angekündigt, es werde einen Sommer des Renovierens geben, aber keine Revolution: "Ab Montag werden wir beginnen, die Projekte abzuschließen, an denen (Sportdirektor Andoni) Zubizarreta gearbeitet hat. Es gibt einige Spieler, die wissen, dass es für sie nicht weitergeht. Es wird Veränderungen geben."

Trainer Tata Martino hat bereits einen Schlussstrich gezogen. Er verkündete nach dem Match gegen Atletico seinen Rückzug. Martino geht also ohne Titel nach nur einer Saison - eine weitere Entscheidung von Ex-Präsident Rosell, die nicht den erwünschten Effekt hatte.

Rosell und Neymar sind miteinander verbunden. Wenn man an die Saison denkt, in der das beste Barca aller Zeiten schwächelte, dann wird man an sie denken. Doch einer von beiden kann noch beeinflussen, wie er in der Zukunft wahrgenommen wird. Bei Neymar werden sich Dinge ändern und bei Barca werden sich Dinge ändern. Beide brauchen das.

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