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In seinem Buch "Spanien: Die Inside-Story zu La Rojas historischem Triple" erläutert Graham Hunter, wie die Clasico-Rivalität die Dominanz des Weltmeisters bedrohte

Die Spannungen zwischen Barcelona und Real Madrid waren 2011/12 enorm und die Clasicos zwischen den Erzrivalen drohten auch auf Spaniens Nationalmannschaft, die bei der EURO 2012 den dritten Titel in Folge anstrebte, überzuschwappen.

BUCHAUSZUG
Von Graham Hunter

Es stellte sich heraus, dass Spanien auf dem Weg zum Triumph bei der Europameisterschaft nicht nur Italien, Irland, Kroatien, Frankreich und Portugal besiegen musste, sondern auch Jose Mourinho.

Das Fundament zu Spaniens dominantem Fußball seit Ende 2006 war der Teamgeist unter den Akteuren. Ganz egal, ob sie Stammkräfte oder Ersatzspieler waren. In Qualifikationsmatches auswärts, auf Plätzen, die einem Kuhacker glichen, rückte die Mannschaft zusammen. Wenn man dann noch sechs Wochen aufeinanderhockt, um ein Turnier zu gewinnen, dann schweißt das die Spieler aneinander. Doch plötzlich war diese Einheit von einer neuen Kraft im spanischen Fußball bedroht!

Unter Mourinho spielt Madrid oft wunderbar. Allerdings impft er seiner Mannschaft auch eine "Gewinnen-um-jeden-Preis"-Mentalität ein. Die Freundschaft zwischen Schlüsselspielern der Nationalelf, die in den rivlisierenden Klubs spielen, ist für ihn inakzeptabel. Die Spannungen steigen und Kicker beider Klubs beginnen, Dinge zu tun und zu sagen, die der Stimmung innerhalb des Nationalteams immens schaden können.

In der Supercopa eskaliert es

Auch Vicente del Bosque registriert das. Zunächst ist er sicher, dass das Vertrauen und die Harmonie in seinem Kader nicht zerstört werden können. Doch auch er macht sich zunehmend Sorgen und droht schließlich: "Jeder, der dieses Verhalten mit in meine Mannschaft bringt, wird nach Hause geschickt."

Von dem Tag, an dem Mourinho in Madrid angeheuert hat, bis zur EM 2012 finden elf Clasicos statt. In diesen Begegnungen gibt es 82 gelbe Karten, neun rote Karten und einen Platzverweis für Madrids Trainer. Es gibt zahlreiche explosive Konfrontationen zwischen Spielern, die zuvor Seite an Seite EM- und WM-Titel gewonnen haben. Der Moment, der endgültig die Stimmung vergiftet, ereignet sich im August 2011 beim spannenden Rückspiel um die spanische Supercopa. Marcelo sieht für seine bösartige Grätsche gegen Cesc Fabregas die roten Karte und sofort kommt es zu einer Rudelbildung. Beide Teams kommen ihren Spielern zur Hilfe, die Bänke sind leer. David Villa und Mesut Özil werden des Feldes verwiesen. Jose Mourinho schleicht um die Menge herum und sticht Tito Vilanova feige einen Finger ins Auge. Xavi und Iker Casillas stehen schließlich Gesicht an Gesicht voreinander und beschimpfen sich.


Trouble im Camp Nou | Mourinho sticht Vilanova einen Finger ins Auge und die Spannungen nehmen zu

Der Kapitän Reals und der spanischen Mannschaft gibt nach dem Abpfiff noch auf dem Rasen ein TV-Interview. Er stand bei Marcelos Foulspiel weit vom Geschehen entfernt, reagiert aber nach Mourinhos Doktrin, auch Dinge zu kommentieren, die er nicht richtig gesehen hat: "Es gab sicherlich ein Foul, aber sie werfen sich wieder zu Boden, wie sie es immer tun."

Er spricht dabei über Fabregas. Den Spieler, der ein Jahr zuvor den Assist zu Andres Iniestas entscheidendem Tor bei der WM gab, bei der Casillas am Ende die wichtigste Trophäe des Fußballs in die Höhe reckte.

"Sie gehorchen einem Mann, der dem spanischen Fußball schaden möchte"

Gerard Pique sagt: "Ich glaube nicht, dass es an Madrids Spielern liegt. Wir haben sie einst 6:2 in ihrem Stadion besiegt und nichts in dieser Art ist passiert. Wir haben zusammen Turniere gespielt und von der ersten Minute an waren sie tolle Menschen. Meiner Meinung nach kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Sie gehorchen nur einem Mann, der dem spanischen Fußball schaden möchte. Wenn wir uns bei der Nationalmannschaft treffen, werden wir offen sein und dafür sorgen, dass die Mannschaft so stark wie gewohnt und die Atmosphäre so gut wie immer ist."
 
Iker Casillas’ Bruder Unai, ein glühender Barca-Fan, sieht all das im TV. Er sieht auch die zahllosen Wiederholungen und sagt seinem Bruder, dass er diese Szene falsch beurteilt hat.

Iker sieht sich die Aufnahmen später nochmals an. Dann kontaktiert er Puyol und Xavi und gibt seinen Fehler zu. Die beiden geben das an Fabregas weiter und die Wogen sind nach einer Serie vergifteter Duelle geglättet.

Die Situation nähert sich dem Limit. So sehr man es auch verhindern will, diese Dinge haben natürlich einen Einfluss."

- Spaniens Santi Cazorla 2012

Casillas benahm sich wie ein vernünftiger, reifer Mannschaftskamerad und auf der anderen Seite wurde sein Verhältnis zu Mourinho immer schlechter. Viele Menschen sehen da einen Zusammenhang und einer von diesen Menschen war Vicente del Bosque: "Iker wollte die Harmonie zwischen Spielern von Barcelona und Madrid wiederherstellen und dafür musste er bezahlen. Als es schwierige Momente in der Nationalmannschaft gab, half er, die gute Stimmung zu beschützen. Weil die Spieler von Barca und Madrid es schafften, sich zusammenzureißen, konnten wir die Europameisterschaft 2012 gewinnen. Offenbar kam das nicht gut an und für Iker war es sogar schädlich. Jeder sollte wissen, dass die spanische Mannschaft über dem Interesse der Klubs steht, beziehungsweise zumindest auf deren Niveau angesiedelt ist."

Tage nach der Supercopa 2011 beschrieb Santi Cazorla, einer der ausgeglichensten und ruhigsten Spielern von La Roja, die Situation "nähert sich dem Limit."

"So sehr man es auch verhindern will, diese Dinge haben natürlich einen Einfluss auf das Verhältnis der Spieler. Wir anderen können nur hoffen, dass es so schnell wie möglich geklärt wird und sich am Ende alle einig sind. Denn das ist es, was alle wollen."

Zweifel an der Einigkeit der Spieler untereinander begleiteten del Bosque und seine Schützlinge bis zur EM-Endrunde. Dort jedoch wurden alle Skeptiker eines Besseren belehrt.

SPANIEN: DIE INSIDE-STORY ZU LA ROJAS HISTORISCHEM TRIPLE von Graham Hunter erscheint bei BackPage Press (@backpagepress) am 15. November als Taschenbuch und Ebook.



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