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Die Katalanen pflegen in dieser Saison einen direkteren Spielstil, vor allem auswärts. Aber erleben wir wirklich eine Abkehr von der Taktik, mit der man so erfolgreich war?

SPECIAL REPORT
Von Ben Hayward

Barcelona. "Wir spielen kein Tiki Taka", stellte Pep Guardiola einst klar. "Ich mag diesen Ausdruck nicht - der klingt, als würden wir unsere Gegner diskreditieren." Das war in der Saison 2010/11, als der FC Barcelona unter der Führung des heutigen Trainers von Bayern München auf dem absoluten Höhepunkt war. Man mag es nennen, wie man will - Fakt ist, dass die "Blaugrana" eine klare Spielphilosophie verfolgten, für die sie auf der ganzen Welt bewundert wurden.

Gerard Pique erinnerte sich in dieser Woche in einem Interview an die damalige Zeit. "Mit Pep hatten wir eine Identität. Wir haben immer gleich gespielt - egal, ob es in Granada, Malaga oder auf einem Platz voller Pfützen war. Das Team hat wirklich an Pep geglaubt."

Piques Forderung nach Veränderungen

Pique, einer der aufrichtigsten und offenherzigsten Spieler im katalanischen Team, nimmt kein Blatt vor den Mund. Der Verteidiger bekam in der letzten Saison Ärger mit dem damaligen Trainer Tito Vilanova, nachdem Barca im Halbfinale der Champions League von den Bayern deklassiert wurde und er forderte: "Wir brauchen Veränderungen!" In dieser Saison ging er in einem Interview mit der Gazzetta dello Sport sogar noch weiter: "Wir hatten über mehrere Jahre Trainer aus den eigenen Reihen - erst Pep, dann Tito. Und wir haben unseren Spielstil überreizt, vielleicht sogar so weit, dass wir seine Sklaven waren."

Sklaven des Tiki Taka? Starke Worte - und eine großartige Schlagzeile. Aber Pique erläuterte: "Mit Tata Martino kam jemand von Außen; er hat das fußballerische Konzept, nämlich den Ball zu halten, aber er kann auch auf andere Optionen zurückgreifen. Und das ist etwas sehr Positives, weil wir variabler sind."

LAPORTA & CRUYFF: RÜCKKEHR 2016?

Der ehemalige Präsident Joan Laporta hat das Wirken von Sandro Rosell stets kritisch beäugt und plant seinerseits, bei der Wahl 2016 für den Präsidentenposten zu kandidieren - mit Johan Cruyff als seine rechte Hand und einer möglichen Rückkehr von Pep Guardiola als Trainer.

Cruyff entschied sich 2003 für Frank Rijkaard als Trainer und vertraute fünf Jahre lang auf Guardiola, was sich als geniale Wahl herausstellte. Der Niederländer würde auch eine gewisse Kontinuität auf dem Fußballplatz garantieren. Cruyff war derjenige, der Barca in den 70ern die Idee einer Fußballakademie nach dem Vorbild von Ajax Amsterdam einpflanzte, als er sich als aktiver Spieler aus dem Camp Nou verabschiedete. Er war es auch, der ab 1988 als Trainer dafür sorgte, dass viele Talente aus La Masia den Sprung in die erste Elf schafften und Teil des legendären "Dream Teams" wurden.

"Der aktuelle Vorstand hat die Obsession, das Erbe zu zerstören, das wir so erfolgreich und mit großem Einsatz aufgebaut haben", sagte Laporta in diesem Jahr, als er enthüllte, dass er darüber nachdenke, selbst als Kandidat anzutreten. "Ich bin jeden Tag ein bisschen enthusiastischer und ich fühle mich gerüstet dafür, Präsident zu sein. Die Wahlen müssen 2016 durchgeführt werden und dann wird der Moment sein, an dem ich überlegen werde - auf professioneller, persönlicher und familiärer Ebene. Ich ziehe eine Kandidatur ernsthaft in Betracht."

Über eine mögliche Guardiola-Rückkehr sagte er: "Wir werden sehen. Wir haben eine gute Beziehung und ich werde ihm auf ewig dankbar sein. Aber er ist bei Bayern und hat eine große Entscheidung getroffen."

Cruyff würde unterdessen definitiv eine wichtige Rolle spielen. "Er hat unser Modell inspiriert - er hat mich beraten", so Laporta. "Er könnte jeden Posten bekleiden, den er haben will."

Auch Pep versuchte Neues

Die Idee, Barcas Stil mit anderen Elementen zu vermischen, ist nicht neu. In seiner letzten Saison als Trainer Barcelonas ließ Guardiola mit der Hereinnahme der Flügelspieler Cristian Tello und Isaac Cuenca einen etwas direkteren Fußball spielen. Durch die Verpflichtung von Alexis Sanchez war ein gradlinigeres Spiel möglich, vor allem in Auswärtspartien.

Guardiola hatte die Befürchtung, dass sich die Gegner auf den Spielstil seines Teams einstellen würden und die Bilanz seiner letzten Saison in Katalonien sollte ihm recht geben: Barca blieb häufig sieglos, konnte die Auswärtsspiele bei Real Sociedad, Valencia, Espanyol, Villarreal und Betis nicht für sich entscheiden, genauso wenig die Heimpartie gegen den FC Sevilla. Hinzu kamen Niederlagen bei Getafe und Osasuna sowie zu Hause gegen Real Madrid. Am Ende landete man neun Punkte hinter dem Erzrivalen. Das Ausscheiden im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Chelsea war mindestens genauso bitter. Trotz der taktischen Modifikationen wurden so die zwei wichtigsten Titel verpasst.

Rosell braucht kein Tiki Taka

Nach vier kraftraubenden Jahren bei Barca war Guardiola ausgelaugt, was auch der Hauptgrund für seinen Abschied war. Aber auch das nicht immer optimale Verhältnis zum Präsidenten Sandro Rosell spielte eine Rolle. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Joan Laporta war Rosells Liebe für das Tiki-Taka-Spiel nicht grenzenlos - er favorisiert eigentlich einen physischen und kraftvollen Hochgeschwindigkeitsfußball, der eher Trainern wie Jose Mourinho oder Brasiliens Felipe Scolari zugeschrieben wird. Das rührt nicht zuletzt daher, dass Rosell vor und während der WM 2002 in engem Kontakt mit dem brasilianischen Team war, da er mit Sponsor Nike arbeitete.

Das war vielen Klub-Mitgliedern vermutlich nicht bewusst, als sie Rosell 2010 zum Nachfolger von Laporta wählten. Immerhin war Rosell der Kandidat mit dem größten Namen, der zudem bei den Barca-Fans noch in guter Erinnerung war, da er bei der Verpflichtung von Ronaldinho im Jahr 2003 eine bedeutende Rolle gespielt hatte.

Die Abkehr von Cruyff

Nach der Wahl aber distanzierte sich Rosell sofort von Johan Cruyff und entzog ihm den Titel als Ehrenpräsident, den die niederländische Legende von Laporta einst erhalten hatte. Erstmals wurde deutlich, dass Veränderungen im Gange waren. Laportas Regentschaft basierte auf den Ideen von Cruyff - bei Rosell sah das anders aus.

Nichtsdestotrotz wusste der neue Chef, was er an Guardiola und dessen Team hat und vertraute nach dem Rücktritt des Erfolgstrainers folgerichtig auf die rechte Hand des bisherigen Coaches: Vilanova.

Auch Vilanova wollte mit Barca auswärts einen direkteren Spielstil kultivieren, das Tiki Taka sollte weniger berechenbar sein. Sein Wirken als Trainer aber wurde durch die Krebserkrankung und die dafür nötige Behandlung unterbrochen. Zwar spielte Barca in der Liga eine fast makellose Saison, musste sich dabei aber an den Anweisungen der vorherigen Saison orientieren - man zehrte quasi von den Erinnerungen des Vorjahres.

Schlecht und berechenbar

Das reichte allerdings gegen die großen Teams nicht aus: Nur eine von sechs Partien gegen Real Madrid wurde gewonnen, bei Celtic und Milan verlor man und gegen Paris Saint-Germain setzte sich Barca nur dank der mehr erzielten Auswärtstore durch. Negativer Höhepunkte waren die Niederlagen gegen Bayern, sieben kassierte Tore standen keinem einzigen eigenen Treffer entgegen. Gegen diese Mannschaften spielten die Katalanen berechenbar - und das auch noch ziemlich schlecht.

Im Sommer war Vilanova schließlich gezwungen, aufgrund seiner Erkrankung zurückzutreten. Feste Größen in Barcas Team sprachen sich gegen die Verpflichtung von Ex-Spieler Luis Enrique aus, Rosell entschied sich letztlich für Martino.

Der Argentinier kündigte bei seiner Vorstellung an, dass er die besten Elemente von Barcas Spiel unter Guardiola wieder hervorholen wolle und machte sich so viele Freunde. Dennoch: Beim 4:0-Sieg über Rayo Vallecano im September hatten die Katalanen weniger Ballbesitz als der Gegner, nämlich 49 Prozent - das hatte es in den 317 Spielen zuvor nicht gegeben.

Auch lange Bälle eine Option

Barca bemüht nun sogar mal den langen Ball. "Da sehe ich kein Problem", sagte Martino jüngst. "Rafa Marquez hat auch lange Pässe gespielt - und der war 2009 hier!" Der Argentinier sprach später noch von Klub-Legende Ronald Koeman, der für seine Vorlagen aus der Tiefe berühmt war. Selbst Guardiola nutze lange Bälle in seiner Zeit als Dreh- und Angelpunkt in Barcas Mittelfeld.

Mit Pep hatten wir eine Identität. Wir haben immer gleich gespielt - egal, ob es in Granada, Malaga oder auf einem Platz voller Pfützen war...

- Barcelonas Verteidiger Gerard Pique

Einer der Schlüssel für das Mittelfeld der Katalanen war in den letzten Jahren zweifelsohne Xavi. Der Vize-Kapitän gibt mehr Pässe ab als jeder andere Spieler auf dem Feld, oftmals mehr als 100. Im Spätherbst seiner Karriere benötigt der 33-Jährige aber immer öfter Auszeiten und wird von seinem Trainer hier und da auf die Bank gesetzt - das Rotationsprinzip hat Einzug gehalten. Wenn Xavi fehlt, verringern sich Barcas Ballbesitzwerte ausnahmslos, wenn auch nur geringfügig. Gegen Rayo aber stand er 83 Minuten auf dem Platz.

Was bringt die nächste Generation?

Selbst ohne Xavi wird Barcas goldene Generation an Mittelfeldspielern wohl noch einige weitere Jahre wirken. Der 29-jährige Andres Iniesta steht vor der Vertragsverlängerung, Cesc Fabregas ist erst 26, Sergio Busquets 25. Die nächste Generation wird wohl einen anderen Standard haben als die jetzige, und einer der größten Hoffnungsträger, Thiago Alcantara, hat sich bereits Richtung Bayern verabschiedet.

Aktuell aber scheint das Tiki Taka unter "Tata" intakt zu sein. Das torlose Unentschieden bei Osasuna am vergangenen Samstag mag enttäuschend gewesen sein, die Spielidee war aber letztlich dieselbe und man hatte in Pamplona 73 Prozent Ballbesitz. Auch am Dienstag beim AC Mailand konnte Martinos Team zwar nicht wirklich glänzen und musste sich mit einem 1:1 begnügen, aber 72 Prozent Ballbesitz vorweisen. "Ich bin nicht hergekommen, um irgendetwas zu verändern", beteuert der Trainer.

"Tiki Tata" statt Tiki Taka

Dennoch steht außer Frage, dass es weise von Martino war, das Tiki Taka mit Variationen und langen Bällen zu verfeinern, wenn sie denn angebracht sind. Letztendlich muss sich selbst das beste System weiterentwickeln, und Barca kann nicht immer gewinnen, wenn man sich stets auf dieselben Methoden verlässt. Selbst Guardiola war das klar. In dieser Saison sieht man "Tiki Tata" statt Tiki Taka.

Aber: Angesichts des fast verschwundenen Einflusses von Cruyff und Guardiola gibt es keine Garantie, dass man den aktuellen Stil weiter pflegt, solange Rosell das Sagen hat. Falls es im Camp Nou tatsächlich einen taktischen Richtungswechsel geben sollte, werden die Fans dem Tiki Taka nachtrauern - auch wenn Guardiola diesen Begriff nicht mag.

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