Mit van der Vaarts Wechsel zerspringt die holländische Enklave bei Real Madrid

Seit gestern ist das „weiße Ballett“ wieder eine Oranje-freie Zone. Innerhalb gut eines Jahres wurden alle holländischen Profis aus der spanischen Hauptstadt vertrieben. Nicht immer waren die Umstände nachvollziehbar.

Von Francois DUCHATEAU

Sneijder, Robben, Real Madrid-Villarreal (Marca)
Madrid. Mit Rafael Van der Vaart hat der letzte Niederländer Real Madrid verlassen. Der Ex-Hamburger heuerte in allerletzter Minute bei Tottenham Hotspur an. Damit folgte er dem Beispiel seiner Landsmänner und ehemaligen Teamkollegen Wesley Sneijder, Arjen Robben, Klaas-Jan Huntelaar, Ruud Van Nistelrooy und Royston Drenthe. Letzter verließ die Hauptstädter allerdings vorerst nur Leihweise in Richtung Aufsteiger Hercules Alicante. Vor über einem Jahr trainierten alle Holländer noch gemeinsam in der spanischen Sonne.

Sneijder und Robben nahmen sportlich Rache

Verstehe einer die Politik der Madrilenen, oder viel mehr Florentino Perez. Denn mit seiner Rückkehr nahm die willkürliche Beseitigung des Oranje-Arsenals seinen Lauf. Das zuvor mühselig herangekaufte Grüppchen war dem Real-Patriarchen ein Dorn im Auge, denn weder sportlich noch disziplinarisch gab es Gründe für solch einen vollständigen Aderlass. Sicher: Der „gläserne Arjen“ bekam seinen Spitznamen nicht von ungefähr, Torschützenkönig „Van The Man“ wurde nicht jünger und Schalkes neuer „Hunter“ war eh nur als Eins-zu-Eins-Lückenfüller gedacht während Ruuds Abstinenz (und erzielte immerhin achte Tore in 20 Matches – davon die meisten als Joker), doch der Abgang von Wesley Sneijder war bloß ein symbolischer Kontrapunkt zum Megakaufrausch vergangenen Sommer.

Wie eine Jacke aus dem letzten Jahr war Sneijder den „Galaktischen“ auf einmal einfach nicht mehr hip genug. Kaka und Cristiano Ronaldo waren neu, teuer und en vogue. Second Hand wurde der Spielmacher an Inter Mailand abgegeben – für vergleichsweise lächerliche 15 Millionen Euro (für einen Kaka hätte man umgerechnet 4,5 Sneijders bekommen). Und ebenso wie Arjen Robben zeigte der „Zehner“ bei seinem neuen Arbeitgeber, dass sie ihre Teams mit ihrer Weltklasse ins Champions League-, im Juli sogar ins WM-Finale hieven können, während Real erneut trotz aller finanzieller Mühen im Achtelfinale der Königsklasse ausschied. Rache kann so süß sein.

Mourinho und VDV lachen übereinander

Die Geschichte vom eisernen van der Vaart bei den gemeinen Madrilenen hätte Hollywood nicht besser inszenieren können. Der Spielmacher, der unter den schwierigsten Umständen in einem Wohnwagen-Park in Heemskerk aufwuchs und es über die Jahre gelernt hat, sich durchzubeißen, musste zuerst die Krebserkrankung seiner Frau Sylvie verkraften, dann setzte ihn sein Arbeitgeber auf die Abschussliste und entriss ihm sogar seiner Trikotnummer. Auch wegen seiner privaten Situation entschied sich der Ex-Hamburger dazu, zunächst in der spanischen Hauptstadt zu verweilen und zu kämpfen. Und tatsächlich: Zunächst wurde die 23 wieder aufgenommen, als sich Kaka verletzte, doch im Laufe der Saison spielte van der Vaart auch neben Kaka und schien dicht dran am Stammplatz zu sein. Auch unter José Mourinho spielte der Profi aus der legendären Ajax-Schule eine fantastische Vorbereitung – doch spätestens nach der Ankunft von Mesut Özil war es an der Zeit, den Holländer hinaus zu mobben. José Mourinho machte sich in seiner typischen Art darüber lustig, dass der Kreativspieler die Zeichen noch nicht verstanden hätte. Am Montag konterte van der Vaart im holländischen Fernsehen mit breitem Grinsen, dass er Real Madrid am Sonntag habe spielen sehen und im Falle eines Verbleibes schneller zurück auf den Rasen käme, als viele denken.



Tottenhams Spontankauf

Doch gestern endete die Ehe zwischen Real Madrid und Rafael van der Vaart. Harry Redknapp hinterließ den Eindruck, dass es sich beim Transfer um einen Spontankauf handelte. Morgens sei van der Vaart noch medial für zwanzig Millionen Euro angeblich bei Bayern im Gespräch gewesen, fünf Minuten vor Ende der britischen Transferphase erreichte ihn ein Telefonat, der Holländer sei für gut zehn Millionen zu haben. Da musste Tottenham Hotspur einfach zuschlagen. „Vier Jahre Spurs, für Elf Millionen Euro. Ich kann es selbst kaum noch glauben“, reagierte van der Vaart in de Telegraaf. „Es ist schade, dass ich nun nicht gegen Ajax in der Champions League spielen kann, aber ich besuche den FC Twente. Auch toll! Das Interesse von Tottenham ist Dienstag erst konkret geworden. Danach ging es ganz schnell. Lange darüber nachdenken musste ich nicht. Ich möchte einfach wieder Fußballspielen, wenn möglich jede Woche bei einem tollen Verein. Ich bin absolut glücklich. Es war ein Rennen gegen die Uhr, um den ganzen Papierkram zu regeln. Aber ich gehe davon aus, dass dies vor Mitternacht geglückt ist. Ein dritter schöner Verein im Ausland. Beim HSV habe ich den Wechsel zu Real Madrid erzwungen und jetzt freue ich mich darauf, in England zu spielen. Ob der englische Fußball mir liegt? Das wird man sehen. Aber ich denke, dass ein guter Fußballer überall funktionieren muss. Ich bin jedenfalls sehr stolz auf diesen Wechsel.“

Das „weiße Ballett“ mag zwar keinen Tupfer Orange mehr in sich haben, doch die ein oder andere weitere sportliche Rache ist deshalb längst nicht ausgeschlossen.


 
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