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Vier Muskelverletzungen in acht Monaten: Die Gründe für Messis Misere

Bis zum Ende des Jahres wird Lionel Messi nicht mehr spielen. Goal zeigt auf, warum der Argentinier in den letzten Monaten von Verletzungen heimgesucht wurde.

SPECIAL REPORT
Von Ben Hayward

Mitten in der Blüte seines Schaffens wurde er jäh gestoppt. Nach seinem furiosen Finale 2012 mit dem Weltrekord von 91 Pflichtspieltoren für Klub und Land in einem Kalenderjahr, hat Lionel Messi ein durchwachsenes, von Verletzungen durchsetztes Jahr 2013 hinter sich. Was ist also alles schiefgelaufen für den brillanten und einst als unverwundbar geltenden Argentinier?

In der Frühphase seiner Karriere hatte Messi bereits immer wieder mit Muskelverletzungen zu kämpfen. Es gab Befürchtungen, er sei einer dieser hochtalentierten, aber eben auch extrem verletzungsanfälligen Spieler. Als Pep Guardiola 2008 bei Barca das Kommando übernahm, wurde ein spezieller Fitnessplan für Leo entwickelt und das trug sofort Früchte. Messi war nicht nur der beste Spieler der Welt, er war auch einer der fittesten Akteure des Planeten.

Es begann im April

Nun begannen die Schwierigkeiten während Barcelonas Champions-League-Achtelfinale gegen Paris Saint-Germein Anfang April. Der Argentinier humpelte im Parc des Princes mit einem Muskelfaserriss vom Feld. Kurz darauf stand er überraschend beim Rückspiel gegen PSG schon wieder auf dem Platz und feierte ein Blitz-Comeback. Obwohl er offensichtlich nicht fit war, lieferte er den Assist zu Pedros Ausgleichstreffer und Barcelona war aufgrund der mehr erzielten Auswärtstore eine Runde weiter.

Nach starken Auftritten gegen den AC Milan im Viertelfinale, stand er beim 0:4 in München in der Runde der letzten vier komplett auf verlorenem Posten. Das 0:3 daheim im Rückspiel sah er sich von der Bank aus an, wenige Tage zuvor hatte er gegen Athletic Bilbao wieder mit Problemen zu kämpfen gehabt.


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Die laufende Spielzeit brachte drei weitere Verletzungen: In der spanischen Supercopa gegen Atletico Madrid im August bereitete ihm der Oberschenkel Probleme. Eine ähnliche Blessur zog er sich Ende September in der Liga gegen Almeria zu. Nun also wieder die Muskelbeschwerden, die ihn bis zum Jahresende außer Gefecht setzen. Jedes Mal, wenn Messi wieder auf dem Weg zur totalen Fitness war, musste er einen Rückschlag hinnehmen.

Fabregas mahnt zur Geduld

"Leo muss sich jetzt, so lange das notwendig ist, erholen", sagte Mannschaftskamerad Cesc Fabregas am Sonntag. "Danach kann er wieder in Form kommen. Wir brauchen ihn so sehr. Ich hatte die gleiche Verletzung bei Arsenal - zwei wirklich schwere Jahre. Man will schnell zurück kommen, aber das ist ein Fehler. Eine sehr lästige Sache."

Vielleicht hätte die Misere bereits im Frühjahr verhindert werden können. Messi verletzte sich nach einer strapaziösen Südamerikareise inklusive zweier WM-Qualifikationsspiele. Zurück in Barcelona absolvierte er beim 2:2 gegen Celta Vigo 90 Minuten und es folgte der Trip nach Paris. Sein Nationalmannschaftskollege Javier Mascherano verletzte sich übrigens ebenfalls in der französischen Hauptstadt. Ein bemerkenswerter Zufall.

"Leo könnte eine Pause brauchen", erklärte der frühere Fitnesstrainer der argeninischen Nationalelf, Fernando Signorini, noch in der vergangenen Woche. "Wenn er das bei all seinen Verpflichtungen berücksichtigen könnte, wäre das wichtig. Denn seit geraumer Zeit ist die Belastung für ihn zu hoch."

Allerdings ist es auch Messi selbst, der zu dieser hohen Belastung beiträgt, so Signorini: "Leo hört nicht. Er ist wie Diego (Maradona). Sie wollen immer spielen, immer die Besten der Welt sein und sie verlangen von sich immer das Maximum."

Leo hört nicht. Er ist wie Diego (Maradona). Sie verlangen von sich immer das Maximum..."

- Argentiniens Ex-Fitnesstrainer Signorini

Barcelonas neuer Coach Gerardo Martino stand wegen der jüngsten Probleme seines Starschützlings auch bereits in der Kritik. Der Argentinier hatte diese Situation eigentlich vermeiden wollen. Er ließ Messi zurückgezogener agieren und setzte ihn gar auf dem Flügel ein. Dort, so hoffte "Tata", müsste Messi nicht mit voller Intensität zu Werke gehen. Aber das ging nicht: Messi gab immer alles und ignorierte die Anweisungen, zwischendurch einen Gang zurückzuschalten. Sein Ehrgeiz im Wettkampf erlaubte ihm das einfach nicht.

Martino hat indes an Messis Fitnessprogramm nichts geändert. Weiterhin absolviert der Weltfußballer zwischendurch individuelle Einheiten. "Leo lebt den Fußball", sagte Fabregas in einem Interview mit Cadena SER am Donnerstagabend. "Er macht weiterhin dieselben Dinge, die er auch unter Pep und Tito (Vilanova) gemacht hat."

Der väterliche Freund ist nicht mehr an seiner Seite

Einige Veränderungen hat es aber dann doch gegeben. Physiotherapeut Juanjo Brau war für Messi in den letzten Jahren wie ein Schatten. Er begleitete ihn zu jedem Match. Egal ob heim oder auswärts, egal ob Klub oder Nationalelf. Er drehte jeden Stein um, wenn um die bestmögliche Regeneration des 26-Jährigen ging. Brau wurde für Messi ein väterlicher Freund. Er riet ihm, was er essen sollten, wann er wie lange schlafen sollte und so weiter.

Nun arbeiten Brau und Messi nicht mehr auf täglicher Basis zusammen. Der Physio wurde befördert und hat nun eine neue Position inne. Fitnesstrainer Elvio Paolorosso, zählt nun für ihn zu Martinos Trainerstab und er kümmert sich um Messi. Brau wird allerdings nach wie vor konsultiert, wenn es um das Wohl Messis geht.

Eine Quelle, die dem Klub nahe steht erklärte gegenüber Goal: "Im Prinzip gibt es in Messis Trainingsprogramm keine Änderungen und er arbeitet weiterhin genauso, wie es zuvor tat. Dass Brau ihm nicht mehr so nahe steht, bedeutet allerdings, dass er nicht mehr dieselbe Führung hat, wie es einst der Fall war."

IN ZAHLEN
Messis verletzungsreiches Jahr
4 Der Argentinier erlitt in 2013 vier verschiedene Muskelverletzungen
8 Leo wird aufgrund der aktuellen Blessur acht Wochen lang fehlen
14 Der 26-Jährige reiste im Sommer in 14 verschiedene Länder und hatte kaum Zeit zum Ausruhen
16 Leo hat 16 von 19 Barca-Spielen dieser Saison absolviert. Die nächsten zehn könnte er verpassen
46 Messi hat 2013 46 Treffer für Klub und Land erzielt. Etwas mehr als die Hälfte seiner Ausbeute aus dem Vorjahr (91)
Die Saisonvorbereitung war auch nicht sonderlich hilfreich. Messi riss mehrere 1000 Kilometer ab und bereiste dabei 14 Länder auf vier Kontinenten. Es galt Freundschaftspartien mit Barcelona, Benefizspiele und Charityevents zu absolvieren. Er konnte einfach nicht nein sagen und vielleicht hätte er genau das tun sollen.

"Rückblickend war das sicherlich nicht förderlich", so unsere Quelle. "Messi reiste weit und viel in der Sommerpause. Er war in Polen, Israel, Thailand und Malaysia mit Barca. Er war in Kolumbien, Peru und Guatemala wegen anderen Matches und für seine Stiftung war er im Senegal. Da er die vergangenen Saison schon verletzt beendet hatte, war das natürlich nicht die beste Art der Vorbereitung."

Ein weiterer Faktor für Messis Misere: Die Krankheiten von Mannschaftskamerad Eric Abidal und ganz besonders Trainer Tito Vilanova trafen ihn schwer. Die komplette Mannschaft hatte daran zu knacken, Messi aber im Besonderen. Als Jugendlicher hatte er unter Tito trainiert und nachdem er am Ende nicht mehr den besten Draht zu Pep Guardiola hatte, war die Zusammenarbeit mit seinem ehemaligen Mentor für ihn eine Freude.

"Es war ein Jahr mit sehr viel Stress für Messi. Die Krankheiten von Tito und Abidal haben ihm mental zugesetzt und das hat sich offensichtlich auch auf seine Physis ausgewirkt. Irgendwie hängt doch alles zusammen," erläuterte unser Kontakt.

Und natürlich ist es auch vollkommen logisch, dass Messi sich nicht mehr um jede Kleinigkeit so gut kümmern kann wie zuvor. Schließlich ist er nun Vater. Sein Sohn Thiago wurde im vergangenen November geboren und Leos Leben änderte sich dramatisch. Die Prioritäten verschoben sich, die Erholung kam zu kurz. Er will nach wie vor der beste Spieler der Welt sein, aber er will auch ein fantastischer Vater sein - das bedeutet also Opfer: "Ein Vater zu sein bedeutet für einen Fußbaler große Veränderungen. Du musst Dir Deine Zeit anders einteilen und es kann Einfluss auf Deine Schlafgewohnheiten haben. Auf diesem Niveau können kleine Änderungen den Unterschied ausmachen."

In Messis Hinterkopf schlummert außerdem die Weltmeisterschaft. Mit Barcelona hat er in den letzten Jahren wirklich alles gewonnen und der Stürmer will in Brasilien 2014 den begehrtesten Pokal des Fußballs gewinnen. Er ist ein Wettkampftyp und er wird immer alles für Barcelona geben. Doch seine Gedanken sind mittlerweile auch auf anderen Dinge gerichtet.


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