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Nach 27 Jahren macht Sir Alex Ferguson bei Manchester United Schluss. Einst wäre er fast beim FC Arsenal gelandet.

München/Manchester. Es grenzt an ein Wunder, dass er sich nie den Kiefer ausgerenkt hat in all den Jahren. Schließlich malmt Alex Ferguson, pardon: Sir Alex Ferguson, ja immer derart heftig auf einem Kaugummi herum, dass der Verdacht naheliegt, er sei damit auf die Welt gekommen vor etwas mehr als 70 Jahren. Und wahrscheinlich wird er auch dann noch kauen, wenn er sich am 19. Mai, so um 18.45 Uhr, im Stadion "The Hawthorns" in West Bromwich bei Birmingham ein letztes Mal beim Schlusspfiff von der Trainerbank erheben wird.

FERGUSON UND MOYES

An der Frequenz und an der Intensität des Kaugummikauens wird sich am letzten Tag von Ferguson als "Teammanager" noch am ehesten erkennen lassen, wie es gerade in ihm aussieht. Ferguson mag an der Seitenlinie bisweilen herumzetern, er kann exzessiv jubeln und eine Gesichtsfärbung annehmen, die den Zustand höchster Erregung verrät. Aber über Gefühle sprechen, nein, das macht einer wie er nicht. Er vermeidet, es Einblicke in sein Inneres zu geben. Gefühle sind etwas für Weicheier, Emotionen eine Schwäche.

Es hat allerdings auch schon Tage gegeben, da war alles anders. Anfang November 2011 zum Beispiel, als es ein Vierteljahrhundert in Diensten von Manchester United zu feiern galt. Da baten sie Ferguson vor dem Spiel gegen den AFC Sunderland zur Mitte des Spielfeldes in Old Trafford, und als er dort angekommen war, wurde von der Tribüne im Norden eine Plane entfernt, und zu lesen war dann "The Sir Alex Ferguson Stand". "Das war sehr emotional. Ich konnte es gar nicht glauben. Ich bin sehr stolz auf diesen Moment", sagte Ferguson.

Fast wäre die Nordtribüne in Old Trafford aber gar nicht oder vielleicht nach jemand anderem benannt worden. Im Januar 1986 war Ferguson als Coach der schottischen Nationalmannschaft in Israel zu einem Freundschaftsspiel, als er seinen Assistenten Walter Smith um ein Gespräch bat. Er habe ein Angebot des FC Arsenal erhalten, sagte Ferguson, und er wolle ihn, Smith, gerne mitnehmen. Smith aber stand schon bei den Glasgow Rangers im Wort. Ferguson sagte den Gunners ab - und fing am 6. November 1986 bei Manchester United an.

Erst einen Tag vorher hatte Ferguson, damals Teammanager des FC Aberdeen, das Angebot der Red Devils erhalten. Seine Ehefrau Cathy wollte eigentlich nicht weg aus der Granite City, der grauen Stadt, die Ferguson mit dem Europapokalsieg im Pokalsieger-Wettbewerb 1983 auf der Fußball-Landkarte eingetragen hatte. Ferguson, ganz der Charmeur, überzeugte Cathy von den Vorzügen der Industriestadt im Nordwesten Englands, obwohl er dort weniger verdienen sollte. Aberdeen war ihm zu klein geworden: "Mir haben die Füße gejuckt."

Als Ferguson am 6. November 1986 bei United anheuerte, wurde Großbritannien noch von Margaret Thatcher regiert, Wayne Rooney war gerade einmal ein Jahr alt - und Ernst Happel Trainer des Hamburger SV. Der FC Bayern wechselte in der Ära Ferguson 17-mal den Trainer, Real Madrid 26-mal. Ferguson war immer da. "Er ist Manchester United - durch und durch", schrieb David Beckham. Er wird es wohl bleiben, wenn er sich bald in den Vorstand zurückzieht. Die Unruhe, die Gier nach Erfolg, Ferguson wird sie kaum ablegen.

Eigentlich wollte Ferguson schon 2002 nicht mehr Teammanager sein. Cathy überredete ihn damals zum Weitermachen. Aber mit 70, sagte er ein paar Jahre später, werde er dann ganz sicher nicht mehr an der Seitenlinie stehen. Am 31. Dezember wird er 72 Jahre alt. Nur zweimal stand er tatsächlich vor dem Abschied bei ManUnited, beide Male ging es ums Geld: Als er 1994 erfuhr, dass George Graham bei Arsenal doppelt so viel verdiente wie er, wollte er hinschmeißen. Ähnlich dachte er 1996.

Wenige Wochen nach dem Sieg im Champions-League-Finale 1999 in Barcelona gegen den FC Bayern (2:1) wurde Ferguson von der Queen zum Ritter geschlagen - wie ein Sir hat er sich aber nicht immer benommen. Seine Wutausbrüche sind legendär. Ein Journalist, der ihn seit Jahrzehnten kennt, berichtete mal von einem Telefonat mit dem ziemlich lautstarken Schotten: "Nach zehn Minuten begann der Hörer zu schmelzen. Als das sehr einseitige Gespräch beendet war, musste mein Ohr operativ entfernt werden."

Ferguson machte vor nichts und niemandem Halt. David Beckham kickte Ferguson einst einen Schuh ins Gesicht, der Star erlitt eine Platzwunde am Auge. Ferguson sagte nur: "Flickt ihn verdammt nochmal zusammen!" Auch auf die Schiedsrichter drosch er mehr als genug ein, weit über 100.000 Euro Strafe musste er in bald 27 Jahren berappen. Gerne fordert er Unparteiische bei Rückständen auf, minutenlang nachspielen zu lassen. "Fergie time" wird das in England genannt - die Zeit, die angehängt werden muss, bis United noch gewinnt.

Die Frage, wie lange er bleiben würde, hat Ferguson immer für überflüssig gehalten. "Es ist völlig egal, wer geht. Der Name von Manchester United wird ewig bleiben." Der des Sir Alexander Chapman Ferguson aber auch. Und mit ihm sein Kaugummi.

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