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Augen zu und durchatmen! Man schlug Manchester City, Manchester United, Arsenal und gewann den League Cup. Trotzdem blieb Liverpool weit unter den Erwartungen.

Liverpool. Kenny Dalglish wird drei Kreuze machen, wenn diese turbulente Saison zu Ende geht. Der FC Liverpoolsah sich 2011/12 mit Problemen konfrontiert, die so niemand vorhersehen konnte: Schlimme Verletzungen, ein Alu-Trauma, Skandale über Rassismusvorwürfe, Nächte in Ausnüchterungszellen und eine letztendlich verheerende Form in der Liga. Dies alles überschattet einen wichtigen Fakt: Mit dem Sieg im Finale des League Cups wurde der erste Titel seit 2006 geholt, das Finale des FA Cups steht noch aus! Auch das Ticket zur Europa League wurde damit bereits gelöst.

Nächster Halt: Europa

Millionen um Millionen wurden vom Eigentümer John W. Henry in die Mannschaft gesteckt. Suarez, Carroll, Downing, Henderson, Enrique, Adam und andere Spieler kamen seit Januar 2011. Dass Fernando Torres und ein halbes Jahr später Raul Meireles den Verein verließen, ist hinlänglich bekannt. Die Marschroute war klar: Diese Mannschaft muss in die Champions League! Man wollte wieder um den Titel mitspielen. Heute, kurz vorm 36. Spieltag in Englands Premier League, klingen diese ambitioniert formulierten Ziele illusorisch. Allein die Europa League konnte man sich nach einer Saison Abstinenz wieder sichern.

Ein Pokal ist gewonnen!

Liverpool-Experte David Lynch von Goal.com UK versteht die Welt nicht mehr, wenn weiterhin über den vermeintlich geringen Wert der Pokalwettbewerbe gemeckert wird: „Wenn die Reds zwei weitere Trophäen in die Vitrine stellen können und weiterhin über eine erfolgsarme Saison gesprochen wird, weiß ich nicht, wo es mit dem Fußball hingehen soll!“ Vielmehr sieht Lynch die Fokussierung auf die realen Ziele: „Es macht eher den Eindruck, dass die Liga geopfert wurde, als der vierte Platz unerreichbar wurde. Das muss berücksichtigt werden.“

Chancen im Überfluss – keine Tore

Das Hauptproblem des FC Liverpool bleibt allerdings die Chancenverwertung. Auch durch die mangelnde Präzision vorm Tor wurde die Quali zur Champions League früh aus den Augen verloren. Mit bis jetzt 40 erzielten Toren stehen die Reds schlechter da als beispielsweise die Aufteiger aus Norwich oder die vom Abstieg bedrohten Blackburn Rovers. Bis Januar dieses Jahres trafen die Reds schon über 20 mal Alu – absoluter Rekord iauf der Insel!

 

Man startete in die Saison als das Team, das den attraktivsten Offensivfußball bietet. Beispielsweise der Sieg in London gegen Arsenal am zweiten Spieltag ließ die Fußballfreunde mit der Zunge schnalzen. Heute kann sich Liverpool nur noch auf die starke Defensive berufen. Allein die Klubs aus Manchester haben mit 27 (City) und 32 (United) Gegentoren weniger einstecken müssen.

System, Taktik oder Personal?

„Wenn man so viele Chancen herausspielt wie Liverpool, dann ist es schwer zu glauben, dass es am System liegt“, sagt Lynch, der in Liverpool hautnah am Ort des Geschehens ist. Dennoch wirkte die Mannschaft nicht nur gehemmt, als der ungemein wichtige Luis Suarez seine Sperre von acht Spielen absitzen musste. Chronisch kamen die Flügelspieler nur bis ins Halbfeld, um unpräzise Flanken in die Spitze zu schlagen. Laufwege schienen nicht einstudiert zu sein. Standards wurden selten gut geschossen.

Bis Kapitän Steven Gerrard nach seiner langwierigen Leistenverletzung und einem entzündeten Knöchel in die Mannschaft zurückkam. Nach seinem ersten Einsatz im Dezember fügten sich die Puzzleteile zusammen. Andy Carroll erlangte plötzlich eine ungeahnte Gefährlichkeit vorm Tor, weil er die richtigen Zuspiele bekam. Da prallten nun die beiden Generationen aufeinander. Dalglish wollte den verjüngten Neuanfang starten, nun waren es doch die „älteren Herren“ wie Gerrard und Craig Bellamy, die gerade zum Jahreswechsel wieder die wichtigen Punkte sicherten.

Bye bye, Maxi und Kuyt!

Zum angestrebten Neuaufbau gehört offensichtlich auch, Maxi Rodriguez und Dirk Kuyt ziehen zu lassen. Beide haben diese Saison ihren Stammplatz verloren und sollen abgegeben werden. „Kuyt wird den Verein wohl für eine kriminell niedrige Summe diesen Sommer verlassen. Maxi hatte sicherlich zu wenig Einsätze“, fährt Lynch fort. „Es ist schwer zu sagen, warum es diesen Spielern so schwer fiel, Einsätze zu bekommen, da sie doch jeweils schon ganz entscheidende Tore für LFC gemacht haben.“ Tore, die diese Saison Mangelware waren.

Knipser gesucht!

„Es braucht das Können eines besonderen Offensivspielers, aus dem Nichts zu treffen. Das bringt dich in wichtigen Spielen in Führung!“ Dieses von David Lynch angesprochene Talent offenbarte kein Red diese Saison. Auch der 35 Millionen-Mann Andy Carroll nicht: Mit vier Toren in 32 Einsätzen steht „Big Andy“ bis heute im Fernduell mit Fernando Torres, der es bei Chelsea geschafft hat, knapp noch weniger Tore zu erzielen.

„Auch im Mittelfeld müssen die Spieler abgebrühter werden, aber ein Stürmer, der dazu in der Lage ist, mehr als 20 Tore pro Saison zu schießen, ist ein Muss für den Sommer“, fordert der Goal.com-Experte. „Aus dem Nichts“ und „alleine“ lassen den einen oder anderen Fan schon wieder erschaudern. Danach sahen viele Spiele aus. Auch Luis Suarez, dessen Fähigkeiten außer Frage stehen, traf in 28 Partien mit acht Toren weniger häufig als erwartet. Dafür mauserte sich der Uruguayer zum Kreativkopf, dessen Sperre ein tiefes Loch in die Angriffsbemühungen der Reds gerissen hatte.

Nebenkriegsschauplätze

Luis Suarez wurde zu acht Spielen Sperre verurteilt, nachdem er Patrice Evra von Manchester United rassisitisch beleidigt haben soll. Auch wenn der Fall für den englischen Verband unstrittig schien, bekundete der uruguayische Nationalspieler bis zuletzt seine Unschuld. Auch Kenny Dalglish stand medienwirksam hinter ihm. „So oder so – das ist Kenny's Stil. Dieselbe Loyalität verlangt er auch von den Spielern“, fasst Lynch zusammen. „Er mag dem Verein mit seiner Starrköpfigkeit vielleicht nicht geholfen haben, aber es ist offensichtlich, dass er fühlte, dass dieser Mann unschuldig war!“ Letztendlich nahm Suarez die verhängte Strafe an und entschuldigte sich öffentlich bei Evra. Später wurde der verweigerte Handschlag von Suarez gegenüber Patrice Evra zum nächsten Schocker. Einzelne Zuschauer ließen sich zu rassistischen Gesten und Beschimpfungen aufstacheln.

Stewart Downing, ein weiterer Spieler, der erst zum Ende der Saison langsam in Form gekommen ist, verbrachte derweil eine Nacht im Gefängnis, nachdem er und seine Ex-Freundin in eine Schlägerei verwickelt gewesen sein sollen. Medienberichte pushten die Story zunächst zur häuslichen Gewalt hoch, allerdings wurde nicht einmal gegen ihn ermittelt. Die englische Yellow Press hatte aber bereits ihr neues Opfer gefunden.

Auf dem richtigen Weg

„Ein paar Fehler wurden gemacht, aber im Ganzen bewegt man sich zum ersten Mal seit ein paar Jahren in die richtige Richtung“, zieht Lynch sein Fazit. Der Klub rappelt sich gerade finanziell wieder hoch, da die Fenway Sports Group und der Mehrheitseigner John W. Henry den Verein wirtschaftlich wieder auf Vordermann bringen. Überbezahlte Reservisten wurden vor die Tür gesetzt, letzte Transfers sollten Investitionen in die Zukunft sein. 2012/13 wird der schmerzlich vermisste Langzeitverletzte Lucas Leiva zurückkehren und hoffentlich die dünne Personaldecke im defensiven Mittelfeld aufstocken.

Rätselhaft bleibt aber der plötzliche Rücktritt des Sportdirektors Damien Comolli. Die schreibwütige englische Presse brachte sogar Johan Cruyff als Nachfolger ins Gespräch. Offiziell wollte Comolli „aus familiären Gründen“ am Donnerstag vorm Halbfinale des FA Cups gegen den Erzrivalen Everton nach Frankreich zurückkehren.

Istanbul 2005 reloaded?

Es bleibt nun abzuwarten, ob die großen europäischen Nächte nach Anfield zurückkehren werden. Die Zutaten stehen bereit: Eine lebende Legende als Trainer, große Söhne der Stadt im Kader, eine Geldquelle, die noch nicht versiegt ist. Mit einer gehörigen Portion Feintuning am Personal, dem möglichen Gewinn des FA Cups im Finale gegen Chelsea und der Installation eines neuen Sportdirektors, der den sprichwörtlichen „Liverpool way“ fortführt, kann der FC Liverpool seinem Ziel nächste Saison weitaus näher kommen, als es 2011/12 der Fall war.

 Eure Meinung: Wo müssen die Verantwortlichen zuerst anpacken, um Liverpool wieder in die Spur zu bringen?

 

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