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Mit diktatorischem Ansatz verbannte der Portugiese die erfahrenen Spieler von der Stamford Bridge, während sein Anspruch, unentdecktes Talent freizulegen, komplett schief ging.

ANALYSE
Von Wayne Veysey | Chefkorrespondent Goal.com UK

London. Andre Villas-Boas kam letzten Juni zu Chelsea und wurde als das größte Trainertalent auf dem europäischen Markt gefeiert.

Er hatte die Erfolge – drei in seiner ersten kompletten Saison als Trainer – und den Lebenslauf, den stolzen Gang und die Bartstoppel, alles passte ins Bild des neuen berühmten Abgangs der Abschlussklasse aus Porto.

Nachdem er zunächst versucht hatte, der Karikatur eines Jose Mourinho „Mini-Mes“ aus dem Weg zu gehen, hat Villas-Boas leider nicht im Entferntesten die herausragende Besonderheit seines Lehrmeisters von Chelsea und Inter gezeigt, wo es wichtig war – auf dem Spielfeld.

So war es der Anfang vom Ende für Luis Andre de Pina Cabral e Villas-Boas, dessen Name von englischen Beobachtern so herrlich abgekürzt werden konnte: Warum stieg AVB innerhalb von nur acht Monaten von der frischen, rothaarigen Hoffnung zum „Dead Man Walking“ ab?

Vorsichtige Erklärung des Vereins

In Chelseas vorsichtig formuliertem Statement heißt es: „Unglücklicherweise waren die Resultate und Leistungen des Teams nicht gut genug und zeigten keine Verbesserung in diesem Schlüsselmoment der laufenden Saison.“ Und hinzugefügt: „Dies berücksichtigt dachten wir, es gäbe keine andere Möglichkeit, als diesmal etwas zu verändern.“

Bei seiner Vorstellung war noch alles in Ordnung: Ein glücklicher Villas-Boas.

Villas-Boas finale Statistik, die seine Entlassung untermalt, sieht armselig aus: In 40 von ihm begleiteten Pflichtspielen, gewann Chelsea 18, zwölf gingen unentschieden aus, verloren wurden zehn. Seine Siegquote war die schlechteste eines Chelsea-Trainers seit Ruud Gullit vor 15 Jahren. In dieser Statistik sieht er sich mit Abstand abgeschlagen hinter seinen sechs Vorgängern in der Abramovich-Ära: Claudio Ranieri, Mourinho, Avram Grant, Luiz Felipe Scolari, Guus Hiddink, Carlo Ancelotti.

Der letzte Nagel in Villas-Boas Sarg war die 0:1-Niederlage bei West Brom am Sonntag, wo es Chelsea schmerzlich schwer fiel, Roy Hodgsons gut organisiertem Team auch nur in etwa die Stirn zu bieten.

Das Ende des 34-Jährigen stand aber schon vor dem Massaker in den Midlands fest. In Fußball-Sprache ausgedrückt: Er hat die Kabine verloren. Viele der älteren Spieler hatten das Vertrauen in seine Methoden verloren. Egos, Absichten und durchgesickerte Interna wurden überall verbreitet.

Es begann so gut...

Dabei waren die ersten Zeichen gut. Chelsea gewann vier von fünf Spielen, ein Neustart nach einem 0:0 Unentschieden bei Stoke.

Er demonstrierte, dass Morinhos Verständnis von der Dynamik des Spiels auf ihn abgefärbt hatte, während sein Führungsstil und seine Taktiken scharfsinnig waren.

AMTSZEIT
TRAINER UNTER ABRAMOWIC
30 Monate
Mourinho
8 Monate Grant
7 Monate Scolari
3 Monate Hiddink
23 Monate Ancelotti
9 Monate Villas-Boas

Die ersten Kratzer sammelte Villas-Boas Mitte September in Old Trafford, als er Frank Lampard, unantastbar seit fast einem Jahrzehnt, zur Halbzeit auswechselte und das Team 1:3 verlor. Man sprach im Nachhinein nicht nur über das großartige Tor von Fernando Torres und den folgenden peinlichen Fehlschuss am leeren Tor vorbei, man sprach auch von naiver Taktik.

Die Herausforderung für Villas-Boas als er das „Projekt“ über einen langen Zeitraum ein Team zu formen, das unterhaltsamen und erfolgreichen Fußball spielt, wurde erschwert durch eine Mannschaft, der er praktisch beim Altern zusehen konnte.

In manch einem Punkt ging er einfach zu weit. Die hohe Verteidigungslinie, die für die katastrophalen Ergebnisse wie beim 5:3 Gemetzel gegen Arsenal und zweimal gegen Liverpool, jeweils an der Stamford Bridge, verantwortlich war, wurde von einem Trainer aus der Premier League gegenüber Goal.com „Schuljungenfehler“ bezeichnet.

Mit 34, also nur fünf Monate älter als Didier Drogba und neun als Frank Lampard, versuchte er also seine eigene Autorität zu stärken, indem er den Kreis der älteren und erfahrenen Spieler angriff. Schnell wurden Distanz und Feindschaft zwischen dem Trainer und den „Unantastbaren“, wie Mourinho sie einst nannte, geschaffen. Er sprach fast überhaupt nicht unter vier Augen mit ihnen, höchstens um ihnen neue Taktikratschläge zu geben.

Villas-Boas zu dünnhäutig

Für so einen intelligenten und besonnen Mann, bewies Villas-Boas eine bemerkenswerte Dünnhäutigkeit. Er hätte über die Kritik von Alan Hansen und Gary Neville lachen sollen, stattdessen ließ er sich auf absolut unnötige Wortgefechte ein. Er ging sogar soweit, dass der frühere Chelsea-Spieler Tommy Langley als Experte für den hauseigenen TV-Sender gefeuert wurde, weil er Villas-Boas als „nachtragend“ bezeichnet hatte.

Nicolas Anelka wurde aussortiert und ging dann nach China.

In anderen Fällen ging Villas-Boas nicht weit genug. Nicolas Anelka und Alex wurden aussortiert und mussten mit der Reserve trainieren. Tatsächlich hätte Andre Villas-Boas entweder mehr Spieler am Anfang der Saison aussortieren sollen oder aber im anderen Fall bei der Stange halten sollen, als er sich an die Feinjustierung der Mannschaft machte.

Stattdessen fand er sich in einem unglücklichen Dazwischen. Zuviele wurden rausgelassen. Das alles gipfelte in der Farce von Neapel, wo ein Bosingwa statt Ashley Cole den Linksverteidiger gab und Raul Meireles und Ramires das defensive Mittelfeld bildeten. All das, während Michael Essien und Frank Lampard auf der Bank saßen und ihren Ärger kaum verbergen konnten.

Der Fall Lampard

Es war pervers mit anzusehen, wie sich Chelsea bei dieser 1:3-Niederlage im einschüchternden Stadio San Paolo selbst bezwang und Andre Villas-Boas´ Schicksal bereits besiegelt zu sein schien.

Als er die Mannschaft übernahm, war das größte Fragezeichen, wie er damit umgehen würde, den älteren Spielern ausgeliefert zu sein. Letztendlich war dies auch seine größte Schwäche an der Stamford Bridge.

Warum wurde Lampard nicht nach zwei Angeboten im Januar zu Manchester United verkauft, die daraufhin Scholes aus der Versenkung holten, wenn die Beziehung zwischen ihm und Andre Villas Boas schon nicht mehr zu kitten war?

Villas-Boas rüttelte am Chelsea-Denkmal Frank Lampard. Nun bekam er die Quittung.

Während der gesamten Zeit wurde der junge Trainer von Michael Emenalo beobachtet. Der Chef-Scout und einer der Verantwortlichen für die Jugendabteilung der Blues gilt an der Stamford Bridge als Auge und Ohren von Abramovich.

Es war eine durch und durch ungesunde Situation. Zwischen Trainer und Spielern gab es keinen Vermittler mehr wie Ray Wilkins, Nummer zwei unter Carlo Ancelotti, oder Paul Clement, der langjährige Coach, der unter allen Trainern der Abramovich-Ära gearbeitet hatte, und kurz vor Villas-Boas entlassen wurde.

Villas-Boas wird zurück kommen

Villas-Boas´ Position war geschwächt. Auch wenn er nach wie vor Abramovichs Unterstützung hatte, seine Muskeln spielen zu lassen und unentdecktes Talent in seinen jungen Spielern zu schürfen, spielten ihm die Ergebnisse einfach nicht zu.

Der vielversprechende 3:0-Heimsieg über das abstiegsgefährdete Bolton brachte ihm etwas Zeit ein. West Brom aber machte all das vergessen. Andre Villas-Boas war am Ende angekommen.

Nachdem er Sonntag nach dem Training entlassen wurde, verläßt ein weiserer, reicherer aber weniger strahlender Villas-Boas das Feld.

Nach einer kleinen Denkpause wird er schnell wieder ins Trainergeschäft einsteigen. Letztendlich hat er dem Spiel einfach zuviel zu geben, als nur als ein weiterer Abramovich-Rausschmiss in Erinnerung zu bleiben.

Eure Meinung: An was ist Villas-Boas letztlich gescheitert?


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