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Atletico Madrid: Diego Simeones Pressingmaschine

Die Rojiblancos sind mit dem Einzug ins Champions-League-Halbfinale an ihrem vorläufigen Höhepunkt angelegt. Diego Simeone formt ein starkes Kollektiv.

ANALYSE
Von Constantin Eckner

Diego Simeone hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Seine Haare sitzen genauso wie seine Kleidung stets akkurat. Der argentinische Trainer, einst ein aggressiver Mittelfeldspieler, verkörpert Präzision und Leidenschaft und überträgt dies auf seine Mannschaft. Mit Atletico Madrid steht er nicht alleine in der Primera Division an der Tabellenspitze, überdies kämpft er gegen den FC Chelsea um den Einzug in das Finale der Champions League (20.45 Uhr im LIVE-TICKER bei Goal).

Dieser Erfolg ist in erster Linie nicht großen Einzelspielern zu verdanken. Natürlich verfügt man mit Diego Costa oder Koke über gewisse Ausnahmekönner. Doch das Kollektiv ist entscheidend - und bei den Colchoneros ist dies nicht nur eine leere Phrase. Laufarbeit, Disziplin und der Mut, einen Gegner bis zur Erschöpfung zu bearbeiten, zu Fehlern zu zwingen, all das prägt dieses Team.

Europaweit bekannt ist der spanische Hauptstadt-Klub gerade für eine ganz besonders variable Pressingmaschinerie, in dessen Maschinenraum nicht nur Simeone die Hebel in der Hand hält, sondern auch auf loyale Arbeiter wie Kapitän Gabi gebaut wird.

 

VIERTELFINAL-HINSPIEL: FC BARCELONA - ATLETICO MADRID
Links ist die taktische Formation der Madrilenen in der ersten halben Stunde zu sehen, wo Atletico hoch presste. Die letzte halbe Stunde des Spiels mit Atleticos tiefem Mittelfeldpressing sieht man auf dem rechten Bild.

*Grafiken von Opta

 

Die drei Stufen des Pressings

Dabei staffelt sich das Atletico-Pressing in drei verschiedenen Konstellationen. Beim Viertelfinal-Duell mit dem FC Barcelona in der Königsklasse zeigte sich dies sehr anschaulich. So agierten die Madrilenen in der Anfangsphase im Camp Nou äußert hoch und zerstörten zeitweise den gegnerischen Aufbau durch hohes Angriffspressing. Zuweilen rückten fünf Mann auf und erzwangen schnelle unkontrollierte Abspiele, die die dahinter gestaffelten Kollegen aufnehmen konnten und somit schon in der Hälfte Barcas umschalteten.

Selbstverständlich ist jenes Angriffspressing mit dem Risiko verbunden, überspielt zu werden. Andererseits tritt Atletico mit der absoluten Überzeugung auf, den Rivalen regelrecht einzuschnüren. Außerdem wird geschlossen aufgerückt, im Raum hinter der Pressinglinie abgesichert sowie auf unkontrollierte Befreiungsschläge gelauert. Simeone setzt diese erste Pressingvariante nur phasenweise ein und lässt sein Team in der Folge wieder tiefer positionieren.

Der La-Liga-Tabellenführer geht danach in aller Regel in ein variables, hohes Mittelfeldpressing über, wobei die beiden Angreifer als Raumblocker fungieren und sich in der Nähe der zweiten Linie auf einen etwaigen Konter vorbereiten. Die eigene Mittelfeldreihe steht sehr eng und verschiebt kohärent in Richtung Ball. Es ergeben sich selten längerfristige Mannorientierungen. Vielmehr steht die Raumverteidigung im Vordergrund. In der Nähe des Ballführenden wird aggressiver angelaufen. Die beiden Außenspieler, vor allem aber Koke, nehmen ballfern jeweils sehr zentrale Positionen ein und sind teilweise auf Höhe des Mittelkreises. Dies geschieht allerdings nur in Verbindung mit wachsamen und partiell aufrückenden Außenverteidigern, die dann den gegnerischen Flügelspieler im Blick haben und rasch herausrücken.

So ergibt sich zumeist ein etwas ungewohntes Bild. Denn die Abwehrreihe steht häufig breiter als das Mittelfeldband. Die Kompaktheit wird nicht durch ein trichterförmiges Zusammenziehen der Mannschaft hergestellt, sondern erfolgt durch die Verschiebemechanismen und das ständige Anlaufen. Überfallartig gehen dann von Zeit zu Zeit mehrere Atletico-Spieler auf den Ballführenden los und versuchen aggressiv, ohne Foulspiel, ins Umschalten zu kommen.

Die konsequentere Verteidigungsmannschaft

Kann der Gegner allerdings durch sehr geduldiges Passspiel immer mehr Räume gewinnen, neigt Simeones Team zum sehr tiefen Rückzug. Gegen den FC Barcelona hat man in dieser Situation versucht, die Katalanen auf die Flügel zu leiten und dadurch ungünstige Flanken zu erzwingen. Gegen einfallslose Mannschaften, die selten Durchbrüche über die Halbräume schaffen, kann Atletico mit dieser Maßnahme in vielen Fällen die Anzeigetafel sauber halten.

Im Duell mit dem FC Chelsea treffen laut weitläufiger Meinung die zwei defensivstärksten Truppen der Champions League aufeinander. Auch Jose Mourinho bevorzugt gegen starke Gegner einen Konterfokus und das Verbarrikadieren des eigenen Strafraums. Doch beim Aufeinandertreffen der Arbeiter aus Madrid und der Pragmatiker aus London scheint die Defensivstrategie der Spanier die intensivere zu sein. Atletico attackiert und verteidigt unablässig, gönnt sich keine Pausen, wie es Mous Schützlinge häufiger tun.

Urgewalt Diego Costa

Zudem haben die Spanier neben ihrem hohen Pressing auch die Taktik des "Busparkens" nahezu perfektioniert und sehen phasenweise unüberwindbar aus. Im Konterspiel leben sie zudem von Spielern wie Diego Costa oder Arda Turan. Gerade Ersterer kann aus tiefen Positionen heraus steil geschickt werden, behauptet mit seinem kräftigen Körper und seiner ansprechenden Verarbeitung das Spielgerät gegen einen oder mehrere Gegenspieler.

DIEGO COSTA - CHAMPIONS LEAGUE 2013/14
Einsätze
Tore
Vorlagen
Ballkontakte pro Spiel
Zweikampfquote
Passquote
Passquote im offensiven Drittel

*Daten von Opta
6
7
1
43,2
42,17%
76,06%
66,18%


 

Soll der Ball vorn gehalten werden, ist der gebürtige Brasilianer ein nahezu optimaler Kandidat für diese Aufgabe. 2007 kam er für 1,5 Millionen Euro nach Madrid, war oft verliehen und lange für sein ungezügeltes Temperament und eine größere Sammlung an Platzverweisen bekannt. Er ist noch immer kein Kind von Traurigkeit, kann aber seine Grundaggressivität mittlerweile besser kanalisieren und in Kombination mit David Villa in der vordersten Reihe für viel Durchschlagskraft sorgen.

Zusätzlich haben Turan, Koke oder auch Winterneuzugang Diego oft genug bewiesen, dass sie selbst in statischeren Situationen, wenn der Gegner nicht durch einen Ballgewinn überrascht wird, gefährliche Durchbrüche schaffen und viel freies Feld vor sich haben.

Atletico sucht meist sehr schnell den Abschluss und verhindert auch ungünstige Ballverluste und gegnerische Konter. Läuft einmal ganz wenig zusammen, können die Rojiblancos immer noch nach Standardsituationen treffen. Schon 25 Tore verbuchten sie wettbewerbsübergreifend in dieser Saison nach ruhenden Bällen.

Mourinho ist gewarnt

Gegen Chelsea könnte ein entscheidender Kniff im Bespielen der Räume hinter den Außenverteidigern, Cesar Azpilicueta, Ashley Cole oder Branislav Ivanovic, liegen. Sie rücken im Spielaufbau auf, lassen größere Lücken im Rücken, während sich eine Dreierkette mit abgekipptem Sechser dahinter bildet, die eng steht. Diese letzte Chelsea-Reihe kann an sich gut isoliert werden. Eine Pressingfalle im Mittelfeld, wo man bewusst eine Passstation im Zentrum als Angebot an die spielaufbauenden Londoner verwaisen lässt, um dann überfallartig zu attackieren, und schon kann rasch aus der Tiefe heraus diese Zone mit einem präzisen Pass angespielt werden. Allerdings ist sich Mourinho einer solchen Gefahr natürlich bewusst.

Genauso weiß der portugiesische Trainer, dass bei steilen Kontern seine Abwehrreihe zu tiefen Stellungen neigt und sich Lücken bilden können, wenn die Nachrückbewegungen aus dem Mittelfeld auf sich warten lassen. Insofern spricht vieles dafür, dass er seine Mannen auf größtmögliche Kompaktheit einstellen und selbst versuchen wird, das spanische Pressing mit eigenen Gegenpressing-Staffelungen zu bekämpfen.

Am Dienstag erwartet die Fans wohl keineswegs ein Leckerbissen an Offensivfußball mit großen Räumen und zahlreichen Torchancen. Aber es kann ein Kräftemessen auf taktisch höchstem Niveau werden. Atletico hat die Chance, eine hervorragende Saison mit weiteren Erfolgen zu krönen. Simeone gewann als Spieler einst in der Saison 1995/96 das Double mit seinem jetzigen Arbeitgeber. Er hat den Klub nach seiner Amtsübernahme 2011 besonders geprägt, ihn zum Europa-League-Sieg geführt und beweist aktuell beeindruckend, dass ein Kollektiv wichtiger als seine Einzelteile sein kann.

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