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Leipzig spiegelt die Entwicklung des Ostfußballs wohl wie kaum eine andere Stadt in der ehemaligen DDR wider: Eine Stadt zwischen Tradition und modernem Fußballkapitalismus.

Leipzig. Vor einer Woche trafen der 1. FC Lokomotive Leipzig von Marco Rose und RasenBallsport Leipzig zum Stadtderby aufeinander. Es ging weit mehr als um die Vorherrschaft in der Messestadt, die lag und liegt bei jenem Klub, der Ralf Rangnick als Sportdirektor hat. Es ging um die Ehre und noch viel mehr. Es ist ein Duell Tradition gegen modernen Kapitalismus, das weit über dieses eine Spiel hinaus geht.

Erster deutscher Meister gegen den schon lange gefühlten Meister

Der Fußball in Leipzig spiegelt wohl die Entwicklungen im Osten der Republik stellvertretend sehr gut wider. Die Traditionen gehen zurück bis weit in das letzte Jahrhundert. Der VfB Leipzig war 1903 der erste deutsche Meister, sein Nachfolger Lokomotive Leipzig ist weit davon entfernt. In der Messestadt wurde der Deutsche Fußball-Bund gegründet. Ausgerechnet hier dümpelt der beliebteste Sport der Deutschen vor sich hin. Nicht nur, dass es ein Engagement des österreichischen Getränkeherstellers gab, auch der Niedergang des Teams aus Probstheida heizte das Duell auf.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist Lok Leipzig wieder in Richtung Profifußball unterwegs und in der vierten Liga angekommen. Sie sind froh, in der Regionalliga spielen zu dürfen, dort, wo RB schon lange weg sein wollte. Als Red Bull vor Jahren die Absicht äußerte, in den Leipziger Fußball einzusteigen, überraschten sie die Chefs der Traditionsklubs Sachsen Leipzig und Lok Leipzig. Die Fans beider Seiten wollten keine Zusammenarbeit, so kam es, dass es Sachsen inzwischen nicht mehr gibt und Lok noch immer das liebe Geld fehlt. Nun wird RB Leipzig nahezu bei jedem Spiel mit Schmährufen empfangen, auch am Sonntag war es nicht anders. 

„119 Jahre Leipziger Fußballtradition“ und Duell im „Stadion der Hunderttausend“

Im Zentralstadion, das selbst vor Tradition nur so strotzt, zeigten die Fans des 1. FC Lok eine Bande mit der Aufschrift „119 Jahre Leipziger Fußballtradition“, die Choreografie der „Roten Bullen“ war dagegen machtlos. Lediglich ein paar weiße und rote Schilder sollten die neuen Farben in der Stadt zeigen. Der Spielort selbst ist ein wichtiger Bestandteil eben jener Tradition, auf die Lok so stolz ist. Das Stadion war bis zu dessen Umbau das größte Europas und wurde nicht umsonst „Stadion der Hunderttausend“ genannt. Der bis heute gültige Zuschauerrekord für Fußballpunktspiele in Deutschland wurde bei einem Derby zwischen SC Rotation Leipzig und Lok aufgestellt. Offiziell waren 100.000 Zuschauer vor Ort im Stadion. Auch das legendäre Fritz-Walter-Tor am 6. Oktober 1956 ereignete sich im Zentralstadion. Heute heißt es Red-Bull-Arena, was in den Fanszenen Leipzigs auch immer wieder den Österreichern vorgehalten wird und bei den Leipzigern das Zentralstadion geblieben ist.

Vor dem Spiel gab es nicht nur in den Fanforen einige Bemerkungen, die nicht ausgesprochen werden wollen. Selbst junge Fans wurden von eingefleischten Lokisten „angesprochen“ und sollten über das Fandasein belehrt werden. Es herrschte eine gefährliche Stimmung in Leipzig. Die Polizei war auf alles gefasst, doch es kam gar nicht so schlimm, wie es wohl alle erwartet hätten. Nach dem Spiel gab es nur minimale Ausschreitungen, die wohl auch bei einem Spiel zwischen Gladbach und Köln nicht anders gewesen wären. Einige Fans pöbelten die Polizei an und diese setzte auf das bekannte Mittel, Wasserwerfer. 

Wie sehr die Stimmung von diesem Spiel beeinflusst wurde, zeigt die Reaktion von Daniel Frahn, RB-Kapitän und nun umso mehr Feindbild der Lokisten. Er beschuldigte Fans des Rivalen, Kinder und Rentner geschlagen zu haben. Erst später stellte er klar, dass dies nicht alles so war, wie er es sagte. Es ist nur ein Beispiel für den „Hass“, der RB und seinen Anhängern entgegenweht, den sie nun anscheinend auch zurückgeben. Bei Spielen des Aufstiegsaspiranten wird es wohl noch eine Weile Schmähgesänge geben.

Die vergangenen Spielzeiten haben bewiesen, dass nicht ein großer Geldgeber allein reicht, um in den Profibereich zu gelangen. Die Partie spiegelte die Entwicklungen, die Geschichte und die Zukunft des Fußballs in Leipzig und stellvertretend dessen im Osten wider. Ein ambitionierter Geldgeber will einen Klub nach oben führen und ein auf Tradition bauender Verein will zumindest die zweite Macht werden. Es war nicht einfach ein Duell zweier Klubs, die in einer Stadt beheimatet sind. Es war ein Duell der glorreichen, aber auch längst vergangenen Tradition des einen, gegen die glorreiche Zukunft, die der andere Klub so dringend haben will.

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