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Auf den Spuren der Bender-Zwillinge: Josef Steinberger über die Jugendarbeit bei 1860 München

Auf den Spuren der Bender-Zwillinge: Josef Steinberger über die Jugendarbeit bei 1860 München

Fabian Roßmann

1860 München ist deutschlandweit für seine gute Jugendarbeit bekannt. Wir sprachen mit Josef Steinberger, der die Talente der "Löwen" schleift.

EXKLUSIV
Von Fabian Roßmann

München. Nachdem Josef Steinberger (40) mehr als fünf Jahre den Nachwuchs von Jahn Regensburg als Trainer und Nachwuchs-Leiter geprägt hatte, entschloss er sich im Sommer 2012 zu einem Wechsel als Trainer in die hochgelobte Talentschmiede des TSV 1860 München. In diesem Sommer steigt er von der U17 der "Löwen" in die U19 auf. Im Interview mit Goal sprach Steinberger über den anstrengenden Job des Fußballlehrers und worauf bei der Ausbildung junger Talente besonders zu achten ist.

Herr Steinberger, Sie sind jetzt seit einem Jahr im Nachwuchsleistungszentrum des TSV 1860 tätig. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Steinberger: Sehr positiv. Ich bin sehr zufrieden, sowohl mit der Zusammenarbeit der Trainer untereinander als auch insgesamt im Nachwuchsleistungszentrum und mit der Verbindung zum Profibereich mit den regelmäßigen Trainersitzungen von Profis, U21, U19 und U17 – das läuft perfekt. Sportlich war die Saison auch erfolgreich, auch wenn wir zum Schluss hin ein wenig nachgelassen haben, was aber bedingt dadurch war, dass wir sehr viele verletzte Spieler und zum Schluss die Top-Gegner hatten und dann die letzten paar Prozent gefehlt haben, um vielleicht auch wirklich bis zum Schluss um den Einzug ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft mitzuspielen zu können. Aber wenn man die Ausgangslage vor der Saison nimmt, dann war klar, dass wir frühzeitig den Klassenerhalt sichern wollen. Das, denke ich, ist uns eindrucksvoll gelungen und deswegen können wir da sehr zufrieden sein.

Also sind Sie mit dem sechsten Platz, der es am Ende wurde, zufrieden?

Steinberger: Am Anfang der Saison hätte das jeder hier im Verein unterschrieben. Zum Schluss war es natürlich so, dass man dann auch ein bisschen enttäuscht war. Ich glaube, dass nach dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt, das wir in der letzten Minute verloren haben, jedem bewusst geworden ist, dass es für das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft nicht reichen wird. Dann geht ein Stück weit die Spannung verloren. Deswegen glaube ich trotz allem, dass wir schon eine sehr gute Saison gespielt haben. Wir haben unter anderem den VfB Stuttgart und den SC Freiburg geschlagen und gegen fast jeden Gegner gepunktet. Man war in den letzten Wochen vielleicht schon ein wenig enttäuscht, aber man muss auch die Ausgangslage sehen und insgesamt kann man sehr zufrieden damit sein.

KÄMPFERISCHE LÖWEN


"1860 ist ein Arbeiterverein und dementsprechend wollen wir unsere Spieler auch haben. Dass sie die nötige Mentalität haben, die nötige Bereitschaft, alles dafür zu geben, Freizeit oder solche Dinge auch zu opfern und auf dem Platz auch im wahrsten Sinne des Wortes bissig wie Löwen sind."
- Josef Steinberger
Der 1860-Nachwuchs genießt einen ausgezeichneten Ruf. Was wird bei den Löwen besonders gut gemacht?

Steinberger: Es kommt sicher nicht von Ungefähr, dass die letzten zehn Jahre sehr viele Talente von Sechzig den Durchbruch, sowohl hier als auch bei anderen Vereinen, geschafft haben und jetzt Nationalmannschaft oder Champions League spielen. Das hat schon viele Gründe. Zum einen, dass die Spieler gut gesichtet werden, dass hier gute Trainer arbeiten und dass die Spieler auch schon frühzeitig die Löwen-Mentalität eingeimpft bekommen. Heutzutage ist Talent allein nicht mehr alles, sondern man muss sich vieles hart erarbeiten. Und 1860 ist ja bekanntermaßen ein Arbeiterverein und dementsprechend wollen wir unsere Spieler auch haben. Dass sie die nötige Mentalität haben, die nötige Bereitschaft, alles dafür zu geben, Freizeit oder solche Dinge auch zu opfern und auf dem Platz auch im wahrsten Sinne des Wortes bissig wie Löwen sind. Und dann, denke ich, ergibt das irgendwann im Laufe der Jahre, dass sich die Talente auch nach oben durchsetzen.

Sie sind jetzt nach einem Jahr von der U17 in die U19 aufgestiegen. Wo wollen Sie noch hin, Sie haben bislang nur die A-Trainer-Lizenz.

Steinberger: Man kann im Fußball nicht großartig nach vorne planen. Ich bin momentan damit zufrieden, wie es ist, mit der Position, die ich habe. Aber ich werde mich voraussichtlich für das nächste Jahr für den Fußballlehrer bewerben und dann muss man abwarten. Der Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Von daher will ich nicht zu weit in die Zukunft schauen, sondern hier einen guten Job machen, mit der U19 eine gute Platzierung erreichen und die Spieler weiterbringen. Möglichst so, dass viele dann nach dem Jahr bei der U19 in die U21 oder möglicherweise auch zu den Profis übernommen werden.

Wer entscheidet, ob ein Talent in die höhere Altersklasse übernommen wird? Haben Sie als Trainer ein Mitspracherecht?

Steinberger: Es ist so, dass die Kaderplanungen schon immer frühzeitig im September beginnen. Dann setzen sich der Jahrgangstrainer, der nächste Trainer, der Chefscout und Wolfgang Schellenberg als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums zusammen und in diesem Gremium wird dann entschieden, wer den Sprung in die nächste Jahrgangsstufe schafft oder auch nicht.

Was zählt am Ende mehr: Talent oder Charakter?

Steinberger: Das Paket muss einfach stimmen. Wir haben sechs Talentkriterien, da sollte man überall gut sein und möglichst in einem oder zwei herausragend. Wenn ich in drei herausragend bin, aber eben nicht die nötige Disziplin oder den entsprechenden Charakter habe, dann ist das auch schwierig.

Was muss ein Talent leisten, damit Sie zufrieden mit ihm sind?

Steinberger: Grundsätzlich ist es so, dass ein Spieler einfach bereit sein muss, dafür zu arbeiten, wenn er im Fußball was erreichen will oder Profi werden will. Er braucht auch Eigenmotivation, muss bereit sein, Freizeit zu opfern. Er muss auch einmal verzichten und „Nein“ sagen können, wenn die Kumpels was vorhaben. Dann geht das halt bei einem Leistungsfußballer nicht. Er muss auf jeden Fall diszipliniert sein, damit er den Aufwand Schule und Fußball leisten kann. Das bedingt auch ein gutes Zeitmanagement, die Jungs sind richtig ausgelastet. Wenn einer ins G8 geht plus fünf, sechs, sieben Trainingseinheiten pro Woche, dann bleibt nicht mehr viel Zeit für was Anderes. Das muss eben ein junger Spieler auch bereit sein zu opfern und an seinen Schwächen zu arbeiten, an seine Stärken zu glauben. Dann ist es so, dass man in der Regel auch zufrieden ist.

Wie sieht Ihr Alltag als Juniorentrainer aus?

Steinberger: Der schaut wahrscheinlich anders aus, als sich das viele vorstellen. Das ist ein Fulltime-Job, du bist 60 bis 70 Stunden die Woche beschäftigt, bei Auswärtsspielen bist du das komplette Wochenende weg. Wir haben einen freien Tag in der Woche. Du hast deine Trainings vormittags mit den Leistungssportklassen in der Schule, dann musst du das Training und die Spiele vor- und nachbereiten, die Datenbank führen. Von daher glaube ich, dass sich das viele immer zu einfach vorstellen, nur abends ein bisschen Training zu halten. Das ist nicht so. Du kommst morgens meist um neun Uhr hierher und gehst abends nach dem Training wieder um halb neun oder neun nach Hause. Das ist ein Fulltime-Job, der aber auch Spaß macht.

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Und was macht am meisten Spaß an der Arbeit mit den jungen Spielern?

Steinberger: Das ist schwierig zu beurteilen. Natürlich ist es für einen Trainer schön, wenn man sieht, ein Spieler entwickelt sich weiter, der nimmt was an, der spielt bei einer Auswahl, der wird in die nächsthöhere Stufe übernommen oder er wird dann bei uns im Laufe der Zeit Profi. Es ist natürlich auch schön, wenn du am Wochenende Spiele gewinnst. Ich denke, unser Aufgabengebiet ist sehr vielfältig. Am meisten Spaß macht alles, wenn man erfolgreich ist.

Viele der Talente leben hier im Internat, zum Teil hunderte Kilometer von Zuhause entfernt. Inwiefern sind sie nicht nur Trainer sondern auch Erzieher?

Steinberger: Nun gut, die Internatsspieler sind jetzt natürlich nicht nur auf mich angewiesen. Wir haben mit Maurice Navarro einen Pädagogen, der eine entsprechende Ausbildung hat und für das Internat zuständig ist. Dann haben wir mit Herrn Schellenberg einen Leiter des NLZ, wir haben die Moni und die Gisela in der Küche. Von daher glaube ich schon, dass die Spieler hier gut versorgt sind, aber klar ist auch, dass man als Trainer natürlich schon viel Zeit mit den Jungs verbringt, viel Einfluss nehmen kann und dessen sollte man sich auch bewusst sein. Ich denke schon, dass man den Jungs auch wichtige Dinge außerhalb des Fußballs mit auf den Weg geben kann und soll.

Was denken Sie, wenn ein Talent schon im Alter von 12, 13 Jahren mit einem Berater zu Gesprächen kommt?

Steinberger: Das ist jetzt ein heikles Thema. Ich persönlich bin der Meinung, dass man frühestens ab der U17 einen Berater braucht. Aber der Fußball ist mittlerweile in allen Bereichen ein Haifischbecken. Und so wie die Vereine versuchen, die besten Talente zu bekommen, ist es letztendlich auch bei den Beratern ein Konkurrenzkampf. Von daher ist es ganz schwer, das zu beeinflussen. Aber rein aus sportlicher Sicht ist es eigentlich nicht nötig, dass ich mit 12, 13 Jahren einen Berater habe. Wenn’s dann ans Eingemachte geht, also sprich ab der U17, dann ist das möglicherweise gar nicht schlecht, wenn es dann um Verträge und Sonstiges geht, dann kann ein Berater schon sehr vorteilhaft sein. Wobei man da natürlich auch wieder ein bisschen unterscheiden muss. Es gibt sicher ganz unterschiedliche Arten von Spielerberatern. Ich denke, da muss eben jeder auch seine Auswahl selber treffen. Und wenn man einen Berater hat, dann sollte sich der auch entsprechend um den einzelnen Spieler kümmern können.

Spielt das Theater in der Führungsetage mit Investor Hasan Ismaik eine Rolle für die Jugendarbeit?

Steinberger: Grundsätzlich bekommen wir das Ganze auch nur am Rande mit, mehr über die Medien. Ich verfolge das auch gar nicht so richtig. Ich persönlich kann im Jugendbereich überhaupt nichts erkennen, dass wir da Probleme hätten oder dass uns das belasten würde. Wir können da ohne Probleme arbeiten und haben damit eigentlich nichts zu tun. Ich selber war auch fünf Jahre bei Jahn Regensburg und habe da schon einiges miterlebt. Von daher gehe ich mit der ganzen Sache relativ relaxed um und halte mich da auch raus, weil ich das erstens nicht genau beurteilen und zweitens nicht beeinflussen kann. Für mich ist wichtig, dass ich meinen Job gut mache und alles andere ergibt sich dann von selbst.

Gibt es Talente, wo sie sagen: Die sind richtig gut, die haben eine große Chance, den Sprung zu schaffen?

Steinberger: Wir haben im gesamten Jugendbereich einige Talente, die den Sprung nach oben einmal schaffen können. Einzelne Namen will ich da aber jetzt nicht nennen, weil da so viel dazu gehört. Da können Verletzungen oder etwas Anderes dazwischen kommen. Die haben sowieso alle genug Druck und da muss man jetzt nicht noch zusätzlich Druck aufbauen. Ich denke, dass sich da keiner Sorgen machen muss und auch in den nächsten Jahren immer wieder Talente den Sprung in die U21 oder zu den Profis schaffen werden.

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