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Kapitän Bastian Schweinsteiger: Joachim Löws kalkuliertes Risiko

Schweinsteiger wurde als Gesicht der EM 2016 auserkoren. Das ist logisch und gefährlich zugleich. Wie die Assistenten-Entscheidung passt sie jedoch in das Löw’sche Profil.

KOMMENTAR
Von Christoph Köckeis

Düsseldorf. Vertrauen. Loyalität. Zuverlässigkeit. Für Joachim Löw sind dies überaus gewichtige Worte. Seit 2006, zunächst als Co-Trainer, später in der Alleinverantwortung, verkörpert er sie. In all dem, was er tut und macht. Auch an diesem Donnerstag. "Bastian Schweinsteiger", sagte er gelassen, "wird neuer Kapitän." Seit Jahren pflege er ein "vertrauensvolles Verhältnis". Dieser sei ein absoluter Leader, ein guter Kommunikator. Jemand, auf den er sich immer verlassen konnte.

Etwa im WM-Finale. Von Krämpfen geplagt und mit einer blutenden Wunde unter dem Auge, tat der Bayern-Star, was von ihm erwartet wird. Er opferte sich auf, war der Boss, eine wahre Autorität auf dem Rasen. "Ich weiß: Er ist immer da, wenn ich ihn brauche", so Löw. Am Mittwoch, beim freundschaftlichen Wiedersehen mit Argentinien nicht. Am Sonntag, zum Auftakt der EM-Quali ebenso wenig. Schweini fehlt verletzt. Seit Januar zickt die Patellasehne. Noch vor zwei Wochen gestand er, war nicht mal an laufen, an springen zu denken. Der störrische Körper mal wieder.

LÖW ÜBER SCHNEIDER-ENGAGEMENT
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Mit 30 Jahren nähert sich der Mittelfeldstratege dem ruhmreichen Karriereherbst. 108 Länderspiele hat er mittlerweile auf dem Buckel. Im Zirkel der Führungspersönlichkeiten mit Manuel Neuer (28), Thomas Müller (24), Sami Khedira (27) und Mats Hummels (25) ist er Dienstältester. Löw traf nach Philipp Lahms Rücktritt deshalb eine logische Wahl. Aber eine, mit Risiko. Das offenbarten mitunter die Wortspenden aus dem Publikum. So fragte ein Reporter berechtigterweise: "Was ist, wenn Schweinsteiger doch längere Zeit ausfällt?"

Neue, ungeliebte Pflichten

Löw antwortete: "Wir haben in unserem neuen Spielerrat gestandene Persönlichkeiten, die jederzeit das Amt ausüben können." Vorerst trägt Neuer die Binde. Einen klaren ersten Adjutanten hinter dem Captain ließ sich Löw nicht entlocken. Er möchte sich nicht festlegen. Bislang wurden die Gewalten geteilt. Hier Lahm, der besonnene Diplomat, der öffentliche Bedürfnisse stillte. Dort sein medienscheuer Vize. Gemeinsam legten sie in Brasilien, bei der WM, schließlich ihr Meisterstück ab. Der Titel krönte ihre Karrieren. Ihren Führungsstil.

Nun warten auf Schweinsteiger ungeliebte Pflichten. Er ist der neue Repräsentant, das Gesicht sowie Sprachrohr zugleich. Früher, als junger Wilder, debattierte er mit der Journaille über Noten, stieß sich die Hörner ab. Fortan sprach er selten. Bei Pressekonferenzen, ja. In der Mixed Zone schwieg lieber er, ließ andere jubeln, sich rechtfertigen. Die Medienprofis Neuer, Hummels, Müller, oder eben Lahm. "Ich weiß, dass nun weitere Verpflichtungen dazukommen werden, insbesondere außerhalb des Platzes", ließ Schweinsteiger verlauten.

Eine typische Löw-Entscheidung

Löws Rückendeckung und jene der Mannschaft hat er. Die kapitänsunwürdigen BVB-Schmähgesänge hat ihm gar Kevin Großkreutz, ein Ur-Dortmunder, verziehen, nachdem sie während der WM Freundschaft schlosen. "Basti genießt große Akzeptanz. Zudem vereint er alle Spieler hinter sich - egal, welchen Alters, egal, in welchem Verein sie spielen", so Löw. Er stärkte mit Schweinsteiger wie gewohnt einen Vertrauten, holte sich mit Thomas Schneider eine weiteren ins Boot. Der ehemalige VfB-Coach tritt Hansi Flicks Erbe an. Seine Beförderung überraschte, wenngleich sie Löws Dogma perfekt entsprach.

"Er hat eine eigene Meinung, einen starken Charakter." Viel wichtiger allerdings: In den Gesprächen hätte sich herauskristallisiert, dass "die Idee vom Fußball" sehr ähnlich wäre. In Stuttgart lernten sie einander kennen und schätzen. Schneider kickte damals unter dem nunmehrigen Bundestrainer. Nun erweitert er dessen Wohlfühlumfeld. "Thomas ist loyal", begründete der DFB-Coach. "Ich vertraue ihm hunderprozentig." Typisch Löw.

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