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Vor dem Spiel gegen Paraguay hatte Joachim Löw die Abwehr selbst als größte Baustelle ausgerufen. Die erschreckende Defensivleistung beim 3:3 redete er dann plötzlich schön.

Kaiserslautern. Nach dem Schlusspfiff blieb Joachim Löw lange auf seiner Trainerbank sitzen und starrte ins Weite. Noch ist die WM am Zuckerhut fern, zunächst einmal steht der Bundestrainer vor einem Berg von Problemen. Beim 3:3 (2:3) zum Auftakt der WM-Saison bekamen Löw und seine Spieler zehn Monate vor der WM schonungslos ihre Schwächen aufgezeigt - und das von Paraguay, als Weltranglisten-49. hinter Albanien, Panama oder Kap Verde platziert.

Größte Baustelle ist und bleibt die Abwehr, die auch in vermeintlicher Bestbesetzung erschreckend schwach agierte. Doch das Defensiv-Problem ist eines der gesamten Mannschaft. Sie hat die Offensiv-Philosophie ihres Trainers verinnerlicht, vielleicht zu gut. Dieses Team der Hochbegabten will stürmen, zaubern und glänzen - und vergisst dabei elementare Tugenden.

Löw schützt seine Spieler 

Öffentlich legte Löw am Mittwoch auf dem Kaiserslauterer Betzenberg die schützende Hand über seine Spieler. Er sprach zwar von "elemantaren Fehlern" und "Dingen, die nicht funktioniert haben", kam aber dennoch zu dem Schluss: "Es wird nicht in diesem Maße so weitergehen, weil wir uns stabilisieren werden. Ich bin überzeugt, dass wir alle zusammen im September eine bessere Form zeigen."

Wenn das Team in zweieinhalb Wochen in München für zehn Tage und die entscheidende Phase der WM-Quali zusammenkommt, wird Löw seine Spieler aber aller Voraussicht nach mit eindringlichen Worten und ausgiebigem Video-Studium piesacken. "Wir werden die Fehler der Mannschaft und den betreffenden Spielern noch mal zeigen", kündigte der 53-Jährige an: "Die Defensive war schon in den letzten Tagen ein wichtiges Thema bei uns. Und da werden wir nicht nachlassen."

Dies ist auch dringend nötig. Denn nach neun Gegentoren in den letzten drei Länderspielen gegen international zweitklassige Gegner schrillen die Alarmglocken. Der bemitleidenswerte Torhüter Manuel Neuer ist jedenfalls schon mächtig frustriert. "Das war ein echter Warnschuss", mahnte der Bayern-Keeper: "Wenn wir in Brasilien eine gute Rolle spielen wollen, müssen wir uns enorm verbessern."

"Auf die leichte Schulter genommen" 

Zudem erkannte der 27-Jährige auch ein Einstellungsproblem: "Wir haben das vielleicht etwas auf die leichte Schulter genommen." Ein Problem, das über das Spiel gegen den abgeschlagenen Letzten der Südamerika-Qualifikation hinauszuwirken scheint. Die Löw-Elf im Jahre 2013 scheint zu sehr auf ihre Stärken zu vertrauen und die Schwächen zu unterschätzen.

Kapitän Philipp Lahm sah vor allem Abstimmungsprobleme und beschwichtigte: "Beim nächsten Mal haben wir ja fünf Tage Zeit, um uns vorzubereiten." Miroslav Klose verwies darauf, "dass unser System eben offensiv ausgelegt ist und wir es immer wieder schaffen, schönen Fußball zu spielen". Per Mertesacker zeigte sich "dennoch ganz zuversichtlich, denn vor der WM 2006 hatten wir viel mehr Baustellen". Lars Bender mahnte, es sei falsch, "nun eine Fehleranalyse zu machen". Und Lukas Podolski schließlich erklärte: "Man darf nicht alles schlechtreden."

Doch einfach mal die individuellen Fehler abstellen, wie sie Mats Hummels (zweimal) und Sami Khedira bei den Gegentoren von Ariel Nunez (9.), Wilson Pittoni (13.) und Miguel Samudio (45.+1) fabrizierten, etwas frischer und etwas länger zusammen sein - so einfach lassen sich die Probleme des Weltranglisten-Zweiten nicht lösen.

Vernachlässigung der Defensivarbeit 

Dass sogar Innenverteidiger Hummels seine stärksten Szenen in der Offensive hatte, dass die beiden "Sechser" Ilkay Gündogan (18.) und Lars Bender (76.) trafen (dazu noch Thomas Müller/31.) - auch das zeigt, dass in dieser Mannschaft alle offensiv denken und die Balance nicht stimmt. Ganz davon zu schweigen, dass Offensiv-Akteure wie Marco Reus oder Mesut Özil die Defensivarbeit so sehr vernachlässigen, dass Löw sogar schon anmahnte, man müsse die Ausbildung in Deutschland überdenken.

An seinem offensiven Grundgedanken will der Bundestrainer aber festhalten. Kapitän Lahm reagierte auf eine entsprechende Frage sogar mit beißender Ironie: "Genau, dann spielen wir so wie Griechenland bei der EM." Die Erwartungshaltung in Deutschland sei eben hoch, "und daran sind wir selbst schuld - durch unsere Leistung in den letzten Jahren. Wir haben viel getan für den Fußball in Deutschland und die Euphorie, die in diesem Lande herrscht. Wir haben erfolgreich gespielt, wir haben teilweise begeistert."

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