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Der Bundestrainer muss sich im kommenden Jahr wichtigen Entscheidungen stellen. Während das Leistungsprinzip oft als Aktionismus fehlverstanden wird, behält Löw den Überblick.

Frankfurt. „Wenn mal drei, vier Spieler ausfallen, ist es gut zu wissen, dass ich noch Kandidaten in der Hinterhand habe. Das ist ein gutes Gefühl“, sagte der Bundestrainer kürzlich im Interview mit Welt Online. Joachim Löw dürfte derzeit beim Blick auf den eigenen Kader ein breites Lächeln auf den Lippen haben. Andererseits sind aber auch Komplikationen mit einer derart großen Vielzahl von Stammspielern und Ersatz-Stammspielern verbunden. Es bringt gar nichts, sich etwas vorzumachen: Fußball-Profis sind eitel. Und wenn die Europameisterschaft 2012 ruft, dann wollen alle Kicker dort auch vertreten sein - nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Aber nur eine kleine Auswahl kann es schaffen. Eine Auswahl, die der Bundestrainer wählen muss.

Persönliche Schicksal steht hinten an

Schon deshalb ist es absolut klar, dass der nette Herr, der im beschaulichen Schwarzwald das Licht der Welt erblickte, nicht immer nur nett sein kann. Wirkt er in Interviews und bei öffentlichen Auftritten immer so eloquent, muss er hinter den Kulissen auch die harte Hand walten lassen. Durch den Konkurrenzkampf könne man das Niveau der Mannschaft heben, sagte er im Interview mit Welt Online: „Das ist wichtiger als das persönliche Schicksal.“ Knallhart zum EM-Titel in der Ukraine und Polen? Klar ist in jedem Fall, dass sich die deutschen Nationalspieler in der anstehenden Rückrunde zu keinem Zeitpunkt hängenlassen dürfen. Ein Formtief vor dem großen Turnier; es wäre ein Desaster.

Ein Trio ist gesetzt

Letztlich können sich nur ganz wenige Spieler ihres Platzes in der Mannschaft sicher sein. Namentlich ist es wohl nur ein Trio des FC Bayern München, das – Verletzungen und Sperren ausgeschlossen – immer zum Einsatz kommen müsste: Manuel Neuer, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger. Torhüter Neuer hat derzeit nur bedingt Konkurrenz, spielt auf hohem Niveau konstant gut. In der Abwehr ist außerdem Philipp Lahm gesetzt. Wer aber wird die Viererkette an seiner Seite komplettieren? Eine handvoll guter Verteidiger steht dort zur Verfügung. Alleine schon im Zentrum hat der Bundestrainer die Qual der Wahl.

GESETZT | Philipp Lahm und Manuel Neuer haben ihre Plätze unter Löw sicher


Das Abwehr-Karussell dreht sich

Holger Badstuber, Mats Hummels oder auch Per Mertesacker wären dort zu nennen. Sie alle haben die Qualität, um in einer Spitzenmannschaft defensive Säulen zu werden. Auch Jerome Boateng und Benedikt Höwedes sind nicht zu vergessen. Sie scheinen aber auch die entscheidenden Kandidaten für die rechte Außenbahn in der Abwehr zu sein. Diese Position ist als einzige noch gänzlich unbesetzt und bedarf weiterer Experimente in der Vorbereitung zur EM. Wenn überhaupt ein Mannschaftsteil der deutschen Nationalmannschaft zuletzt Zweifel an einer Top-Form ließ, dann war es die Abwehr. Sie muss sich noch finden. Gerade hier kann die Konkurrenz das Geschäft beleben - und das Niveau erhöhen. Löw wird es freuen.

Kroos macht Druck

Kritischer sieht es da schon im Mittelfeld aus. Wer soll neben Bastian Schweinsteiger auf der zweiten defensiven Mittelfeld-Position spielen? Sami Khedira war in den vergangenen Jahren unumstritten. Bei Real Madrid roch er den Glamour einer Weltmannschaft. In der Nationalmannschaft schrammte er nur knapp an Titeln vorbei. Der Bundestrainer schätzt den ehemaligen Stuttgarter für seine gradlinige Spielweise und seine Konsequenz in nahezu allen Spielsituationen. Wer Khedira vor der Abwehr hat, darf sich über eine robuste Instanz freuen. Sicher fühlen aber darf sich der 24-Jährige nicht in seiner Rolle. Stammplätze wurden schließlich weitgehend abgeschafft.

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Kaum Raum für Neue

Denn während sich Khedira nach den erbrachten Leistungen öffentlich noch etwas Respekt einfordert, kratzt Toni Kroos schon an dessen Posten. Nicht als Lautsprecher und schon gar nicht als respektloser Nimmersatt. Nein, Kroos besticht mit Leistung und prescht damit in das hochgelobte „Leistungsprinzip“ von Joachim Löw. In der Bundesliga bringt der junge Mann Woche für Woche seine Qualitäten in das Spiel des FC Bayern München ein. Mit Auge setzt er seine Mitspieler in Szene. Mit Wucht jagt er das Leder gelegentlich in die Maschen. Er ist so anders als Khedira, gleichzeitig ist er ihm so ähnlich. Vor allem in puncto Ehrgeiz. Spieler wie Lars Bender, Simon Rolfes oder auch Christian Träsch müssen sich gänzlichen hinten anstellen. Ungünstige Generation, in die sie da hineingeboren wurden.

Mittelfeld-Trio spürt den Atem

Den größten Konkurrenzkampf gibt es aber wohl auf einer anderen Position: dem offensiven Mittelfeld. Es mag Intuition gewesen sein, vielleicht war es aber auch das zukunftsorientierte Auge für die Jugend. Als sich Joachim Löw vor einigen Jahren zu einem Systemwechsel in der Taktik durchrang, stärkte er jenes offensive Mittelfeld. Drei Positionen gibt es dort seither. Zwei Flügelspieler und einen offensiven Zentralspieler. Lukas Podolski, Mesut Özil und Thomas Müller waren gesetzt. Diese drei Akteure spielten den offenbar vollendeten Fußball. Sie erzielten Tore, bereiteten sie vor, arbeiteten nach hinten. Was sollte da noch kommen? Die spielerische Perfektion war in all ihrer Unerreichbarkeit so nahe.

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Wenig Dank für „Prinz Poldi“

Und dann kamen Andre Schürrle, Mario Götze und Marco Reus. Noch jünger, noch dynamischer und in breiten Teilen Deutschlands noch beliebter. Schürrle soll noch filigraner mit dem Ball am Fuß sein, als Podolski. Fünf Tore in elf Länderspielen – torgefährlich ist der Mann von Bayer 04 Leverkusen auch noch. Eine Wachablösung fordern einige Fans. Ungeachtet dessen, was „Prinz Poldi“ seit Jahren konstant in die Waagschale wirft, soll nun Schürrle seine Zeit erhalten. Aber der Bundestrainer ist kein Aktionist. Leistungsprinzip und Aktionismus sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Es kommt nicht zum Einsatz, wer seit drei Tagen unfallfrei gegen den Ball getreten hat. Es spielt der, der in der aktuellen Verfassung am meisten für die Mannschaft einbringen kann. Erfahrung und Konstanz spielen eine gewichtige Rolle.

Götze steht noch hinten an

Auch deshalb darf sich der junge Mario Götze noch nicht als unangefochtener Mittelfeld-Garant in den Gazetten abgefeiert sehen. Während er beim deutschen Meister Borussia Dortmund Shootingstar, Identifikationsfigur und Leistungsträger zugleich ist, muss auch er sich im lustigen Schlangestehen an der Ausgabe der DFB-Startplätze ganz hinten anstellen. Seine Anhänger sehen das nicht ein, viele Journalisten und Experten auch nicht. Frauen finden ihn süß, Männer schmelzen oftmals nicht minder dahin, wenn der erst 19-Jährige das Leder mit all seiner Klasse durchs Mittelfeld treibt. Götze ist der geborene Liebling der Fans. Er selbst sieht seine sportliche Situation wohl am realistischsten: Er muss um seinen Platz kämpfen. Gegenüber Goal.com sagte er nach dem Länderspiel gegen Österreich im Herbst aber auch: „Jeder will spielen.“ Er wird seine Chancen erhalten. Bodenständigkeit aber scheint gerade im Zweikampf mit Mesut Özil wichtig zu sein. Das weiß Götze.

GENIALITÄT | Mario Götze und Mesut Özil konkurrieren mit ihrer Klasse


Müller kaum zu ersetzen

Im Mittelfeld bleibt noch der Zweikampf zwischen Thomas Müller und Marco Reus. Es ist womöglich der deutlichste Vergleich. Während Reus oft nominiert, aber oft verletzungsbedingt dann doch nicht in der Nationalmannschaft erscheinen konnte, brillierte Müller. Er ist zu einem Motor im Mittelfeld geworden, agiert in schwierigen Situationen als zweite Spitze. Er kann den Ball halten, das Spiel schnell machen und Torgefahr ausstrahlen. Ein kompletter Spieler. Der Bundestrainer weiß das zu schätzen. Das macht es für Marco Reus indes schwer. Während der FC Bayern München und Real Madrid mitunter offen um die Dienste des Gladbachers buhlen, muss er sich in der Nationalmannschaft erst einfinden. Spielt er aber auch in der Rückrunde derart stark in der Bundesliga, ist sein Platz im Kader sicher. Und er wird in der Offensive einer der ersten Ansprechpartner bei Löw sein, wenn ein frischer Wind gefordert ist.

Klose und Gomez drängen

Es bleibt noch die Position an vorderster Front. Nur zwei wirkliche Kandidaten kann es dort geben. Da ist zum einen Mario Gomez, der beim FC Bayern München auch international seine Klasse unter Beweis stellen konnte, an dem auf Jahre kaum ein Weg vorbeiführen wird. In der Nationalmannschaft war Gomez aber oftmals nicht in seiner „Vereins-Verfassung“. Umgekehrt war dieses Phänomen auch bei Miroslav Klose zu erkennen: Im Verein konnte es noch so unbefriedigend laufen, in der Nationalmannschaft war er dennoch stets für starke Leistungen und Tore zu haben. Mittlerweile blüht er bei Lazio Rom auch im Klub-Fußball wieder auf. Es gibt nur einen Stürmer-Platz im System von Löw. Kurz vor der EM ist dieses Rennen offen. Spannend bleibt es.

DRUCK | Miroslav Klose und Mario Gomez wollen spielen - es kann nur einen geben


„...Zukunft nicht aus den Augen lassen“

Spannend – das ist auch das Stichwort für das Jahr 2012. Wer jetzt aber glaubt, dass der Bundestrainer bei all diesen Entscheidungen den Überblick verliert, der irrt. Ordnet man das kommende große Turnier in die Entwicklung der Nationalmannschaft ein, so wird die Kader-Situation mehr als nur hoffnungsfroh. So sagte Löw im Interview mit Welt Online: „Wir können nicht alles nur an der EM 2012 festmachen. Klar ist es wichtig, dass wir den Titel anstreben. Aber wir dürfen darüber hinaus auch die Zukunft nicht aus den Augen lassen.“ Und diese ist geprägt von rosigen Aussichten. Das ist vor allem Götze, Reus und Co. zu verdanken, auch wenn sie dann 2012 noch nicht dauerhaft beim Anpfiff auf dem Rasen stehen.

Eure Meinung: Welche Spieler sollten bei der EM auf jeden Fall spielen und welche müssen sich hinten anstellen und um den Platz bangen?

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