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Pep Guardiola beim DFB-Pokal-Finale: Die Lehren gezogen

Guardiola stand im Kreuzverhör. Gegen Dortmund widerlegte er den medialen Blitzbefund. Er zeigte sich einsichtig und demonstrierte, warum er als bester Trainer des Planeten gilt.

München. Pep Guardiola ist ein besonnener Zeitgenosse, ein Kopfmensch. Von trivialen Emotionen lässt er sich nicht leiten - für gewöhnlich. Im Eifer des Gefechts, in der Coaching Zone, vergisst er sich schon mal. Dann dirigiert er, gestikuliert wild. Und diskutiert. Etwa am Samstag, in der Verlängerung. Aufgebracht fauchte er Florian Meyer an. Wegen einer Lappalie.

Über die gesamte Spielzeit wirkte der Katalane angespannt, fahrig. Er wusste, worum es ging. Nicht alleine um den DFB-Pokal. Sondern um das Double. Um die Bewertung einer geschichtsträchtigen Saison. Jüngst verblasste die Rekord-Meisterschaft. Zu präsent die Eindrücke der Halbfinal-Blamage gegen Real Madrid, der gescheiterten Mission Titelverteidigung in der Champions League. In ihrem Schatten entwickelte sich eine waghalsige Debatte über Rotation, über Systeme. Über Guardiola.

Dante: Reus wird einer der Weltbesten

Er wurde infrage gestellt, seine Fachkompetenz öffentlich angezweifelt. Ihm fehle der Plan B, so der Tenor. Er, besessen vom schönen Ball, dem Dogma von Beweglichkeit und Variabilität, müsse sich der deutschen Kultur anpassen. Manche unterstellten ihm populistisch gar Beratungsresistenz. Als Mario Mandzukic vor dem Finale gegen Dortmund, der brisantesten Partie seiner Ära, aus dem Kader flog, fühlten sie sich bestätigt. Am Samstag, beim 2:0-Triumph in Berlin, ließ Guardiola alle verstummen. Beeindruckend. Nachhaltig, weil anders.

"Wir kannten die Stärken unseres Gegners im Konter. Dem wollten wir entgegenwirken", urteilte der gewiefte Taktiker trocken. Er nahm Glückwünsche an, zurückhaltend, ohne sich mit den Lorbeeren zu schmücken. Dabei lieferte er sein Meisterstück ab – aus der Not heraus.

Pep verlagert das Spiel nach hinten

Ungewöhnlich reagierte er auf die verletzungsbedingten Ausfälle Bastian Schweinsteigers und David Alabas: Im Abwehrzentrum erhielt Javi Martinez das Vertrauen, fing alles ab, was sich ihm näherte. Jerome Boateng und Dante flankierten den Spanier. Situativ gesellten sich Pierre Emil Hojbjerg sowie Rafinha hinzu, machten die Dreier- bei gegnerischem Ballbesitz zur Fünferkette. Offensiv schoben sie hoch ins Mittelfeld, unterstützten Toni Kroos beziehungsweise Philipp Lahm auf den Flügeln.



Bewusst, etwas lockend, verlagerte sich der Rekordmeister in die eigene Hälfte. Statt wie Handballer um den Strafraum zu rotieren, mit ewig anmutenden Ballstafetten den Rivalen zu ermüden, zog man sich in die eigene Zone zurück. Gezwungen früher zu attackieren, öffnete der BVB ersehnte Freiräume. Mario Götze, Thomas Müller oder Arjen Robben sollten sich die zunutze machen. Im geordneten Chaos.

"Wir hatten keine Verwirrungstaktik vor", erklärte Kroos: "Wir wollten uns bestmöglich einstellen auf Dortmund. Es hat sehr gut geklappt, was uns zuvor nicht viele zutrauten." Die Erleichterung war ihm anzumerken. Mit dem Schlusspfiff fiel der gigantische Druck, die Kritik der vergangenen Wochen ab. "Wir waren der klare Außenseiter – das ist mal witzig. Ich denke wir haben alle gesehen, wer die bessere Mannschaft ist."

PEP: BVB EIN "SUPER GEGNER"
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"Wahrscheinlich war der Torrichter im Urlaub"

Guardiola adaptierte sein auf Dominanz getrimmtes System. Oberste Priorität hatte an jenem Abend das bloße Resultat. Dortmund war verdutzt, oft zu überhastet. Nur 68 Prozent aller Pässe in Halbzeit eins fanden ihren Abnehmer. Allzu selten kombinierte man sich in die Gefahrenzone. Einer, der ganz besonders im Fokus stand, litt darunter: Robert Lewandowski, bald Bayer. Er hing meist in der Luft, sein Kompetenzbereich war ein anderer. Gemeinsam mit Marco Reus und Henrikh Mkhitaryan, später Pierre-Emerick Aubameyang, leistete er hervorragende Arbeit im Pressing.

Gekonnt liefen sie abwechselnd den aufbauenden Verteidiger an, während die Kollegen versuchten, Anspielstationen im Deckungsschatten zuzustellen. Bayerns überfallartige Angriffe erstickten bereits im Keim. Sofern die erste Reihe doch überrumpelt wurde, verpufften die Bemühungen bei Mats Hummels. Der starke Zweikämpfer setzte offensiv auch den vermeintlich entscheidenden Akzent. In der 64. Minute nickte er den Ball liegend über die Linie, jubelte. Bis er konsterniert abdrehte. Das Tor zählte nicht. Berlin verkam zum Wembley. Das Finale hatte seinen Skandal.

"Wir haben getroffen und es hat nicht gezählt. Ich kann da nicht herumreden", haderte Jürgen Klopp bei Sky. "Der Schiedsrichter sagte zu mir, dafür bräuchten wir die Torlinientechnik. Ich weiß nicht, wo die Torrichter waren. Wahrscheinlich waren die im Urlaub." Seine Mentalitätsmonster übernahmen in der Phase zwar die Kontrolle. Zwingend, brandgefährlich wie beim Bundesliga-Duell vor einigen Wochen, das mit 3:0 an die Borussia ging, wurden sie selten.

Übermannt von den Gefühlen

Bayern agierte strukturierter, ohne zu glänzen, im eigenen Schaffen akkurater. Mitunter belegen das Schussgenauigkeit (66,7 zu 25 Prozent) und Passquote (85,7 zu 70,7 Prozent). Zudem ordnete sich jeder dem Konzept, dem Kollektiv unter. Ob Ribery, der früh den verletzten Lahm ersetzte. Mario Götze, der daraufhin zurückbeordert wurde, sich mit Kroos die Gewalten auf der Doppel-Sechs teilte. Oder Arjen Robben: "Für mich war es eine andere Position – ich war Stürmer. Ich hatte nicht viele Ballkontakte, aber habe gelauert und ich wusste, da kommt eine Chance."

 



Er, das niederländische Schreckgespenst, avancierte zum Matchwinner. Mal wieder. Erneut gegen Dortmund. In der 107. Minute nach Hereingabe von Boateng. Kurz vor Ende erhöhte Müller auf 2:0 – danach herrschte grenzenlose Ekstase. Kurzerhand versah Matthias Sammer, sonst eher von der mahnenden Sorte, die Saison mit dem Prädikat "herausragend" und denunzierte die Pep-Debatte als "unglaublich schlecht".

Guardiola reflektierte indes die Geschehnisse selbstkritisch: "Das war durchaus berechtigt. Ich habe Dinge getan, die ich nicht hätte tun sollen. In der Spielweise, in der Taktik habe ich gegen Real Fehler begangen." Damals, im Rückspiel, blieb er seinem Prinzip Ballbesitz nicht treu, ließ sich auf einen Schlagabtausch mit offenem Visier ein. Er entschied falsch. Gegen Dortmund bewies er Einsicht, Wandlungsfähigkeit – und machte alles richtig. Er feierte, herzte jeden Schützling. Vor allem Höjbjerg, der erst kürzlich seinen Vater verlor. Übermannt von trivialen Emotionen.

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