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Mario Götze beim FC Bayern München: Ein Makel bleibt

Er vereint all das, was Guardiola liebt. Götze hat jedoch einen schweren Stand. Schlagkräftige Argumente sprechen indes für ihn: Nackte Zahlen und sein spielerisches Repertoire.

München. "Vielleicht", sagte er, "müssen wir noch einen Pokal einführen, damit immer das Triple möglich ist." Mario Götze grinste, sein Blick schweifte in die amüsierte Runde, zur Presse. Die Worte kamen an. Die Pointe auch. Charmant verpackte er sein Unverständnis. Für die, durch die rote Brille betrachtet, überspitzte Manöverkritik. Das maßlose Anspruchsdenken.

Was scherzhaft begann, endete als Plädoyer für mehr Realitätssinn. Abschließend stellte er die Killerfrage. "Welche Mannschaft hat bislang den Champions-League-Titel verteidigt?" Ein geschickter Zug. Jeder im Mediencenter an der Säbener Straße kannte die Antwort. Niemand! Weder Rekordsieger Real Madrid noch der FC Bayern. Ein Fluch, der seit mehr als zwei Jahrzehnten währt. Götze setzte die Journalisten vor dem DFB-Pokal-Finale gegen seinen Ex-Arbeitgeber Dortmund (Samstag, 20.30 Uhr im LIVE-TICKER bei Goal), um im Bild zu bleiben, schachmatt. Dabei ist er höchstselbst ein zentraler Protagonist. Wenngleich ungewollt.

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Nach dem Triple, einem historischen Akt der Klubhistorie, verfiel der Süden Deutschlands einer gefährlichen Überdimensionalität. Der Rekordmeister thronte über der internationalen Konkurrenz. Pep Guardiola, der gewiefte Taktiker, der erfolgreichste Coach der Neuzeit, sollte das beste Team auf diesem Planeten noch dominanter machen, die Sonderstellung zementieren. Eine Ära begründen und prägen. 62 Millionen Euro ließen sich die Münchener das ehrgeizige Vorhaben kosten. Sie erfülltem dem neuen starken Mann seine Wünsche. Er forderte Thiago Alcantara. Er bekam ihn.

Mit Götze bereitete ihm die Führungsriege ein weiteres, ganz spezielles Willkommenspräsent. Dortmunds Jungstar, als talentiertester Fußballer der Nation gepriesen, schien geschaffen dafür. Technisch hochbegabt, torgefährlich, variabel. Attribute, die Guardiola vergöttert, die Götze belegen konnte. Allerdings mit Einschränkungen.

Belastetes Verhältnis? Unsinn!

Wettbewerbsübergreifend stehen 14 Treffer und zwölf Assists zu Buche – ansprechend für eine Premieren-Saison. Neben den losen Statistiken macht ein Zusatz stutzig. Nur 28 Mal kam er zu Startelf-Ehren, häufig, in 13 Spielen, verdingte er sich als Teilzeitkraft. Der größte Makel wird nicht offengelegt. In den wichtigsten Momenten, etwa den Begegnungen gegen Real Madrid, sah Götze anfangs zu. "Da ist man enttäuscht", erklärte er auf Nachfrage von Goal, "der Moment ist genehmigt. Viel Zeit zum Trauern bleibt trotz alledem nicht."

Er möchte stets auflaufen, wie jeder Profi, habe höhere Ambitionen. Das wisse Guardiola. "Man hat seine persönlichen Ziele, stellt Anforderungen an sich selbst." Unglücklich, gar wechselwillig, ist er deshalb nicht. Immerhin gestaltete sich die Akklimatisation beschwerlich. Und schmerzhaft. Erst stoppte ihn der Muskel, kaum zurückgekehrt, warf ihn ein Kapselriss zurück. Die Kollegen pflügten durch die Bundesliga, während er am Comeback schuftete. Positiv zu bleiben, sei da nicht immer leicht, gesteht er unverhohlen.

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Der Kampf mit dem Körper wurde zu jenem mit sich selbst. Er rotierte zwischen den Außen, der falschen Neun, der Schaltzentrale im Mittelfeld. Guardiola suchte, richtig fündig wurde er selten. Der übliche Reflex: Im Blätterwald mehrten sich Gerüchte über ein belastetes Verhältnis, zumal Guardiola Neymar gerne verpflichtet hätte. Götze widersprach: "Er macht super Arbeit. Wir gehen den gleichen Weg." Seit jeher bewunderte er den Katalanen.

Faszination Pep entscheidend

Einst schwärmte er in der Zeit: "Schauen Sie sich ein Spiel des FC Barcelona an, die Spieler dort beherrschen das intuitive Denken in der Gemeinschaft. Sie scheinen identisch zu ticken. Das ist schon irre." Er selbst habe sich von den Stars einiges abgeguckt. Von den Xavis. Den Iniestas. Guardiolas Lieblingsschülern. Dessen Aura, dessen Idee entschied den Verhandlungspoker. Jürgen Klopp, sein langjähriger Chef und gleichermaßen Förderer, meinte ohne Gram: "Die Chance, mit diesem außergewöhnlichen Trainer zu arbeiten, wollte er sich nicht entgehen lassen. Das finde ich absolut nachvollziehbar." Ein Gros der Borussia-Fans war dagegen, gelinde gesagt, verstimmt.

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Ende April, als die Transferbombe platze, unmittelbar vor dem Halbfinal-Rückspiel in der Champions League, ergoss sich eine Welle übelster Entgleisungen über Götze. Er, der Held, der Dortmund Junge, verkam zum Judas. Schlagartig. Via Facebook verlor er rund 7.000 Likes – pro Stunde. Ob der Diskreditierungen musste seine Wall vorübergehend gesperrt werden. Man hatte wohl vergessen, dass er sein halbes Leben lang für den Revierklub seine Knochen hinhielt.

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Götze ließ den verbalen Shitstorm über sich ergehen. Er schwieg, behielt routiniert die Fassung, dankte dem BVB, den Fans. Jenen, die ihn nun hassten, von denen er im November mit einem orkanartigen Pfeifkonzert empfangen wurde. Bei seiner Rückkehr, "dem schwersten Moment meiner Karriere", gab er die sportliche Antwort. Zehn Minuten nach der Einwechslung vollendete er ein Zuspiel nahe der Strafraumgrenze mit der Pike. Unwiderstehlich, locker leicht, ohne zu jubeln.

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"Gute bis sehr gute Saison"

Manch selbsternannter Experte fühlte sich in den Wochen danach bestätigt. Regelmäßig sammelte Götze zwar Einsatzminuten, Tore, Vorlagen. Den Ausnahmestatus erlangte er nie. In Dortmund war er Superstar und Alleinunterhalter in Personalunion. Beim FCB ist er einer von vielen. Sehr vielen. Dazu der Balast von 37 Millionen Euro Ablöse und gigantische Ansprüche. Viel für einen 21-Jährigen, der häufig in sich gekehrt wirkt, fast schüchtern in der Mixed Zone andere vorschickt. Womöglich zu viel?

"Ich sagte ihm: Mario, du bist bei Bayern einer unter 20 Top-Spielern", beruhigte unlängst Bundestrainer Joachim Löw. "Da ist es klar, dass der Trainer mal nach Form, Gegner und Gefühl aufstellt." All das räumt Götze im Pokal-Clash beste Aussichten ein. In Hamburg betrieb er nachdrücklich Werbung in eigener Sache, traf und assistierte doppelt. Die Form stimmt. Der Gegner und das Gefühl offenbar ebenso. Unter der Woche befasste sich Guardiola nämlich intensiv mit seinem Schützling. Nicht nur im Training, lange danach fachsimpelten sie noch auf dem Rasen.

"Er hat mich nach meiner Meinung gefragt, mir gesagt, wie er das sieht." Götze könnte im deutschen Clasico der X-Faktor sein. Unmöglich ist es auszurechnen, auf welcher Position er ran darf. Ob auf dem Flügel, im Zentrum einer Raute, was gegen den HSV bestens funktionierte. Oder als falsche Neun. Die Zahlen sprechen für ihn. Er möchte spielen, mit dem Pott eine "gute bis sehr gute Saison" krönen. Für Bayern sei sie ohnehin schon "sehr, sehr gut", lächelte er. Der maßlosen Erwartungshaltung zum Trotz.

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