thumbnail Hallo,

Transferbilanz: HSV setzt auf mehr Tempo

Die Hamburger nahmen in diesem Sommer viel Geld zur Verstärkung des Kaders in die Hand. Goal wirft für euch einen Blick auf die Neuen bei den Rothosen.

ANALYSE
Von Daniel Jovanov

Hamburg. Nach der schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte stehen die Zeichen beim Hamburger SV auf Neuanfang. Der Traditionsverein zog aus der sportlichen und finanziellen Talfahrt erste Konsequenzen – fast 10.000 Mitglieder stimmten Ende Mai für die Ausgliederung des Profifußballs in eine Aktiengesellschaft.

An der Spitze der neuen "HSV Fußball AG" steht Dietmar Beiersdorfer, der die Rothosen bereits im vergangenen Jahrzehnt als Sportdirektor regelmäßig in die europäischen Wettbewerbe führte. Die Fans setzen all ihre Hoffnung in den 50-Jährigen, der mithilfe des Geldgebers Klaus-Michael Kühne an einem neuen Gesicht der Mannschaft basteln kann.

Neuer Stabilisator im Mittelfeld

Seinen ersten großen Transfer-Coup in diesem Sommer landete Beiersdorfer mit der Verpflichtung des Schweizers Valon Behrami, der bei der Weltmeisterschaft im Achtelfinale nur knapp an Deutschlands späterem Endspielgegner Argentinien scheiterte. Der defensive Mittelfeldspieler kam für 3,5 Millionen Euro vom früheren Champions League-Teilnehmer SSC Neapel.

Unter HSV-Cheftrainer Mirko Slomka ist der 29-Jährige als neuer Stabilisator vor der Viererkette vorgesehen. Behrami überzeugt mit sicheren Pässen, aggressiver Zweikampfführung und gutem Stellungsspiel. In Anbetracht der desolaten Defensive der vergangenen Saison war ein neuer Impuls im defensiven Mittelfeld dringend nötig. Behrami soll als „aggressive Leader“ sowohl auf als auch außerhalb des Platzes vorangehen und die Abwehr stabilisieren.

Ein „Brecher“ für die Innenverteidigung

Bei der Saison- und Kaderanalyse werden Beiersdorfer und der Trainerstab unschwer erkannt haben, dass sich in der Verteidigung etwas verändern muss. Slomka sprach in der Sommervorbereitung von einer neuen „zentralen Achse“. Mit dem Brasilianer Cleber Reis hat der HSV einen neuen Verteidiger verpflichtet, der laut Beiersdorfer in seinen Aktionen Khalid Boulahrouz ähnelt und für mehr Respekt bei den Gegnern sorgen soll.

Für den 23-Jährigen überwiesen die Hamburger schätzungsweise drei Millionen Euro an Corinthians Sao Paulo, dessen Trainer Mano Menezes seinem ehemaligen Spieler den Sprung nach Europa noch nicht zugetraut hätte. Nichtsdestotrotz gilt der Rechtsfuß im kommenden Spiel gegen Hannover 96 als heißer Anwärter auf einen Platz in der Startelf. Im Training macht Cleber einen fitten und selbstbewussten Eindruck. Slomka erhofft sich durch ihn mehr Sicherheit in der Defensive und Variabilität im Aufbauspiel.

Mehr Tempo dank neuer Offensivspieler

Nicht nur die Defensive gilt beim HSV als Achillesferse – auch im Angriff geht ohne einen fitten Pierre-Michel Lasogga oder Rafael van der Vaart wenig. Mit dem Abgang von Hakan Calhanoglu zu Bayer 04 Leverkusen muss Slomka einen herben Verlust verkraften, den er mit mehreren neuen Offensivspielern kompensieren könnte. Dazu zählt zum Beispiel Nicolai Müller. Der 26-Jährige ist mit einer Ablöse von 4,5 Millionen Euro nach Lasogga der zweitteuerste Neuzugang beim HSV, kennt den von Slomka forcierten Tempofußball mit aggressivem Pressing aus Mainz und wird das Offensivspiel der Rothosen beleben.

Als Back-Up steht Zoltan Stieber bereit, der die Hamburger Verantwortlichen bei den Relegationsspielen im Trikot der SpVgg Greuther Fürth von seinen Qualitäten überzeugen konnte. Stieber kommt zumeist über die linke Seite, ist schnell, wendig und sucht vor dem Strafraum des Gegners 1-gegen-1-Situationen. Dem Ungarn fehlt allerdings die körperliche Robustheit bei Zweikämpfen, gleicht dieses Defizit mit seiner Diszipliniertheit in der Rückwärtsbewegung allerdings aus. Besonders im Umschaltspiel hat Slomka durch den 25-Jährigen eine neue Option, um dem Angriffsspiel seiner Mannschaft mehr Tempo zu verleihen.

Ostrzolek macht Druck auf Jansen

Wie ein roter Faden zieht sich der Aspekt "Geschwindigkeit" durch die Sommertransfers von Beiersdorder. Mit Linksverteidiger Matthias Ostrzolek, dessen Verpflichtung sich aufgrund der ungeklärten finanziellen Lage um mehrere Wochen verzögerte, steht Slomka zudem eine neue Option für die Position des linken Außenverteidigers zur Verfügung. Eine notwendige Ergänzung, bedenkt man, dass außer Marcell Jansen bisher kein weiterer etatmäßiger Linksverteidiger im Kader des HSV zu finden war.

Ostrzolek kam gegen den SC Paderborn zu einem ersten Kurzeinsatz, dürfte in absehbarer Zeit eine ernsthafte Alternative für die Startelf darstellen. Selbiges gilt für Last-Minute-Einkauf Lewis Holtby, den die Hamburger für ein Jahr inklusive Kaufoption von den Tottenham Hotspurs leihen. Im Gegenzug verließ Milan Badelj den Verein in Richtung Florenz. Der Kroate konnte seine überdurchschnittlichen technischen Fähigkeiten und sein Spielverständnis nur selten unter Beweis stellen. In seiner eher defensiveren Rolle im Spielsystem des HSV wirkte Badelj oftmals überfordert und zuletzt sogar restlos unmotiviert.

Hoffnungsträger Holtby für die Zentrale

Für das schnelle Umschaltspiel von Defensive auf Offensive haben sich weder Badelj noch Tolgay Arslan empfehlen können. Daher scheint die Verpflichtung von Holtby der nächste Baustein zur Umsetzung von Slomkas Spielphilosphie zu sein. Dem 23-Jährigen werden ein sicheres Passspiel und eine saubere Technik attestiert, wobei auch Balleroberungen zu seinen Stärken zählen. Aus der Zentrale heraus können Holtby und Kapitän Rafael van der Vaart die schnellen Flügelspieler in Szene setzen, zu denen auch Julian Green gehört.

Die Leihgabe des FC Bayern gilt als zusätzliche Option und Ersatz für den abgewanderten Jacques Zoua, muss sich in der Bundesliga allerdings erst beweisen. Dem hohen Transferaufwand von über 26 Millionen Euro stehen nicht nur fast ebenso hohe Einnahmen gegenüber, sondern auch ein spielstrategischer Plan. Der HSV braucht für sein laufintensives Pressing und das schnelle Umschaltspiel mehr Tempo in der Offensivabteilung und ein sicheres Gerüst in der Defensive. Davon war gegen Paderborn noch nicht viel zu sehen. Die Neuverpflichtungen wecken allerdings Hoffnung.

Dazugehörig