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Kein Herzklopfen, aber mehr Zuneigung? Toni Kroos' erste Schritte bei Real Madrid

Der 24-Jährige hat die sportliche Komfortzone verlassen und lernt bei Real per Kaltstart die extreme Presse kennen. Die Fans lieben Xabi Alonsos mutmaßlichen Nachfolger bereits.

Madrid. Präzision ist die Grundlage für das mittlerweile mit Weltklasse gesegnete Spiel von Toni Kroos. Präzision, die wiederum auf seiner an Perfektion grenzenden Pass- und Schusstechnik in beiden Füßen basiert. Jene Raffinesse, jene herausragenden Fähigkeiten ließen Jupp Heynckes ihn einst als "das größte Talent im Weltfußball neben Thiago" adeln und veranlassten Real Madrid nun dazu, den 24-Jährigen für 30 Millionen Euro vom FC Bayern München loszueisen. 

In seinen ersten beiden Pflichtspielen für die Königlichen erlebte Kroos bereits eine Achterbahnfahrt. Zumindest in den Augen der für ihre extreme Schreibe bekannten spanischen Presse. Sein Auftritt beim 2:0-Erfolg im europäischen Supercup gegen den FC Sevilla wurde von den heimischen Medien in den Himmel gelobt. "El Jefe", der Chef, betitelte ihn die Marca, die größte Sportzeitung des Landes, nach der Partie und führte aus: "Kroos dirigiert das Team mit dem Taktstock eines Weltmeisters."

"Die Fans lieben ihn"

Nur eine Woche später, infolge des 1:1 im Hinspiel des spanischen Supercups gegen Atletico Madrid, wendete sich das Blatt ins negative Gegenteil. Trotz objektiv betrachtet ordentlicher Leistung des Mittelfeldakteurs, der von den Zuschauern im Bernabeu immer wieder mit Szenenapplaus für seine maßgeschneiderten Diagonalpässe bedacht wurde. Eindrücke, die Goals Real-Madrid-Korrespondent Alberto Pinero bestätigt: "Absolut, die Fans lieben ihn." So wurde der Deutsche in einer landesweiten Umfrage der Marca auch mit mehr als der Hälfte der Stimmen zum besten Transfer des Sommers gewählt.

Dennoch sah ABC in Kroos' Auftreten beim Hinspiel gegen Atletico gar einen "Kollateralschaden", während die Marca ihre Preisungen aus der Vorwoche revidierte: "Als Passgeber tadellos, aber er ist nicht schnell genug und hat keine überraschenden Momente." Besonders seine vergebene Großchance in der 69. Minute, als er einen abgewehrten Freistoß von Gareth Bale aus wenigen Metern über den Kasten setzte, stieß der Presse übel auf. "Unmöglicher Fehlschuss", schrieb die AS. Das Rückspiel am Freitag, als Real durch eine 0:1-Niederlage den Supercup-Titel verpasste, erlebte Kroos nur eine Halbzeit lang mit, wurde nach durchschnittlichen ersten 45 Minuten aus taktischen Gründen von Cristiano Ronaldo ersetzt. 

Keine Selbstzweifel

Die schwankenden Kritiken bringen den gebürtigen Greifswalder derweil nicht ins Grübeln. "Ich bin nie nervös, nie zittrig", sagte er in Reaktion auf die ersten Unkenrufe gegenüber Sport Bild. Auch Selbstzweifel seien für ihn keine Option: "So bin ich eben gestrickt. Von meiner Qualität überzeugt, weil ich weiß, dass ich mein Potenzial auch in besonderen Momenten abrufen kann."

Worte, mit denen Kroos Vertrauen in die eigene Stärke demonstriert. Derer ist sich die Öffentlichkeit aktuell wohl mehr denn je bewusst - spätestens seit seinen Auftritten bei der WM in Brasilien. Lediglich im Finale gegen Argentinien leistete er sich eine schwächere Partie, ansonsten überzeugte er mit teilweise überragenden Leistungen, lieferte vier Assists und traf im Halbfinale selbst doppelt.

Sein Abgang aus München ist dementsprechender Ausdruck eines weltmeisterwürdigen Selbstbewusstseins. Zwar war er bei der Anhängerschaft an der Säbener Straße keineswegs unumstritten, habe das Spiel häufig zu langsam gemacht. Auch erfuhr er von den Vereinsoberen dem Vernehmen nach nicht die gewünschte finanzielle Wertschätzung, sein bis 2015 datierter Vertrag wurde nicht zu verbesserten Bezügen a la Bastian Schweinsteiger, Franck Ribery oder Mario Götze vorzeitig verlängert. Doch sportlich befand er sich in der Komfortzone, war von Trainer und Manager hoch geschätzer Stammspieler bei einem Klub, der mutmaßlich über Jahre hinweg um die größten Titel im Vereinsfußball mitspielen wird. 

Neue Rolle schon gefunden?

So ist es zweifelsfrei eine mutige Entscheidung, bei Real nach noch Höherem zu streben, sich noch einmal weiterzuentwickeln. "Ich war einfach der Meinung, dass ein neuer Schritt guttut", sagte Kroos bei seiner offiziellen Vorstellung in der spanischen Hauptstadt. Und offensichtlich ist er nach nur drei Einsätzen im Trikot der Madrilenen bereits auf bestem Wege, seinen Platz im Mittelfeld des amtierenden Champions-League-Siegers zu finden. Gegen Sevilla agierte er in Abwesenheit von Xabi Alonso gemeinsam mit Luka Modric auf der Doppelsechs. "Seine Vorstellung war perfekt", resümierte Trainer Carlo Ancelotti. Anerkennung, die Kroos deutlich mehr interessieren dürfte als jene, mit der ihn die Zeitungen überhäuften.

Im ersten Duell mit Atletico rückte der Ex-Münchner etwas außerhalb des Zentrums, Ancelotti platzierte ihn der Rückkehr von Xabi Alonso geschuldet auf die halblinke Position in seinem 4-3-3-System. "Dieses Experiment ist komplett schief gegangen", findet Goal-Korrespondent Pinero. Kroos habe es dadurch an Freiraum gefehlt, der ihn im europäischen Supercup noch glänzen ließ. Überdies bemängelt Pinero den Fitnesszustand Alonsos und kündigt an: "Ich bin sicher, dass Kroos sein Erbe ist. Möglicherweise wird er schon diese Saison Xabis Rolle einnehmen."

Hinsichtlich der Passgenauigkeit steht die Befähigung des Mannes mit der Nummer 8 auf dem Rücken, Alonso zu ersetzen, ohnehin außer Frage. Vergangene Saison beim FC Bayern brachte Kroos gut 91 Prozent seiner Anspiele zum Teamkollegen. Darüber hinaus war zunehmend auffällig, dass er großen Wert für das defensive Umschaltspiel besitzt, in punkto Gegenpressing automatisierte und mannschaftsdienliche Abläufe an den Tag legte. So war der beidfüßige Feingeist unter Pep Guardiola nicht nur Gestalter im Offensivspiel, sondern unterband auch zahlreiche gegnerische Konter, wies mit rund 58 Prozent gewonnener Duelle ansehnliche Zweikampfwerte auf. Beste Voraussetzungen, um im Mittelfeld der Königlichen als zentraler Fixpunkt zu fungieren. 

Integration schreitet voran

Dass dem Deutschen aufgrund seiner introvertierten Art die rechte Integration im glamourösen Star-Ensemble der Königlichen schwerfallen könnte, glaubt Real-Korrespondent Pinero nicht. Nachdem er die ersten Trainingseinheiten noch größtenteils an der Seite von DFB-Teamkollege Sami Khedira zu sehen gewesen sei, entwickele er immer stärkere Bindung zur kompletten Mannschaft. Da zahlreiche Spieler in Reals Kader Englisch sprechen, sei es zudem weniger hinderlich, dass Kroos die spanische Sprache noch nicht beherrscht. Weiteres Indiz für seine rasche Eingliederung: "Wer mich kennt, der weiß, dass ich grundsätzlich nicht so viel Herzklopfen habe", entgegnete er jüngst im ZDF auf die Frage, wie groß denn die Nervosität vor dem ersten Gang in die neue Kabine war.

Bei Sport Bild berichtet Kroos indes ebenso positiv über seine bisherigen Eindrücke. "Ich habe allgemein das Gefühl, dass sich meine Kameraden freuen, dass ich da bin", sagt er. Ob ihm derlei Empfindungen beim deutschen Rekordmeister zuletzt gefehlt hatten? Aufmüfpige Reaktionen wie der herausfordernde Blick in Richtung Bank nach seinem Traumtor zur Führung im Februar beim FC Arsenal lassen es lediglich vermuten. Unmittelbar zuvor hatte er zwei Ligaspiele am Stück 90 Minuten lang auf der Bank geschmort, mit einer Gala-Vorstellung im Champions-League-Achtelfinale gegen die Gunners eine passende Antwort geliefert. Focus Online titelte seinerzeit: "Boss Kroos: Diesen Toni lässt Bayern niemals gehen."

Es kam anders. Das "größte Talent im Weltfußball neben Thiago" ist gerade dabei, seinen Aufstieg zum absoluten Weltklassespieler in Stein zu meißeln. Der Komfortzone entwichen, das Risiko gewählt. Entscheidende Unterschiede zwischen dem Alltag bei Bayern und jenem bei Real erkenne Kroos nach eigener Aussage bis dato nicht. Etwas ist aber doch ein wenig anders: "Wenn bei den Bayern um 10.30 Uhr Training ist, stehen alle um 10.30 Uhr auf dem Platz. Das wird hier ein bisschen lockerer gesehen." Von perfekter Präzision auf der Uhr darf Kroos in Zukunft also abweichen. Um seine Präzision am Ball möglichst gewinnbringend einzusetzen. Eine Basis hat er in den ersten Wochen schon gelegt - und die Zuneigung der Real-Fans vorerst sicher.

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