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Guardiolas Dreierkette: Der totale Fußball

Nicht erst seit dem Pokalfinale ist eine neue Grundformation bei Bayern München im Gespräch. Pep Guardiola möchte maximalen Erfolg mit maximaler Variabilität.

München. Beim letzten DFB-Pokalfinale überraschte Pep Guardiola mit seiner Aufstellung gegen Borussia Dortmund. Bayern München spielte mit Dreierkette und zwei klassischen Flügelläufern. Mit dieser Formation konnten sie zumindest in der ersten Stunde der Begegnung das BVB-typische Angriffspressing und den Zugriff auf die Abwehrreihe durch eine neue Staffelung sowie die numerische Neuheit in der letzten Linie weitestgehend verhindern.

Dies war recht simpel gelöst. Javi Martinez, Dante sowie Jerome Boateng standen tief und ließen dort den Ball zirkulieren. Das Dortmunder Angriffspressing lebt von einer direkten Mannorientierung sowie der Möglichkeit, den Ballführenden, meist wird ein "Opfer" herausgepickt, mit mehreren Spielern anzulaufen. Durch die drei bayerischen Akteure wurde dieses Vorhaben im Pokalfinale erschwert.

Marco Reus und Robert Lewandowski waren in Unterzahl. Deshalb musste Henrikh Mkhitaryan auf der Außenbahn nach vorn schieben, was wiederum die Stabilität hinter der ersten Pressingreihe verminderte. Bayern reagierte entweder mit mittellangen Schlägen und kam so ins mittlere Spielfelddrittel oder aber Manuel Neuer schaltete sich intensiv in den Aufbau ein. Man konnte die anlaufenden Borussen leicht auskombinieren und zugleich besser gegen das Umschaltspiel der Dortmunder absichern. Jürgen Klopp korrigierte dies im Spielverlauf mit der Einwechslung von Oliver Kirch, wodurch mehr Druck durch nachrückende Bewegungen erzeugt werden konnte.

Eine langfristige Option?

Die beiden deutschen Spitzenklubsstehen stehen sich zum Saisonauftakt erneut gegenüber. Wenngleich der Supercup mehr Vorbereitungscharakter hat und durch die Abstinenz zahlreicher Spieler noch kein Gradmesser ist, kann man womöglich schon in Ansätzen erkennen, wohin die Reise bei beiden Teams gehen wird. Dortmund fiel in den Testspielen durch ein neuartiges 4-4-2 auf, während die Dreierabwehrreihe sowie alle damit verbundenen Änderungen bei den Bayern schon probiert wurden.

Wie sieht die grundsätzliche Zusammensetzung aus? Im Spielaufbau wird die Abwehrreihe breit aufgefächert, beide Halbverteidiger rücken raus und schaffen Breite. In diesem Moment ist eine klare Dreierkette zu erkennen, während sich defensiv eine Fünferkette oder aber eine Viererlinie mit einem herausschiebenden ballnahen Akteur andeutet.

Besonders interessant ist die Rolle des Zentralverteidigers. Martinez aber auch der wiedergenesene Holger Badstuber sind hierfür geeignet. Er kann einerseits tief stehen und als zusätzliche Anspielstation im Aufbau dienen, wie es auch ein abkippender Sechser tut, oder er rückt weiter auf und schiebt gleichzeitig die Zentralspieler im Mittelfeld nach vorn.

Eine weitere wichtige Komponente ist die Ausrichtung beider Flügelläufer (oder Wing-Backs). Im Pokalfinale war beispielsweise Rafinha sehr geradlinig ausgerichtet und eigentlich nur für die Breitengebung zuständig, während sich Pierre-Emile Hojbjerg verstärkt in die Ballzirkulation einschaltete. Selbstverständlich stellt auch David Alaba eine spielmachende Option für die alleinige Außenposition dar.

Allerdings kann zugleich ein recht simples Flügelspiel aufgezogen werden. Da vor dem Mittelfeld meist zwei offensive Halbspieler hinter Stürmer Lewandowski auflaufen, können diese des Öfteren nach außen kippen und hier wieder für einfache Überladungen sorgen. Somit wäre die Breite im letzten Drittel genauso wie die Präsenz im Zentrum gewährleistet. Der Ballführende hätte mehrere Optionen für Anspiele und zugleich wäre der Angriffsrhythmus nicht ausrechenbar.

Barcelonas einstige Dominanz

Es lohnt an dieser Stelle ein Blick zurück in Guardiolas Karriere. Auch beim FC Barcelona wurde die Dreierkette häufiger praktiziert. Wobei er in diesem Fall eher die einzelnen Spielertypen nutzte. Mit Eric Abidal oder Adriano agierten auf der linken Seite zwei, die gut als Halbverteidiger einrückten, während Dani Alves auf der anderen Außenbahn weit nach vorn schob und eine Art Flügelstürmer war. In seiner Hochzeit hatte der Brasilianer ein solches physisches Niveau, dass er ohne weiteres auch defensiv die komplette Seite zulaufen konnte, obwohl er von seiner Grundposition her teilweise auf der Höhe Lionel Messis stand und sich am Angriffspressing beteiligte.

Sergio Busquets war derweil Halbspieler zwischen Sechserposition und Innenverteidigung, wodurch er stärker vertikal pendelte. Interessanterweise war eine solche Rolle beim Testspiel des FC Bayern gegen den MSV Duisburg erkennbar. David Alaba pendelte dabei oder vielmehr rückte aus der Innenverteidigung ständig nach vorn. Somit startet das Team in einem herkömmlichen 4-3-3 oder 4-1-4-1 und transformiert sich dann während des eigenen Ballbesitzes. Natürlich müssen in diesem Fall die Absicherungen stimmen. So schob bei Alabas Vordringen von der linken Innenverteidigerposition der Linksverteidiger in die neue Dreierkette ein, gab also den Abidal.

Hoheit im Zentrum

Es können sich in der Folge interessante 3-4-3-Formationen mit Mittelfeldraute oder aber ein auf den ersten Blick vertikales 3-3-4 ergeben, wobei eine vordere Sturmreihe mit Lewandowski und Thomas Müller oder Mario Götze denkbar wäre und jeweils einer situativ in den Zehnerraum abkippt. Wie einst beim FC Barcelona würden die Bayern in jedem Fall das Zentrum beherrschen. Sie sind dort nicht nur quantitativ geballt, sondern haben auch technisch starke Akteure, die den Ball zirkulieren lassen können und so das grundsätzliche Spieltempo bestimmen. Der Gegner würde, wenn er Alaba, Lahm, Schweinsteiger und Co. im Zentrum sieht, entsprechend reagieren und die eigene Formation anpassen. Möglicherweise rücken die Außenspieler ein und entblößen die Flügel oder aber aus dem Abwehrzentrum wird vorgeschoben, wodurch sich breitere Schnittstellen ergeben.

Zudem wäre Bayerns Mittelfeldkonstruktion sehr flexibel. Sie haben zahlreiche Spielmachertypen und können entweder sehr engmaschig kombinieren oder sich durch Breitenbewegungen aus der Umklammerung befreien. Lewandowski, Müller, Götze oder Arjen Robben könnten derweil in die Tiefe starten. Die Halbverteidiger hätten die Möglichkeit, sich am anderen Ende der Formation in Freiräume zu bewegen und weitere Anspielstationen zu bilden. Sie wären zudem durch Neuer und Martinez abgesichert, könnten sich also gleichfalls in die Zirkulation einschalten. Ständige Dreiecke und Doppelpässe sind möglich, wodurch man auch gegenläufig zur Bewegung der verteidigenden Mannschaft den Ball spielen kann, was wiederum das Pressing erschwert und den Gegner psychisch zermürbt.

Grundsätzlich könnten die Bayern den Gegner auch auf diese Weise dominieren. Exakt das möchte Guardiola bewirken. Wenngleich er von seiner Mannschaft eine strikte Befolgung des vorgegebenen Plans erwartet, gibt der Katalane seinen Spielern auch eine gewisse kreative Freiheit, indem bestimmte Bewegungen und Positionswechsel von der individuellen Spielintelligenz bestimmt werden. Im Endeffekt ist nur wichtig, dass die notwendigen Räume zur richtigen Zeit besetzt sind. Eine Formation mit Dreierkette, ob nun über eine horizontale Verschiebung oder eine vertikale Pendelbewegung eines Innenverteidigers oder ganz klassisch mit drei konstanten Verteidigern, kommt dem Prinzip des totalen Fußballs wieder ein Stück näher und erhöht die Variabilität während des Spiels.

Natürlich bleibt vieles zunächst Spekulation und wir wissen mehr, wenn die ersten Partien in Wettbewerben absolviert sind. Aber eine Änderung des formativen Gerüsts deutet sich an und Reminiszenzen an Guardiolas Barcelona-Zeit sind gleichzeitig zu erkennen. Doch dafür braucht es weitere Routinen, die durch die zerstückelte Vorbereitung nur schwer realisierbar sind. Denn in dem angesprochenen Gewebe leben die Passstafetten auch davon, dass sich die Spieler anhand ihrer Zuspiele nahezu blind verstehen. Guardiola wird von seinem Dogma nicht abrücken, wenngleich dies zuweilen nach der deutlichen Niederlage gegen Real Madrid im Champions-League-Halbfinale gefordert wurde. Vielmehr möchte der Bayern-Trainer die strategische Ballbesitz-Ausrichtung mit taktischen Anpassungen weiter vorantreiben und verfeinern. 

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