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In Hamburg ist der Jungstar ein rotes Tuch, bei der Werkself hofft man auf seine Qualitäten. Und die sind zahlreich.

Leverkusen. Samstag, 12. Juli 2014. Hakan Calhanoglu gibt sein Debüt im Dress von Bayer 04 Leverkusen, der Gegner heißt Lierse SK. Im Freundschaftsspiel gegen den belgischen Erstligisten bringt der türkische Nationalspieler nach fünf Minuten einen Freistoß in den Strafraum, der zur Führung seines Teams führt. Eine gute halbe Stunde später taucht er frei vor dem Tor auf, lässt den Torwart mit einer Körpertäuschung ins Leere springen und schiebt den Ball lässig ins Tor ein.

Für die Fans der Werkself war es eine erste Kostprobe dessen, worauf sie sich in der nächsten Saison freuen können. Für Calhanoglu selbst mag es sich wie eine Befreiung angefühlt haben, endlich wieder das tun zu können, was er am liebsten macht: Fußball spielen. Der Sport nämlich war in den letzten Wochen in den Hintergrund gerückt.

In der Öffentlichkeit wurde das 20-jährige Offensivtalent seit der Bekundung seiner Wechselabsichten zum Ende der letzten Spielzeit zur Reizfigur, nicht nur im Umfeld seines damaligen Vereins, dem Hamburger SV.

"Aus Sicht des Spielers wird Leverkusen favorisiert", hatte Berater Bektas Demirtas ausgerechnet vor dem für die Nordlichter immens wichtigen Relegationsrückspiel gegen die SpVgg Greuther Fürth verkündet. Jener Berater, der noch im Februar nach der Verlängerung des Vertrages seines Klienten meinte: "In so einer schwierigen Situation wie derzeit beim HSV muss man auch mal Farbe bekennen." Zuvor hatte Calhanoglu das Arbeitsverhältnis um zwei Jahre bis 2018 erweitert.

Wenige Tage nach der Relegation wandte sich der Youngster via Twitter an die HSV-Fans und bat um Nachsicht. Er wolle nun in der Champions League spielen, habe mit Toren zum Klassenerhalt der Hanseaten beigetragen. Der Wechsel zu einem Klub mit Chancen auf die Königsklasse sei auch im Hinblick auf die EM 2016 wichtig. Das Verständnis in den sozialen Netzwerken hielt sich in Grenzen, der Shitstorm war dem gebürtigen Mannheimer sicher.

Der HSV aber wollte zunächst nicht verkaufen. Nach der Sommerpause erschien Calhanoglu allerdings nicht zum Trainingsauftakt, stattdessen schickte er eine Krankschreibung an die Geschäftsstelle, die er sich von einer Psychologin ausstellen ließ. Zuvor hatte der fünffache Internationale gegenüber der Sport Bild deutlich gemacht, dass er Angst vor dem Start der Vorbereitung habe: "Es wird schwierig für mich, wenn ich sehe, wie viel Wut und Hass da sind. Man weiß ja, wozu einige Menschen in der Lage sind."

Ein lohnendes Geschäft für den HSV

Die Hamburger stimmten dem Transfer schließlich zu. Drei Tage nach der Unterschrift in Leverkusen stand Calhanoglu wieder auf dem Trainingsplatz, die Krankschreibung hätte eigentlich für eine weitere Woche gegolten. Für den inzwischen gefeuerten HSV-Sportdirektor Oliver Kreuzer war die Sache klar - da hat jemand mit einem fingierten Attest seinen Willen durchgebracht.

Kreuzer zeigte sich gegenüber der Bild verwundert, "wie schnell so ein Genesungsprozess voranschreiten kann, wenn man nach Leverkusen wechselt. Dass er am Tag des Transfers wieder gesund ist, sagt doch schon alles". Gefreut haben sie sich in Hamburg hingegen über die Ablösesumme in Höhe von rund 14 Millionen Euro, die man auch in die Verpflichtung von Stürmer Pierre-Michel Lasogga stecken konnte. Bezahlt hatte man 2012 für Calhanoglu 2,5 Millionen Euro, ein lohnendes Geschäft also.

Ohnehin schob Kreuzer den Schwarzen Peter nicht dem Spieler, sondern dessen Umfeld zu: "Das ist nicht der Junge und auch nicht der Berater - das ist der Vater. Er macht Druck, auch auf den Berater." In der Tat sollten die Kritiker Calhanoglus nicht außer Acht lassen, dass es sich hier um einen 20 Jahre jungen Mann handelt - die Hetzjagd gegen ihn war nicht nur deshalb zum Teil unterhalb der Gürtellinie angesiedelt. Zumal dem HSV nicht nur die eingespielte Ablöse gut tut, sondern der Verein darüber hinaus ohne die elf Tore und vier Assists des Neu-Leverkuseners wohl abgestiegen wäre.

Schmidt schwärmt von Calhanoglu

Bei Bayer jedenfalls kann man sich auf die Torgefährlichkeit und die Freistöße des teuersten Einkaufs der Vereinsgeschichte freuen. Der neue Trainer weiß auch schon genau, wie er seinen Schützling im geplanten 4-4-2-System einsetzen will: "Wir werden das Zentrum sehr stark machen und mit zwei Zehnern auf den Halbpositionen spielen", erklärte Roger Schmidt im kicker-Interview, "halbrechts oder halblinks ist für Hakan eine Superposition". Aber längst nicht die einzige Option: "Er kann auch als eine von zwei Spitzen spielen und diesen Part etwas hängend interpretieren."

Für Schmidt ist Calhanoglu ein "ungewöhnlich facettenreicher Fußballer", nicht nur wegen seiner Standards, die der Bayer-Coach für "extrem außergewöhnlich" hält. "Hakan besitzt alle Qualitätsmerkmale, die einen offensiven Mittelfeldspieler auszeichnen", schwärmte der ehemalige Coach von Red Bull Salzburg weiter. "Er ist sehr spielintelligent und in der Lage, komplexe Situationen aufzulösen. Er ist in der Lage, unter Druck seine Mitspieler einzusetzen. Außerdem kann er aus dem Spiel heraus sehr torgefährlich werden, weil er einen guten Abschluss hat."

Wenn alles normal läuft, wird Bayer in hohem Maße von diesen Qualitäten profitieren.

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