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Nachdem es für die Hertha in den letzten Jahren durchwachsen lief, steuert man nun wieder in ruhigere Gewässer. Dies hat man auch dem einst so umstrittenen Manager zu verdanken.

Berlin. Er sprach von kollektivem Versagen, verwies aber auch auf individuelle Aussetzer und unglückliche Eigentore. Es war der 29. Mai 2012, als Michael Preetz auf der Mitgliederversammlung versuchte, den über 3000 erbosten Anhängern von Hertha BSC den Abstieg zu erklären. Immer wieder musste der Manager dabei pausieren. Mehrfach wurde er nämlich gnadenlos ausgepfiffen. Der Sündenbock für den zweiten Gang in Liga zwei innerhalb von drei Jahren konnte nur er sein, der Interimslösungen ausgeschlossen, fünf Trainer verschlissen hatte - und das meist sogar mit mächtig Nebengeräuschen.

Präsident Werner Gegenbauer hielt aber zum früheren Angreifer, der sogar Herthas erfolgreichster aller Zeiten ist. Er knüpfte seine Wiederwahl, über die an jenem Abend entschieden werden sollte, an eine Fortführung der Zusammenarbeit mit Preetz. Und er hatte den Großteil der Anhänger hinter sich, wenngleich viele von ihnen gegen den Manager waren. So bekam der heute 46-Jährige seine zweite Chance.

Goal 50: Hier gibt's alles zur prestigeträchtigen Wahl

Beim ersten Abstieg traf den damaligen Neueinsteiger, der im Sommer 2009 den Posten übernommen hatte, eine wesentlich geringere Schuld. Ihm fehlte es einerseits an der nötigen Erfahrung, andererseits fehlte der alten Dame auch das Geld. So konnten Leistungsträger wie Marko Pantelic (Vertrag lief aus), Andriy Voronin (war vom FC Liverpool ausgeliehen) und Joe Simunic (wechselte per Ausstiegsklausel zur TSG Hoffenheim) weder gehalten noch ersetzt werden.

Anders als viele der Fans blickte Gegenbauer 2012 rational zurück. Er wusste, dass Preetz Zeit brauchte, um in die Rolle zu wachsen - und dass dieser bereit war, aus seinen Fehlern zu lernen. Während der Saison 2011/12 waren es einige: eine missglückte Transferpolitik, dazu mehr als nur Pech bei der Trainerwahl. Sein Vertrauen sollte sich jedenfalls als kluger Schachzug herausstellen. Mit Jos Luhukay gelang Preetz danach ein absoluter Volltreffer.

Schon sieben neue

Der Niederländer führte die Berliner zum direkten Wiederaufstieg und konnte in der Folge-Saison - auch dank fast ausschließlich überzeugender Neuzugänge - die Klasse halten. Besonders beeindruckend trat der Aufsteiger in der Hinrunde auf, als man mit satten 28 Punkten sammelte auf dem sechsten Tabellenplatz überwinterte.

Die Saison war letztlich aber nicht nur sportlich ein Erfolg. Durch den Deal mit dem global agierenden Investor Kohlberg Kravis Roberts und Co. L.P., kurz KKR, steht der BSC finanziell auf stabileren Beinen. Dies bringt den Vorteil, dass die Einnahmen aus Transfers wieder direkt in den Kader investiert werden können. Anders als in seiner Anfangszeit muss Preetz also keinen bestimmten Anteil mehr in die Schuldentilgung stecken.

Und so konnte sich die Alte Dame in diesem Sommer schon sieben Neuzugänge leisten. Valentin Stocker, Marvin Plattenhardt, Jens Hegeler, Genki Haraguchi, Julian Schieber, John Heitinga, Roy Beerens sind allesamt Spieler, die eine gewisse Qualität mitbringen, mit Ausnahme des niederländischen Innenverteidigers auch noch äußerst entwicklungsfähig sind.

Vier sollen noch weg, Syhre nur auf Leihbasis

Möglich wurden diese Investitionen dank der Verkäufe von Adrian Ramos und Pierre-Michel Lasogga, welche zusammen knapp 20 Millionen Euro in die Kassen spülten. Vor dem Hintergrund, dass beide nur noch ein weiteres Jahr an die Hertha gebunden und für insgesamt zwei Millionen gekommen waren, ist dies eine lobenswerte Leistung.

"Entscheidend war die strategische Partnerschaft mit KKR, wodurch sich die Verbindlichkeiten auf einen Schlag geändert haben. Das war der Hauptverdienst von Ingo Schiller", wollte Preetz das ganze Lob in der Bild nicht für sich allein in Anspruch nehmen.

Ein bisschen Arbeit hat er trotz der zahlreichen Neuzugänge aber noch vor sich. Youngster Hany Mukhtar, der aktuell bei der U19 weilt, muss endgültig von der Vertragsverlängerung überzeugt werden. Anthony Syhre, ebenfalls bei der Junioren-EM dabei, soll hingegen verliehen werden. Für ihn muss ebenso wie für Felix Bastians, Christoph Janker und Sascha Burchert ein Abnehmer gefunden werden. Die letzten drei sollen aber eher dauerhaft gehen.

BISHERIGE TRANSFERS
Zugänge Abgänge
Tolga Cigerci (war zuvor vom VfL Wolfsburg ausgeliehen) Peer Kluge (Arminia Bielefeld)
Valentin Stocker (FC Basel) Maik Franz (unbekannt)
Marvin Plattenhardt (1. FC Nürnberg) Levan Kobiashvili (Karriereende)
Jens Hegeler (Bayer Leverkusen) Adrian Ramos (Borussia Dortmund)
Genki Haraguchi (Urawa Reds) Per Skjelbred (Hamburger SV, war ausgeliehen)
Julian Schieber (Borussia Dortmund) Fabian Holland (Darmstadt 98, Leihe)
John Heitinga (FC Fulham) Ben Sahar (Willem II)
Roy Beerens (AZ Alkmaar) Pierre-Michel Lasogga (Hamburger SV)
Felix Bastians (war an den VfL Bochum verliehen)  

Kommen könnte im Gegenzug noch ein weiterer Mann für den Angriff. Im Gespräch waren zuletzt Anthony Modeste (Hoffenheim) sowie Imoh Ezekiel (Standard Lüttich). Beide sind Spieler mit Instinkt, Geschwindigkeit und einem kräftigen Körper ausgestattet. Zudem ist eine Rückkehr von Per Skjelbred, letzte Saison vom HSV ausgeliehen, noch nicht gänzlich vom Tisch.

Es kann sich bei Hertha durchaus etwas tun, zum Großteil steht die Mannschaft jedoch. Ein Ziel der Vorbereitung ist es nun, die Verantwortung, die lange Zeit lediglich auf Adrian Ramos lastete, auf mehrere Schultern zu verteilen. Schieber fügte sich bisweilen gut ein, bewies zudem schon Torjäger-Qualitäten. Sandro Wagner ist als stets rackernder Arbeiter Ersatz. Sami Allagui, der in der Vorsaison vom rechten Flügel kommend neun Liga-Tore erzielte, bekommt mit Beerens einen starken Konkurrenten. Deshalb kann auch er künftig häufiger im Zentrum eingesetzt werden, wenngleich er in den Testspielen vorrangig über außen kam.

Von dort sollen neben Beerens künftig Stocker, Haraguchi und Außenverteidiger Plattenhardt für ein effizienteres Flügelspiel sorgen. In der Vorsaison konnten die Berliner über die Flanken nämlich zu selten Druck entwickeln. Das bedeutet intern freilich mehr Konkurrenzkampf, was wiederum etablierte Kräfte wie Änis Ben-Hatira, Nico Schulz oder Johannes van den Bergh zu einer Leistungssteigerung treiben soll.

Konkurrenzkampf in jedem Mannschaftsteil

Auf diese hofft man ebenso bei Ronny, der nach der Rückkehr von Alexander Baumjohann (nach Kreuzbandriss) und der Verpflichtung Jens Hegelers endlich in der Bundesliga liefern muss. In der Vorsaison war der Brasilianer nicht annähernd so wichtig für das Spiel der Hertha, wie es eine Spielklasse darunter der Fall war.

Im Abwehrzentrum ist die Situation ähnlich. Heitinga gilt als Leader und potentieller Abwehrchef. Eben jene Rolle bekleidete in der Vorsaison lange Zeit Fabian Lustenberger, ehe er sich verletzte. Aktuell muss er wieder pausieren. Sebastian Langkamp, in der Vorsaison äußerst verlässlich, gehört eigentlich in die erste Elf. Es bleibt noch WM-Fahrer und Torschütze John Anthony Brooks, für den es ob seines jungen Alters auch um Einsatzminuten geht.

Auf welchen Mannschaftsteil man auch schaut: Der Konkurrenzkampf scheint größer denn je. Weil Konkurrenz bekanntermaßen das Geschäft belebt, dürfen die Berliner durchaus mit gewissen Erwartungen in die neue Saison gehen. Die vergangene Hinrunde hat gezeigt, was ein positiver Lauf ausmachen kann. Dass letztlich jemand intern abhebt, darf man getrost ausschließen. Dafür ist mit Luhukay ein viel zu geerdeter Coach am Steuer.

Ziel: Hertha in der Bundesliga etablieren

So erlaubte sich dieser jüngst eine entsprechende Prognose. "Ich möchte mit Hertha auf das Topniveau kommen, wo der Verein schon mal war, und Europa- oder Champions League spielen. In den nächsten zwei, drei Jahren werden wir das aber nicht schaffen", so der 51-Jährige. Zunächst gelte es, sich in der Liga zu etablieren: "Das ist auch ein großer Erfolg!"

Der Niederländer sagt dies sicherlich in dem Wissen, dass das zweite Jahr für einen Aufsteiger immer das schwerste ist. Eintracht Frankfurt, der FC Augsburg und der 1. FC Kaiserslautern sind die jüngsten drei Vereine, die dies zu spüren bekamen. Luhukay weiß aber natürlich um die Vorteile, die der Standort Berlin langfristig und bei einer guten Entwicklung bietet. Ob jener Möglichkeiten wird immer wieder vom schlafenden Riesen gesprochen. Langsam erwacht dieser.

Oder wie Preetz es - gewiss auch auf sich selbst blickend - zum Ausdruck brachte: "Die Zeiten waren nicht immer einfach. Ingo Schiller, Werner Gegenbauer, Thomas Herrich und ich sind stolz, dass wir durch unsere vertrauensvolle Zusammenarbeit bei Hertha den Turn-Around geschafft haben. Das Boot wurde in die richtige Richtung manövriert. Jetzt wollen wir sportlich weiter Fahrt aufnehmen."

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