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WM - und dann? Kagawa vor ungewisser Zukunft

Beim BVB verzückte der Japaner die Zuschauer, in England tut er sich schwer. Sein Auftreten bei der Weltmeisterschaft wird nun über seine Zukunft entscheiden.

Von rechts kommt der Ball flach vor das Tor, wo Shinji Kagawa lauert und zur Führung einschiebt. Wenig später leitet er den Ball im Strafraum mit der Hacke weiter, Mitspieler Kevin Großkreutz holt in der Folge den Elfmeter zum 2:1 heraus. Kurz vor der Pause spielt der Japaner schließlich einen weiteren Traumpass auf Robert Lewandowski: 3:1 - Kagawa in Bestform. Im letzten Spiel für Borussia Dortmund, dem 5:2-Pokal-Triumph über Bayern München, trumpfte er auf.

Bilder wie aus einer anderen Zeit, denn was folgte, ist bekannt. Er erfüllte sich den Wunsch und wechselte nach England, zu Manchester United. Im ersten Jahr lief es passabel, er konnte in 20 Liga-Spielen neun Scorerpunkte sammeln, in drei Champions-League-Partien zwei Tore vorbereiten. Auf den ersten Blick wären diese Zahlen ob seiner Qualitäten unzureichend. Doch er fiel eine Zeit lang mit Knieproblemen aus, musste er sich auch an das neue Umfeld erst gewöhnen.

Folglich war ein Wechsel - etwa zurück zum BVB – für den offensiven Mittelfeldmann im Sommer 2013 kein Thema. Er wollte sich in Manchester durchsetzen, nun allerdings nicht mehr unter dem legendären Sir Alex Ferguson, sondern unter dessen Nachfolger David Moyes. Es sollte keine gute Saison werden, sowohl für den Verein als auch für Kagawa.

Umbruch bei United als Chance?

In der Liga kam er trotz bester Gesundheit nur auf 18 Einsätze, erzielte dabei nicht ein Tor und pendelte allzu oft zwischen Bank sowie Tribüne. Tatsächlich bot der Japaner bei seinen Einsätzen überraschend wenig an. Noch schlimmer aber, so empfanden es die Anhänger der Red Devils, war, dass der 25-Jährige wenig Chancen erhielt. Für sie war in erster Linie der Trainer Schuld. Dieser bestätigte sein Misstrauen gegenüber dem quirligen Offensivmann, indem er im Winter mit Juan Mata weitere Konkurrenz verpflichtete.

DIE SICHT AUS JAPAN
Dan Orlowitz - Goal Japan

"Zusammen mit Honda gehört Kagawa zu den beliebtesten Spielern des Landes. Vielleicht ist er sogar noch ein bisschen beliebter, gilt er doch eher als zurückhaltend. Honda hingegen hat ein wenig das Image eines Bad Boys."

In Japan, wo Kagawa trotz seiner tristen Zeit auf der Insel neben Keisuke Honda zu den beliebtesten und wichtigsten Spielern der Nationalmannschaft gehört, galt ebenfalls der Schotte als Hauptschuldiger, hatte Kagawa doch beim BVB gezeigt, was er kann.

Doch Moyes ist mittlerweile Geschichte. Die Hoffnungen ruhen nun auf Louis van Gaal, der den grandios gescheiterten Vorgänger im Sommer beerben wird. Seitdem klar ist, dass der Niederländer den vakanten Posten übernimmt, werden aber fast täglich neue Namen genannt, die in Manchester künftig für frischen Wind sorgen sollen.

Einen Umbruch, da sind sich die Experten einig, wird es im Old Trafford so oder so geben. Gut möglich, dass Kagawa den Verein verlässt. Sollte er van Gaal mit ansprechenden Leistungen bei der WM aber von sich überzeugen, könnte er genauso gut eine Zukunft beim Traditionsverein haben.

Wechsel "im Moment eher unwahrscheinlich"

Eine Entscheidung darüber, das ist klar, ist noch nicht gefallen. "Shinji wird erst einmal zur WM fahren und dann sehen, was der neue Trainer in Manchester plant", sagte Berater Thomas Kroth Mitte Mai zum kicker. "Im Moment ist es eher unwahrscheinlich, dass er den Verein im Sommer verlässt." Klar ist, dass Kagawa bei United anders eingesetzt werden muss, wenn er sein Potential voll zur Geltung bringen soll.

DIE SICHT AUS ENGLAND
Stephen Darwin - Goal England

"Wenn van Gaal gefällt, was er bei der Weltmeisterschaft sieht, und es ihm nicht gelingt, einen der Weltklasse-Mittelfeldspieler, die er auf der Liste hat, zu verpflichten, dann könnte Kagawa nächste Saison eine große Rolle spielen."

Manchester, meist ganz klassisch mit zwei echten Außenbahn-Spielern, verlangt von ihm in erster Linie Flügelläufe und Flanken. Mit seinen kurzen Schritten, der Kombinationssicherheit, der Torgefahr gehört Kagawa aber ganz klar in die Mitte, hinter eine oder zwei Spitzen.

So durfte er in Dortmund schalten und walten, so darf er auch in Japans Nationalelf mit Einschränkungen spielen. Im zentralen offensiven Mittelfeld ist Honda gesetzt, Kagawa agiert nach links versetzt, genießt dort aber viele Freiheiten, sodass er immer wieder durch die Mitte kommen kann. Nicht umsonst sagte er kurz vor Turnier-Beginn: "Es ist schön, bei der japanischen Mannschaft zu sein."

Schwacher WM-Start

Dort sorgte er in der Vorbereitung auch für Erleichterung bei den Anhängern der "Samurai Blue". Während Honda nämlich schwächelte, riss Kagawa das Spiel an sich. Die Endrunde schien kommen zu können - schien. Denn im ersten Spiel, dem 1:2 gegen die Elfenbeinküste, war von ihm nichts zu sehen, Honda hingegen erzielte die Führung. Weil dieser in Folge ebenso harmlos agierte wie sein Nebenmann, gelang nach vorne nichts mehr.

Zu allem Überfluss vernachlässigte Kagawa auch noch seine Defensivaufgaben, bei beiden Gegentoren ließ er seinen Hintermann, Yuto Nagatomo, im Stich. "Ich habe kaum schlafen können", berichtete er später. "Offen gestanden, hatte ich das Gefühl, dass wir unser Spiel nicht aufziehen konnten, ich persönlich konnte auch nichts ausrichten. Es war frustrierend."

Tritt der Offensivmann in den nächsten beiden Spielen ähnlich auf, droht ihm nicht nur das Aus bei Manchester United, sondern womöglich auch das Aus in der Nationalelf – zumindest vorübergehend. Denn Alberto Zaccheroni, der gerne an seiner Stammformation festhält und deshalb über Kagawas Reservistenrolle in England hinweg sah, hört nach der WM womöglich auf. Bei einem neuen Trainer, so viel ist klar, muss er sich neu beweisen, in jedem Fall aber hätte er nicht mehr das Standing, das er im Moment genießt.

"Reus, Mkhitaryan und Kagawa – das hätte Stil"

Wie geht es also weiter für den bescheidenen Kagawa? Natürlich gäbe es immer noch den "Ausweg" BVB. Offiziell sucht dieser zwar aktuell nicht mehr nach Verstärkungen. Sollte er aber, anders als im Vorjahr, signalisieren, zurückkehren zu wollen, stünden ihm in Dortmund wohl alle Türen offen.

Daran ändert die Tatsache nichts, dass der Vizemeister spätestens nach der Rückkehr von Marco Reus und Ilkay Gündogan offensiv qualitativ wie quantitativ bestens besetzt ist. Kagawa würde beide Faktoren mit seiner technischen Klasse sowie seiner Flexibilität erhöhen. "Wir würden Shinji natürlich mit Kusshand nehmen. Eine offensive Dreierreihe zum Beispiel mit Reus, Mkhitaryan und Kagawa zu bilden – das hätte durchaus Stil", schwärmte Mats Hummels unlängst im kicker.

Letztlich wird es so sein, wie es Kagawas Berater angekündigt hat: Erst einmal steht die Weltmeisterschaft an, danach muss man weitersehen. Vielleicht kann er doch noch glänzen, mit Japan, das ohnehin von einigen als Geheimfavorit betrachtet wird, überraschen. Dann könnte er nach einer furchtbaren Saison sogar Manchester Uniteds Heilsbringer werden.

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