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Arjen Robben beim FC Bayern München: Der Mann aus Gold

Gestählt von Tiefschlägen agiert er auf dem Zenit seines Schaffens. Vom klischeebehafteten Image wusste sich Robben zu befreien – Dortmund steht symbolisch für die Metamorphose.

München. Im Oval erhebt sich Widerstand. Es rumort, die Fans tuscheln. Plötzlich Pfiffe. Lautstark. Ein ungemütlicher Empfang, für Arjen Robben Alltag. Als Profi weiß er Feindseligkeiten auszublenden, sie zu kanalisieren, zieht daraus positive Energie. Der Geräuschpegel zeugt von Anerkennung, von Angst bei gegnerischen Fans. Je höher, desto besser. An jenem Mittwoch im Mai indizierte dieser mehr. Verbitterung und Missmut. Beides im höchsten Maße.

Drei Tage zuvor erlebte der FC Bayern seine bitterste Stunde in 112 Jahren. Die Champions League wurde vergeigt. Auf niederschmetternde wie tragische Weise. Im Elfmeterschießen erlagen die Stars dem FC Chelsea, und sich selbst, dem eigenen Nervenkostüm. Auch Robben. Er, der Unfehlbare, scheiterte in der Verlängerung vom Punkt, bereits im April gegen Borussia Dortmund. Zwei fatale, weil entscheidende Fehlschüsse innerhalb kürzester Zeit. Er gab dem Drama dahoam ein Gesicht, musste als Sündenbock herhalten.

Beim eigens für ihn arrangierten Testkick, dem eine Verletzung inklusive Entschädigungsdisput mit dem niederländischen Verband vorausging, bekommt er dies zu spüren. In der Allianz Arena. Vom heimischen, dem Münchener Publikum. Unüberhörbar.

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Schauplatzwechsel. Berlin, DFB-Pokal-Finale, zwei Jahre später. Jerome Boateng flankt zur Mitte, auf den langen Pfosten. Dort lauert Robben und schiebt aus kurzer Distanz ein. Ausgerechnet er. In der 107. Minute. Vor der Kurve streckt er seine Arme aus, mit breiter Brust. Eine Geste der Genugtuung, der Bestätigung. Der Anhang feiert ihn. Sie feiern gemeinsam. Ekstatisch. Die Dissonanzen von damals vergessen. "Robben ist Wille, ist Leidenschaft. Das ist Bayern. Das war á la bonne heure", lobhudelte Karl-Heinz Rummenigge nach dem 2:0-Triumph. Kurzerhand erkor er den umtosten Helden zur "bestia negra für den BVB". Der 30-Jährige dribbelte sich zurück in die Herzen. Zurück in das Rampenlicht. Dort, wo er sich fußballerisch am liebsten wähnt.

"Wembley war die absolute Befreiung"

Seine Kraft schöpfte Robben aus dem Erlebten. Er entfloh nicht der Kritik, stellte sich ihr vielmehr in der bayrischen Landeshauptstadt 2012. Entgegen jeglicher Spekulationen. Vielleicht entgegen seiner eigenen Intentionen. Er arbeitete, härter, verbissener, jeden Tag, meckerte auch. Die Rotation spülte ihn mal in die Startelf, oft auf die Bank. Zu wenig für sein Verständnis. Der Niederländer brennt auf Einsätze. Er liebt den Wettkampf, mimt den Spielentscheider. Keinesfalls die Teilzeitkraft. Erst Toni Kroos' Ausfall öffnete ihm kurz vor dem Höhepunkt die Tür.

"Die absolute Befreiung", betonte Stefan Effenberg exklusiv bei Goal, "war das Tor gegen Dortmund im Wembley."  Auf dem heiligen Rasen im Londoner Stadtteil Brent begründerte er seine Renaissance. Kurz vor Schluss, unwiderstehlich. Hilflos grätschte Mats Hummels ins Leere, neben ihm plumpste Neven Subotic zu Boden. Robben war nicht zu halten. Er sehnte den Befreiungsschlag herbei, so sehr - mit jeder Faser seines in der Vergangenheit so störrischen Körpers.

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"Da war das Gefühl: endlich", sinnierte er in der TZ, "Endlich das gewonnen, was wir gebraucht haben. Wenn man in vier Jahren dreimal im Finale steht, ist das Siegen eine tiefe Genugtuung." Bayern streifte sein Trauma ab - Robben sein "Verlierer-Image". Nach bitteren Pleiten in der Königsklasse, bei der WM 2010 sowie im DFB-Pokal war er wieder jemand. Ein Publikumsliebling. Ein Gewinner.

Verletzungsfrei in neue Dimensionen

Nachdenklich reflektierte er: "Ich weiß nicht, ob alles so passieren musste. Aber schöner konnte es nicht sein, als ein Jahr danach die Champions League zu holen. Es war wie ein Roman. Wie der Traum eines kleinen Jungen." Mit einem Schuss verflüchtigte sich der zentnerschwere Psychoballast tränenreich. Mehrfach spielte er den Abend im Kopf durch, nun war es vollbracht. Seither darf sich Robben nicht nur mit Glanz und Gloria des Henkelpotts schmücken. Das geschichtsträchtige Triple beflügelte ihn. Er führt Bayern, strotz vor Motivation und Freude, treibt seine Kollegen vorbildhaft an.

Lothar Matthäus, ehemaliger Weltfußballer, adelte ihn, nicht Franck Ribery, Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger, gar zum "Gesicht des FC Bayern" in dieser Saison. "Er ist nicht mehr verletzt, nicht mehr egoistisch, bereitet Tore vor, stellt sich in den Dienst der Mannschaft, trifft selbst. Seine Entwicklung und seine Leistungen verdienen höchsten Respekt." Der Mann aus Glas wurde zum Mann aus Gold. Beim FC Chelsea und Real Madrid noch regelmäßig im Rehazentrum anzutreffen, hat er gelernt auf die innere Stimme zu hören.

Zwar staunte Matthias Sammer während der Vorbereitung im Trentino über dessen Intensität, selten habe er das erlebt, Robben trainiert jedoch dosierter. Er lebt von seinen Energieanfällen Die Muskeln sind sein Kapital. Er muss sie hegen und pflegen. Sein athletischer Stil verlangt danach. Ohne wäre er lediglich einer von vielen Ballkünstlern. Ihm würde eine essentielle Komponente verloren gehen. "Alle sagen immer: Er geht nach innen, zieht mit links ab“, lächelt er. Es ist die für ihn typischste Bewegung. Ein "klassischer Robben" hört man an Stammtischen oft. "Das klappt immer wieder. Für mich ist allerdings wichtig, das Überraschungsmoment zu behalten." Vor rund einem Jahr überraschte er die Zweifler. Neuerlich.

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Vertrauensbeweis Verlängerung

Unter Pep Guardiola wurde er als potenzieller Streichkandidat abgestempelt. Er sei ein Egozocker, zu wenig Teamplayer, zu sehr Grenzgänger, mit seiner Theatralik ungeeignet für den neuen Chef. Robben widerlegte die Klischees. Nur kurz, bei der Elfer-Debatte, stand ihm die Eitelkeit im Weg. Erst durfte er nicht, dann wollte er nicht. Seine plausible und ehrliche Begründung: "Emotionen gehören dazu. Ich bin keine Schaufensterpuppe." Der katalanische Cheftaktiker erkannte dennoch, was er an ihm hat. Er liebe ihn, bezeichnete ihn als Geschenk.

Wembley-Tor in Berlin: Warum bloß?

"Das Wichtigste ist", so Effenberg, "auch bei einem Profi seines Formats, dass er Vertrauen genießt. Robben hat es unter Jupp Heynckes bekommen, jetzt ebenso." Mit beeindruckenden Statistiken zahlt er dies zurück. 21 Tore und 17 Assists verbuchte er wettbewerbsübergreifend. Er brillierte, ob auf dem geliebten Flügel, oder als Solo-Stürmer wie in Berlin. Borussia Dortmund steht sinnbildlich für die Metamorphose. Er nahm sein Schicksal an, entschied zwei wichtige Finalspiele, ist wertvoller denn je.

"Ich habe gesagt", erklärte Robben mit kultiger Kopfbedeckung nach dem Pokal-Sieg, "das sind die schönsten Partien, die muss man genießen, bereit sein. Dafür arbeitet man das ganze Jahr. So ein Tor zu schießen, ist ein super Gefühl." Den Höhepunkt seiner Schaffenskraft erreicht, wurde er mit neuen Arbeitspapieren bis 2017 belohnt. Ihm gebührt uneingeschränkte Wertschätzung im Bayern-Kosmos. Die Pfiffe sind verstummt, das vermaledeite Finale dahoam verblasst.

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