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DFB-Pokalfinale: Kampf der Spielkonzepte

Bayern München und Borussia Dortmund sind zwei Top-Mannschaften mit unterschiedlichen Ausrichtungen. Feinheiten werden das Pokalfinale entscheiden.

ANALYSE
Von Constantin Eckner

Die nationale Fußball-Saison endet mit dem Aufeinandertreffen der beiden Spitzenklubs im DFB-Pokalfinale. Der letzte Monat hätte für Bayern München und Borussia Dortmund nicht unterschiedlicher verlaufen können. Während Jürgen Klopp seine Mannschaft mit einer variableren taktischen Ausrichtung wieder auf Kurs brachte, schieden die Bayern in der Champions League gegen Real Madrid deutlich aus.

Es wird beim Pokalfinale für beide Mannschaften darum gehen, wer die eigene strategische Ausrichtung taktisch besser umsetzt, die Anpassungen des Gegners gut antizipiert und selbst flexibel reagiert.

Wer wird die Kontrolle im Spiel übernehmen?

Pep Guardiola machte vor kurzem noch deutlich, dass er weiter am Ballbesitzspiel festhalten wolle. Es ist insofern nachvollziehbar, da er eher Nuancen am taktischen Konzept ändern muss, als eben jenes komplett über den Haufen zu werfen. Die Bayern werden mit großer Wahrscheinlichkeit mehrheitlich den Ball im eigenen Besitz haben. Es geht in diesem Zusammenhang vielmehr darum, ob sich ihre Passzirkulation verstärkt tief abspielt oder man in höhere Zonen gelangt.

Im Rückspiel gegen Real Madrid, dass die Münchener mit 0:4 verloren, erregte Guardiola mit seiner Aussage, man hätte doch zu wenig Ballbesitzdominanz ausgestrahlt, Kopfschütteln. Dabei meinte er das Richtige. Die Bayern, ob von der öffentlichen Meinung beeinflusst oder nicht, probierten schneller nach vorn zu kommen. Dies versuchten sie, indem sie rascher, aber auch ungenauer abspielten. Die Passzirkulation wurde ein Stück weit aufgegeben und man ließ sich auf einen offenen Schlagabtausch mit den Madrilenen ein. Das kann auch gegen Jürgen Klopps Umschaltmannschaft tödlich sein.

Hat Bayern nur Stehgeiger im Mittelfeld?

Die beiden Chef-Strategen Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger gerieten in letzter Zeit als Querpass-Spieler in die Kritik. Beide würden zu wenig Tempo entwickeln. Sicherlich sind sie keine ultradynamischen Akteure im zentralen Mittelfeld.

Aber gegen Real Madrid waren sie auch der Möglichkeiten beraubt. Die Spanier verstanden es hervorragend, immer wieder kollektiv zu verschieben und die Anspielstationen im Deckungsschatten auszuschalten. Kroos oder Schweinsteiger schauten sich mit Ball am Fuß um, sahen aber keine freien Passwege und auch keine Mitspieler für Zuspiele.

In diesem Zusammenhang wird auch klar, warum Thiago Alcantara ein Schlüsselakteur bei Guardiola ist. Er kann nicht nur perfekt im Kurzpass-Ballbesitzspiel agieren, sondern sich zugleich durch kurze schnelle Bewegungen der gegnerischen Umklammerung entziehen und vertikal nach vorn spielen. Doch der Spanier wird wohl aufgrund einer langwierigen Verletzung höchstens als Joker im DFB-Pokalfinale zum Einsatz kommen.

Wie wird Jürgen Klopp sein Team aufstellen?

Die Dortmunder haben sich seit der Rückrunden-Partie gegen Wolfsburg immer weiter entwickelt. Klopp vertraut nicht mehr stur auf ein 4-2-3-1, sondern probierte bereits einige Formationen aus. Beim 3:0-Auswärtssieg in München vor einigen Wochen konstituierte sich der BVB beispielsweise in einem asymmetrischen 4-4-2. Der rechte Flügelspieler Jonas Hofmann rückte dabei nach vorn.

Baute Bayern von hinter auf, ließen die Dortmunder im Angriffspressing Dante auf der halblinken Seite erst ein Stück weit frei. Bekam der Brasilianer den Ball, wurde er sofort von Hofmann angelaufen. So forcierte der BVB einige Fehlpässe und eroberte schnell das Spielgerät wieder zurück. Die Bayern sind gegen hohes Pressing und kluge Fallen anfällig. Das machten auch die Partien gegen Real Madrid deutlich.

Kann der BVB nur hoch attackieren?

Allerdings liegt der Erfolg in der richtigen Mischung. Würde der BVB beim Pokalfinale nur hoch aufrücken und immer auf den schnellen Ballgewinn aus sein, könnte Bayern dies ausnutzen, indem sie doch einmal durchbrechen und bei den Dortmundern die Absicherung fehlt. Gegen das Ballbesitzspiel der Münchener ist es deshalb genauso essenziell, gut gestaffelt zu stehen und hellwach zu verschieben.

Frank Wormuth, Leiter der Fußballlehrerausbildung des DFB, analysierte die Leistung Real Madrids im Interview mit Spox wie folgt: "Was die Spanier gut machten: Um die Ballzirkulation der Bayern gar nicht beginnen zu lassen, stellten sie den Torabstoß von Manuel Neuer zu. So zwang man die Bayern zu Fehlpässen in Form von Flugbällen. Wenn die spanische erste Abwehrreihe, also die spanischen Stürmer, von den Bayern überspielt wurden, ging es bei Real sofort ab nach hinten, um massiv zuzumachen, also ein Konterspiel aufzuziehen."

Carlo Ancelotti lieferte in dieser Hinsicht mit seiner Mannschaft eine Glanzvorstellung gegen Guardiolas Team ab. Die Madrilenen verschoben immer so, dass sich Trichter um den Ballführenden herum bildeten und dessen Sichtfeld stark eingeschränkt war. Musste der Münchener abbrechen und sich zurück zum eigenen Tor drehen, wurde er im Rücken sofort attackiert. In diesem mittleren und semi-intensivem Pressing kann man auch die Bayern zu einem riskanten und abfangbaren Zuspiel verleiten. Dadurch käme dann Dortmunds starkes Umschaltspiel zum Tragen.

In letzter Zeit vertraute Klopp häufiger auf eine Raute im Mittelfeld, wobei die beiden Halbspieler dynamisch vorstoßen und Henrikh Mkhitaryan die beiden Angreifer unterstützt. Kommen sie infolge einer Eroberung an das Spielgerät, ist der BVB immer für einen perfekt ausgespielten Konterangriff gut. Gerade wenn München weit aufrückt, die Außenverteidiger in den Sechserraum ziehen und die Innenverteidiger hoch stehen, kann es zu direkten Sprintduellen kommen, in denen besonders Marco Reus eine absolute Waffe ist.

Mit der gruppentaktischen Maßnahme des kollektiven Abschirmens sowie einer engen Reihenstaffelung kann man auch längere Ballbesitzphasen gegen die Bayern überstehen. Wichtig ist in diesem Fall, dass die starken Einzelakteure des Deutschen Meisters nicht in die offensiven Zwischenlinienräume gelangen und Akteure der Dortmunder Abwehrreihe in direkte Eins-gegen-Eins-Situation verstricken können.

Was muss Bayern München tun?

Pep Guardiola muss genau darauf aus sein, dass seine Mannschaft in diese gefährlichen Zonen gelangt. Einerseits dürfen sie ihre Flügelspieler nicht stetig in isolierte Situationen schicken, sondern müssen vielmehr situativ eine Seite überladen, kleinere Durchbrüche schaffen, diagonale Laufwege gehen und damit die Räume öffnen. Dortmunds Defensive ist gefährdet, wenn sie konstant in Bewegung gebracht wird und an einem Punkt nicht mehr die Lücke schließen kann.

Deshalb nützt es nichts, wenn sich die Bayern in ein klares Formationskorsett pressen, anstatt über variable Akteure wie Mario Götze oder Thomas Müller an ständig wechselnden Stellen für Unruheherde zu sorgen. Zudem kann Schweinsteiger über Vertikalläufe aufrücken oder aber den einrückenden und vorstoßenden David Alaba absichern, wodurch die Halbraumpräsenz erhöht wäre.

Insgesamt wird dieses Pokalfinale ein Duell auf Augenhöhe. Beide Trainer haben unterschiedliche Konzepte, die sie umsetzen möchten. Man kann nicht pauschal sagen, dass Ballbesitz- oder Umschaltspiel die richtige Strategie ist. Es kommt auf die konkrete Umsetzung an und diese wird höchstwahrscheinlich auch den Saisonabschluss in Berlin entscheiden.

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